Roatán: Karibische Schönheit unter Druck

Der Morgen beginnt absolut märchenhaft. Als wir in unserer Innenkabine im TV die Heckkamera aktivieren, glauben wir zunächst unser Schiff hätte über Nacht den Kurs verloren und wäre mitten im Dschungel gestrandet. Keine betonierten Hafenpromaden und keine geschäftige Hafenanlage. Nur dichtes Dschungelgrün. Es ist soviel Grün, dass die Luftfeuchtigkeit nach der ersten Sekunde an Deck direkt die Linse meiner Kamera beschlägt. Die Natur möchte mich wieder mal drosseln. Sie darf natürlich und so schaue ich mich erstmal um. Dass Roatán so wild wirkt, ist kein Zufall, sondern Teil einer ungewöhnlichen Geschichte. Die Insel gehörte ursprünglich zum Reich der Maya und später zu indigenen Gruppen wie den Paya. Im 17. Jahrhundert entdeckten britische Piraten die versteckten Buchten der Bay Islands für sich. Danach brachten die Briten versklavte Afrikaner auf die Inseln. Viele von ihnen wurden später freigelassen und bilden gemeinsam mit den indigenen Wurzeln die bis heute prägende Kultur der Garifuna. Roatán gehört zu den Islas de la Bahía von Honduras und liegt rund 50 Kilometer vor der Küste im Karibischen Meer. Außerdem ist sie von einem fast durchgehenden Korallenriff umgeben. Dieses Riff ist Teil des Mesoamerikanischen Barrier Reefs, dem zweitgrößten der Welt. Entsprechend ist Roatán eines der gefragtesten Tauchreviere der Karibik.

Unser Plan für heute gleicht einer sehnsuchtsvollen Karibikpostkarte: Kajakfahren und Schnorcheln. Und tatsächlich haben wir mit unserem Ausflug heute mehr Glück als manch anderer Ausflügler der AIDA. Eddie, ein sehr humvorvoller lokaler Guide, nimmt uns mit auf ein kleines Boot zu French Key, einem familiengeführten und verantwortungsbewußten Mini-Resort vor dem Riff. Hier gibt es eine geschützte Schwimmbucht, ein paar Papageien, ein paar Liegestühle, mehr nicht. Andere Ausflugsgruppen werden woanders hingebracht, dorthin, wo fünf Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig anlanden und es demnetsprechend zugeht wie in einer Sardinenbüchse. Hier sind wir fast unter uns. Im Glasbodenkajak gleiten wir über Korallen und die Reste einer Maya-Stätte, die wir aber nur schemenhaft erahnen können. Dann kommt endlich meine Schnorchelpremiere. Und die hat es gleich in sich. Wieder bringt uns ein Boot zum Riff. An Bord gibts eine professionelle Sicherheitseinweisung und Eddie erklärt uns Finnen, Brille und Notsignale falls wir Probleme haben. Soweit ist alles klar. Für mich allerdings nur bis zu dem Moment, in dem ich ohne Leiter ins Wasser springen soll. Während ich noch mit meinem Mut ringe, sind alle Köpfe schon unter Wasser. Dann los. Platsch! Ich bin drin. Mein Hirn allerdings weigert sich, dem Schnorchel zu vertrauen. Ich halte permanent die Luft an, denn die salzige Warnung des Meeres ist: Schluck mich bloß nicht. Immer wieder versuche ich mich zu sammeln und irgendwann klappt es besser. Die Kamera läuft einfach mit, wild am Handgelenk baumelnd. Egal, irgendwas wird sie schon aufzeichnen. Immer wieder ein kleiner Blick unter Wasser auf das Riff. Dann sehe ich einen der Guides, wie er einfach abtaucht und mit einer wunderschönen Muschel wieder auftaucht. »It’s still alive«, sagt er und wir dürfen sie kurz bewundern, bevor sie wieder sicher auf dem Grund des Meeres landet. Das Riff von Roatán steht unter Druck. Steigende Meerestemperaturen, unkontrollierter Tourismus, Sonnenschutzmittel im Wasser und Abwässer, die in die See gelangen. Korallenbleiche ist hier keine abstrakte Zukunftsangst, sie passiert genau jetzt vor unseren Augen. Als Wasser immer wieder in meine Brille eindringt und die Augen nur noch brennen, ist mein Schnorchelabenteuer auch schon wieder vorbei. Aber ich freue mich schon darauf, es bald nochmal auszuprobieren.

