Colón: Ein Tag bei den Emberá
Wir haben uns den Ausflug zum indigenen Volk der Emberá ehrlich gesagt ganz anders vorgestellt. Wir hatten zwischdurch befürchtet, es geht in eine Art Freilichtmuseum, in dem man „ein bisschen Kultur“ gezeigt bekommt. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass man tatsächlich ein sesshaftes indigenes Volk im Regenwald besuchen kann. Doch so kommt es. Schon die Anfahrt fühlt sich an wie ein Übergang in eine andere Welt. Sobald unser schmales und vollbesetztes Piragua, von zwei Männern des Stammes gesteuert, um die letzte Biegung des Río Chagres gleitet, begreifen wir, unsere Befürchtungen waren unnötig. Wir fahren in kein Museum. Wir fahren in ein Zuhause. Unser Reiseleiter Philippe, Panamese mit zwanzig Jahren Köln-Geschichte im Gepäck, kennt das Dorf seit über elf Jahren und kann gut übersetzen. Er erzählt uns, dass die Emberá selbst bestimmen, was sie zeigen wollen und was nicht. Die traurige Wahrheit: Ohne Besucher gäbe es das Dorf in dieser Form längst nicht mehr. Als die ersten palmenblattgedeckten Hütten auftauchen, stehen sie schon am Ufer. Männer, Frauen, Kinder, barfuß und ihre Körper mit schwarzer Jagua-Farbe bemalt. Wir lernen später, dass die Jagua-Bemalung auf ihrer Haut mehr ist als Schmuck. Der schwarze Saft der Frucht wird mit Asche vermischt und schützt vor Sonne und Insekten. Sie hält etwa zehn Tage und wird vor besonderen Anlässen erneuert. Die Embara begrüßen uns mit rhythmischen Klängen der traditionellen Instrumente: Trommeln, Flöten und Rasseln. Die Männer tragen Guayuco, eine Art Lendenschurz, die Frauen wickeln sich in bunte Tücher, die Parumas. Sie bieten Kunsthandwerk an, das sie selbst herstellen.
Wir werden zu Pfahlbauten, gennant Choza, geführt und vom Dorfchef willkommen geheißen. Hier erzählt er uns von der Geschichte seines Volkes. Die Emberá sind eines von sieben indigenen Völkern Panamas. Ursprünglich lebten viele von ihnen weiter im Osten, im dichten Urwald des Darién an der Grenze zu Kolumbien. In den 1960er Jahren kamen erste Emberá Familien in den Chagres Nationalpark. Die USA verwalteten damals den Panamakanal und holten Emberá als Ausbilder für Dschungel-Überlebenstraining, für Soldaten auf dem Weg nach Vietnam und sogar für die Apollo-Astronauten. Heute gibt es acht Dörfer am Río Chagres, vier davon haben beschlossen, sich für Besucher zu öffnen. Die Emberá betonen, dass der Tourismus ihre einzige Einkommensquelle ist. Ohne die Besucher könnten sie ihre Häuser, ihre Schule und einen Teil ihrer Lebensweise nicht finanzieren. Gleichzeitig nutzen sie diese Begegnungen bewusst, um zu zeigen, dass ihre Kultur lebt und nicht Folklore aus einem Museum ist. Wir lernen, dass die Emberá ihre Sprache Emberá sprechen, eine Chocó-Sprache. Spanisch ist Zweitsprache, nötig für den Kontakt mit Behörden und für all das, was die Welt von außen verlangt. Nach einem langen politischen Kampf haben sie in den achtziger Jahren Teilautonomie für ihre Gebiete erstritten. Dort können sie vieles nach ihren eigenen Regeln entscheiden.
Zum Mittag gibt es Tilapia aus dem Fluss und gebackene Banane, eingewickelt in sorgfältig gefaltete Bananenblätter. Kein Plastik, kein Besteck, keine Teller, nur Hände und Blätter. Die Reste wandern später in einen Bastkorb und werden als Dünger verwendet. Seit der Emberá im Nationalpark nicht mehr jagen dürfen, ist Fisch ihre Hauptnahrungsquelle. Zugegeben das Obst auf dem Buffet hat Philippe mitgebracht, aber was die Embera daraus gemacht haben, gleicht einem Kunstwerk. Allein die Blumendekoration würde sofort gerne auch in meinen Alltag übernehmen. Das Auge ist schließlich mit. Während wir essen erzählen die Emberá, dass junge Menschen sich mit etwa achtzehn Jahren entscheiden müssen, wie sie leben wollen. Im Dorf, mit der traditionellen Lebensweise, oder außerhalb, in der „modernen“ panamaischen Gesellschaft. Ein Zurück gibt es offiziell nicht. Trotzdem kehren manche nach einem Studium in der Stadt wieder zurück. Die Schule am Fluss wird aus Besuchergeldern mitfinanziert, der Staat bezahlt die Lehrerinnen. Es ist das echte Ringen einer Gemeinschaft darum, in zwei Welten gleichzeitig zu bestehen.
Emotional ist bei mir längst Land unter. Zum Abschluss zeigen uns die Emberá ihre Tänze. Eine einfache Trommel erklingt und die Frauen tanzen einen Schmetterlingstanz sowie den Tanz des Seeadlers. Als auch die Männer miteinstimmen, werden wir eingeladen mitzumachen. Mama tanzt mit einer fröhlichen Emberá Frau, beide lachen, halten sich an den Händen und bewegen sich im Rhythmus der Trommeln im Kreis. Ich merke, wie mir die Tränen hochsteigen. Da stehen zwei Frauen, aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten, die sich für einen kurzen Augenblick wirklich begegnen. Nicht als Touristin und „Attraktion“, sondern als Menschen. Als die herzliche Frau mitbekommt, wie bei mir die Dämme brechen, kommt sie auf mich zu und hält mir die Hände und drückt sie freundlich zusammen. Mein Herz möchte mir überspringen.
Auf dem Rückweg im Boot sitze ich da und kann dieses Erlebis gar nicht richtig begreifen. Viele schauen nachdenklich auf das Wasser. Wir können jederzeit wiederkommen, heisst es zum Abschied. Was für ein großes Privileg doch in diesem Besuch steckt. Ich wünsche mir für die Embara, dass diese Art von Tourismus ihre Lebensweise hier am Río Chagres am Leben hält und das vorallem sie persönlich mit diesem Kompromiss glücklich sind. Das dieser sie nicht verändert oder verfremdet und das es wirklich so etwas wie einen Schutzraum für ihre Kultur geben kann.