Belize: Große Vielfalt auf kleinem Raum
Belize (ausgesprochen Be-lies) ist kaum größer als Hessen und doch eine Welt für sich. Einst gehörte das Gebiet teils zu Mexiko, teils zu Guatemala. Wirkliches Interesse zeigte lange niemand, bis die Briten im 18. Jahrhundert die wertvollen Mahagonibäume entdeckten. Sie schlossen mit Guatemala ein Abkommen, das ihnen den Landstrich für den Holzschlag zusicherte, im Gegenzug sollte Großbritannien eine Straße von Guatemala City zur Karibikküste bauen. Diese Straße wurde allerdings nie gebaut. Die Folgen spürt man bis heute, denn Guatemala erkennt die Unabhängigkeit Belizes weiterhin nicht vollständig an und erhebt Anspruch auf den südlichen Teil des Landes. Belize hieß bis 1981 „British Honduras“ und trat erst dann als unabhängiger Staat ins Commonwealth ein. Das kleine Land emanzipiert sich auch weiterhin Schritt für Schritt. Auf den neuen Banknoten ist nicht mehr länger Queen Elizabeth II zu sehen, sondern George Price, der erste Premierminister und Vater der Unabhängigkeit. Ein sichtbares Zeichen dafür, dass Belize zukünftig seine eigene Geschichte erzählen möchte. Im Tourismus wird Beelize heute als Geheimtipp der Karibik vermarktet. Tropischer Regenwald bedeckt noch immer fast die Hälfte des Landes und vor der Küste liegt das zweitgrößte Barrier Reef der Erde. Seit langem ist es ein Anziehungspunkt für Taucher, Schnorchler und Fischer aus aller Welt.
Für uns beginnt der Tag ungewohnt: Es ist der erste Hafen, an dem wir tendern müssen. Die AIDA schmeißt kurz vor Belize seinen 9 Tonnen Anker ab, bleibt draußen auf Reede liegen und wir setzen mit kleinen Tenderbooten über. Rund 30 Minuten dauert die Fahrt bis Belize City, einer Stadt, die mit rund 63.000 Einwohnern heute das Herz des Landes ist.
Am Hafen beginnt der erste Teil unseres Ausflugs: eine Bootsfahrt auf dem Belize River. Schon die Ausfahrt aus dem Hafen bringt eine Überraschung. Eigentlich halten wir Aussicht nach Seekühen, den Manatees, aber wir haben an diesem Vormittag kein Glück. Stattdessen taucht ein kleiner Delfin auf und versetzt das ganze Boot in Aufregung. Wir steuern auf den Belize River zu, der braun und trübt vor uns liegt. “Zu viel Regen in letzter Zeit”, erklärt uns unser lokaler Guide Eva. Eva ist Kreolin und Teil einer Bevölkerung die sich aus Maya, Mestizen, Kreolen und Garifuna zusammensetzt. Normalerweise, erklärt sie uns, sei der Belize River tiefgrün, doch der viele Regen in den letzten Wochen hat das Wasser getrübt und viel Müll mitgeschwemmt. Zwischen stolzen Mangrovenbäumen und Flussufern treiben Plastikflaschen, zerfetzte Tüten und sonstiger Unrat. Das erste Krokodil, welches wir nach 5 Minuten entdecken, liegt zwischen Müllbergen am Ufer. Es zieht einem richtig das Herz zusammen.
Unser Boot hat ein richtiges Dream-Team an Bord: Chris und Liam kennen die Gegend gut und übernehmen das Kommando. Bootsmann Chris entdeckt trotz seiner dunklen Sonnenbrille Tiere , die wir erst sehen, wenn er schon längst darauf zeigt. Ein Krokodil im Wasser. Ein Leguan im Geäst. Ein paar Affen hoch oben auf einer Palme und seltene scheue Vögel im Gras. Liam serviert mittendrin alkoholartigen Fruschtpunsch oder kalten Orangensaft. Er schmeckt sehr süß, aber ist unfassbar lecker und fruchtig. Immer wieder drosselt Chris das Tempo, sobald ein Tier gesichtet wird. Dann kippen alle Passagiere über die Reling und versuchen, die perfekte Aufnahme zu bekommen. Diese Nähe zur Natur ist schon beeindruckend. Gleichzeitig tut die Umweltverschmutzung verdammt weh.