Zurück in French Key gibt es wieder ein kleines lokales Mittagessen: Tortillachips, Bananenchips, Bohnenpaste, darüber Reibekäse gestreut. Der junge Mann am Buffet fragt ob ich die Paste lieber neben die Chips haben möchte. Ich frage ihn: “Wie esst ihr das immer? So möchte ich das haben.” Platsch, daraufhin landet eine dicke Kelle Bohnenpaste auf den Chips verteilt. Wieder ist es so einfach und schmeckt so gut. Sehr schade finde ich es, dass viele aus unserer Gruppe nichts davon probieren und auch kein Getränk nehmen. Ist das ausschließlich schlechte Erfahrung? Vielleicht. Viele sind schon weiter rumgekommen als ich und haben bestimmt ihre Gründe. Aber wenn man nichts mehr wagt, verpasst man immer viel mehr als eine Erfahrung. Man versäumt den Kontakt zur Kultur, ein Lächeln der Leute die es zubereitet haben, wenn man sagt wie lecker es war. Vielleicht verhindert das Genießen der lokalen Küche am Ende vielleicht auch die Planung eines weiteren Restarants mit angepasster Kreuzfahrtküche. Das wäre wirklich der best case.

Dann geht es zurück zum Hafen. Und dort kippt die Stimmung sofort, als wir auf andere Ausflügler treffen, ihre Geschichten von West End hören und zum ersten Mal wirklich begreifen, welches Ausmaß der Kreuzfahrttourismus auf Roatán angenommen hat. Neben uns liegt die „Mardi Gras“, ein amerikanischer Mega-Liner, der so groß ist, dass er der Insel beinahe die Sonne nimmt, plus die fünf Exemplare in West End die den Strandtag für viele ungenießbar machten. Auf unserer Hafenseite hat man eine künstliche Karibik gebaut: etwas aufgeschütteter Sand, ein paar teure Bars, Souvenirläden, ein Sessellift über Palmen. Ein Ort, der authentische Natur vorgibt und Sicherheit verspricht, damit man sagen kann: Ich war in Honduras. Aber es ist keine echte Begegnung, eher eine Beleidigung für die sonst sehr schöne Natur. Ich kann verstehen, dass Honduras für Touristen unsicher ist und das man eine Save Zone braucht, aber das hier hat wenig mit dem Land zu tun in dem man sich aufhält. Das ist austauschbar, wie die tausend Liegen, die mit eine Schnur am Strand ausgerichtet werden. Für wen wird das gebaut? Für Touristen, die ein „Paradies“ erwarten? Oder für Betreiber, die möglichst viel Geld aus ihnen herausholen wollen? Vermutlich beides. Aber hier wird mit der Brechstange hantiert, ohne Rücksicht auf die Insel und ohne Sinn für Nachhaltigkeit. Kann Tourismus, der Arbeitsplätze schafft, nur so existieren? Kurzfristig ja, langfristig nein, weil er das zerstört, was Menschen überhaupt erst hierherzieht. Auf Little French Key versucht man es anders zu machen. Die Bucht wird geschützt und der Umgang mit der Natur ist sehr respektvoll. So auf dieser Art könnte sanfter Tourismus aussehen, wenn man ihn wirklich ernst nimmt und die Anzahl der Schiffe reduziert. Trotzdem löst sich der große Widerspruch natürlich nicht auf. Denn während wir dort im Wasser schnorchelten, wuchsen wenige Kilometer weiter neue Anlagen für noch mehr Besucher.

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