Panamakanal: Vom Atlantik in den Pazifik
Es gibt Momente auf einer Weltreise, auf die kann man sich emotional kaum vorbereiten. Die Durchfahrt durch den Panamakanal gehört definitv dazu. Bis heute gilt der Panamakanal als eines der wagemutigsten und faszinierendsten Bau-Projekte aller Zeiten. Mehr als 100 Jahre nach seiner Einweihung ist eine Schiffsdurchquerung immer noch ein besonderes Abenteuer und ein Ort, an dem die Menschheit gezeigt hat, wozu sie aus Ehrgeiz, Risiko und Ingenieurskunst fähig ist. Am 15. August 1914 passierte erstmals ein Schiff mit rund 200 Menschen den fertigen Kanal. Heute ist die AIDAdiva das erste Schiff der gesamten AIDA-Flotte, das jemals durch die historischen, alten Schleusen des Kanals fahren darf. Die Strecke von 77 Kilometern von Colón (Atlantikseite) nach Balboa (Pazifikseite) dauert heute um die 8 Stunden.
Geschichtlicher Hintergrund: Ferdinand de Lesseps, der Erbauer des Suezkanals, versuchte zwischen 1880 und 1889 auch in Panama einen Kanal auf Meereshöhe zu bauen. Doch im Gegensatz zu seinem Erfolg in Ägypten scheiterte dieses Projekt dramatisch. Finanzprobleme, schwieriges Gelände und vor allem verheerende Malaria- und Gelbfieberausbrüche kosteten rund 20.000 Arbeiter das Leben. Nach der Unabhängigkeit Panamas 1903 übernahmen die USA das Projekt, änderten das Konzept und setzten auf Schleusen sowie den künstlich angelegten Gatúnsee. 1914 wurde der Panamakanal eröffnet. Seit dem 31. Dezember 1999 liegt die Verantwortung komplett bei Panama.
Schon früh am Morgen stehen die ersten Passagiere an Deck und sie werden trotz sich ankündigender Hitze ihren Platz bis Sonnenuntergang nicht räumen. Niemand will diesen historischen Moment verpassen. Ein bisschen ansteckend ist dieses gemeinschaftliche Staunen auf jeden Fall, aber wir bewegen uns lieber tagsüber über das Schiff. Nur so begreift man die Dimension dieses Projekts wirklich und erlebt diesen Moment aus möglichst vielen Perspektiven. Einer, der den Tag wesentlich mitprägt, ist unser Lektor Christian Pötschke. Am Vortag hatte er im Theatrium die Geschichte des Kanals mitreißend erzählt. Heute steht er selbst auf der Brücke und erklärt live jeden Abschnitt. Immer wieder gibt es kleine Anekdoten: etwa die Geschichte eines Mannes, der die Durchquerung einst mit einem Paddelboot für einen Dollar versucht hat und am Ende wegen der Krokodile aufgeben musste.
Die drei Gatún-Schleusen heben uns 26 Meter nach oben, vom Meeresspiegel hinauf auf das Niveau des künstlich angelegten Gatún-Sees. Spezielle Elektro-Lokomotiven zu beiden Seiten der Schleuse sorgen dafür, dass die Schiffe in der korrekten Position in die Schleuse einfahren und während der gesamten Fahrt in der rechten Lage bleiben. Alle Schiffe, die den Panamakanal durchfahren, müssen bestimmten Maßen entsprechen, damit sie durch die Schleusen des Panamakanals passen. Bei der Durchfahrt ist hohe Konzentration gefordert, denn ein Schiff mit der heute zugelassenen Länge und Breite ist auf jeder Seite nur um die 30-40 Zentimeter von der Kanalwand getrennt. An einer Stelle gab es leider trotzdem eine unschöne Schramme am AIDA Kussmund, die dann bald ein paar neue Lackierungen erfordert.
Nach den ersten erfolgreich passierten Schleusen, setzt das Schiff seine Fahrt über den Gatúnsee fort, der sich über eine Fläche von rund 430 Quadratkilometern erstreckt. Dieser künstlich angelegte See bildet mit 37 Kilometern den größten Teil der Kanalroute und wird vom Río Chagres mit Wasser versorgt. Während der Fahrt passiert das Schiff die Isla Barro Colorado, die heute ein Naturreservat ist. Die Landschaft wirkt hier, als hätte der Urwald vorsichtig Platz gemacht für ein Schiff. In diesem grünen und künstlichen Flickenteppich gibt es viele kleine Inseln und er ist unter anderem Heimat von Affen und Krokodilen. Nach der Überquerung des Gatúnsees erreicht das Schiff den Culebra Cut, eine schmale und kurvige Passage, die durch das Gebirge gesprengt wurde. Hier wird es enger und kantiger. Fast glauben wir, die Felswände kommen auf uns zu.
In den Schleusen Pedro Miguel und Miraflores beginnt dann der Abstieg. Und dort passiert etwas, das viele Reisende noch lange erzählen werden. Das Schiff wird so weit abgesenkt, dass man auf Deck 5 tatsächlich die Wand der Schleuse berühren kann. Man sieht die Wasserlinie sinken, spürt, wie das ganze Schiff schwer und ruhig im Betonbett sitzt. Und plötzlich öffnet sich vor uns fast schon das Tor zum Pazifik. Es ist vollbracht und wir sind stolz auf die ganze Mannschaft und das un zuwinkend Panamakanal-Team. Die Durchquerung kostet die AIDA Reederei über eine halbe Million Dollar. Ein absurder, fast surrealer Betrag. Doch das ist dennoch weitaus weniger kostspielig als eine Umschiffung des gesamten Kontinents von Südamerika. Mehr als 14.000 Schiffen nutzen diese effiziente Route jährlich. Erst als es dunkel ist gehen wir erschöpft aber glücklich zurück ins Schiff. Wow, was war das für ein monumentaler Tag? Einmal durch den Panamakanal gefahren! Das könnte man jetzt einfach abhaken wie einen Punkt auf einer Liste, aber der Tag war so viel mehr und wird für uns unvergessen bleiben.