Unser Lunchstop liegt später an einem schmalen Bootsanleger. Hier befindet sich eine Bar, wo ein kleiner Mittagstisch serviert wird. Eva fragt mit einem Grinsen, ob wir alle bereit sind Leguan zu probieren. “Just kidding, Guys!”, lacht sie dann als sie unsere verdutzten Gesichter sieht. Stattdessen gibt es Bohnen, Reis und Hähnchen, alles liebevoll gekocht von den Locals. Das Essen ist einfach, aber richtig gut. Während wir essen, kommt schon die nächste Reisegruppe vom Schiff an. Sie haben gerade die Mayastätte Altun Ha besucht und fahren jetzt zu unserer Bootstour. Wir dagegen steigen nach dem Essen ebenfalls in den Bus, denn für uns geht es jetzt genau dorthin: nach Altun Ha.
Ich bin sehr glücklich über diesen Ablauf der Tour, ganz besonders, dass die Mayastätte als Letztes auf dem Programm steht. Die Sonne steht schon tiefer und das Licht verspricht eine goldene Stimmung für diese historische Stätte. Auf dem Weg stellt uns unsere zweite Reiseleiterin Dora mit wunderbar gestalteten laminierten Infoblättern humorvoll ihre geliebte Heimat vor. Wir lernen Nationalflagge, Tiere, Währung und Pflanzen besser kennen. Belizes Ökonomie ist von Landwirtschaft, Tourismus und Holzgewinnung, vor allem Mahagoni, geprägt. Stolz ist man auf seine Exportschlager: Bananen, Kokosnüsse und Zuckerrohr. Ein scheinbar gut funktionierendes Multikulti mit großer gegenseitiger Toleranz trifft auf ein armes Land. Jeder dritte Belizer lebt unter der Armutsgrenze, viele haben nicht mal Strom oder fließendes Wasser und leben von der Hand in den Mund. Wir sehen Häuser aus zusammengeschlagenen Brettern mit Dächern aus Blech, ausgeweidete Autos am Straßenrand, dazu die Spuren vergangener Hurrikans, die hier jedes Jahr über das Land fegen. Dora berichtet, erst 1999 bekam das Land überhaupt Strom und vor knapp 20 Jahren kamen erstmals Touristen hierher.
Unser letztes Ziel Altun Ha war zwischen 250 und 900 n. Chr. ein bedeutendes zeremonielles Zentrum der Maya und bedeutete so viel wie "Felsensteinwasser". Bis zu 10.000 Menschen lebten hier in der klassischen Periode. Mindestens dreizehn Tempelpyramiden stehen heute noch, jede begann als einfaches Gebäude. Starb ein Priester, wurde er im Inneren bestattet und das nächste Stockwerk darauf gesetzt. So wuchsen die Pyramiden über Generationen in die Höhe. In einer der Pyramiden von Altun Ha fand man acht Gräber, in einem machten Archäologen einen sensationellen Fund: einen 4,5 Kilogramm schweren Jadekopf, das Abbild des Sonnengottes Kinich Ahau. Bis heute ist das Objekt das bedeutendste archäologische Artefakt Belizes und unbezahlbar. Seine Entdeckung gibt einen unschätzbaren Einblick in die Maya-Zivilisation, vorallem über ihre verschlungenen Handelsnetze. Der Stein stammt aus alten Minen im Osten Guatemalas. Wir haben riesiges Glück. Wir sind die letzte Gruppe des Tages und die Stätte gehört uns beinahe allein. Warmes Abendlicht liegt über den Ruinen und dann dürfen wir auf eigene Faust das Areal erkunden und sogar die Pyramiden besteigen. Das ist zunächt anstrengender als gedacht, denn die Stufen sind riesig und uneben. Ganz oben fühlt man sich sich für einen kurzen Moment tatsächlich wie ein Sonnengott, der sein Reich überblickt. Ein toller Ort, der auf alle Reisenden einen großen Eindruck macht.
Erst im Dunkeln kehren wir zurück Richtung Belize City. Eva verabschiedet sich mit bewegenden Worten bei uns. “Ich möchte niemandem, der eine andere Religion vertritt kränken … aber ich möchte Ihnen sagen: God bless you. Mögen Sie sicher und beschützt weiterreisen.” Diese Wärme und diese Herzlichkeit berührt mich so sehr, dass mir fast ein paar Tränen in die Augen steigen. Was für wunderbare und herzliche Menschen. Dank der großartigen Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Guides und AIDA wartet das Tenderschiff wieder auf uns. Es ist weit nach Zeitplan, aber natürlich werden wir nicht zurückgelassen. Erschöpft und voller Eindrücke gehen wir zurück aufs Tenderboot. Belize war ungewöhnlich, ungewöhnlich schön! Hier gibt es noch viel mehr zu Entdecken!