Pacific Grove: Der Zauber der Kelpwälder

Der kleine Küstenort Pacific Grove liegt zwischen Monterey und Pebble Beach, direkt am Pazifik. Rund 15.000 Menschen leben hier. Es gibt viel viktorianische Architektur, ruhige Wohnstraßen und gepflegte Vorgärten. Das Schönste ist aber zweifelsfrei die raue zerklüftete Küste, da offen dem Wind ausgesetzt ist. Wir übernachten im hübschen Centrella Inn nahe des Strandes, das wir schon Monate zuvor gebucht haben. Das pastellfarbene viktorianische Haus stammt noch aus dem Jahr 1889 und gehört mittlerweile zum National Historic Landmark. Ich fühle mich hier wie in einem alten Roman. Seidige Tapeten, viel Holz, knarrende Dielen und Art Deco Tischlampen. Am Abend zuvor waren wir noch in Carmel-by-the-Sea und haben unseren Lieblingskünstler Father John Misty bei einem Benefizkonzert gehört. Eigentlich steht heute schon San Francisco auf dem Plan. Aber da dort ein Tiefdruckgebiet die AIDA Gäste ärgert, treibt uns so schnell nichts von hier fort.

Der Morgen beginnt wie gestern auch mit einem großen Kaffeebecher und einem kleinen Spaziergang zum Wasser. Wir laufen los Richtung Lovers Point Park, vorbei an weitren historischen Häusern mit dekorierten Traufen und Veranden, Giebeln, Türmen, Erkern, Buntglas und gemusterten Schindeln. Einige tragen kleine grüne Plaketten die von der Heritage Society of Pacific Grove erstellt und seit 1978 an Häuser verschenkt werden, die vor 1926 gebaut wurden. Mittlerweile besitzen hier 700 Häuser solch eine Plakette. Durch die geschützte Ostlage ist die Stadt einer der wenigen Orte an der Westküste, an denen man den Sonnenaufgang über dem Wasser beobachten kann. Seit wir San Diego verlassen haben, hatten wir nur Sonne, aber jetzt ändert sich das Wetter langsam. Wolken, Dunst und auch kühlere Luft. Aber genau das gibt der Küste diesen herben Charme. Wir klettern über die Felsen am namensgebenden Punkt, schauen hinaus auf die Monterey Bay. Reinier springt an einer sicheren Stelle ins Wasser, macht es ein paar Einheimischen nach, die ihm kurz klatschend und anerkennend zujubeln. Im Centrella Inn wird dann ein wunderbares Frühstück in der Lobby serviert. Es gibt homemade Granola und natürlich Bagels mit Frischkäse. Neben uns ein feierlich geschmückter Weihnachtsbaum und ein kisterner Kamin. Das wird wieder ein schwerer Abschied werden, ich fühls bereits.

Danach zieht es mich nach Monterey, genauer gesagt zum berühmten Monterey Bay Aquarium an der Cannery Row. Schon der Ort selbst ist geschichtlich relevant. Früher standen hier zahlreiche Sardinenkonservenfabriken und gaben Monterey den Spitznamen „Sardine Capital of the World“. Durch die damit einhergehende Überfischung brach die Industrie in den 70er Jahren zusammen und die Stadt verlor ihren Wohlstand. Mit dem Bau des Aquariums hat die Stadt diesen aber auf andere Art zurückgewonnen.

Das Aquarium wurde 1984 eröffnet, finanziert maßgeblich durch David Packard, Mitgründer von Hewlett-Packard. Heute leben hier über 35.000 Tiere aus mehr als 550 Arten. Alles, was gezeigt wird, stammt aus der kalifornischen Region. Keine tropischen Korallenräume, sondern die echte Unterwasserwelt von Monterey Bay vor der Haustür. Besonders beeindruckend ist der dreistöckige Kelp Forest. Der für den Kelpwald typische Seetang wächst hier bis zu zehn Zentimeter am Tag, wird regelmäßig von Tauchern gepflegt, während Sardinen, Haie und andere Fische durch das grün gefilterte Licht ziehen. Pro Minute werden rund 7.500 Liter frisches Meerwasser direkt aus der Bucht in die Anlagen des Aquariums gepumpt. Die Tiere leben also buchstäblich im gleichen Wasser wie sie es draußen tun würden. Noch größer ist das Open-Sea-Becken mit vier Millionen Litern Wasser. Man kann sich hier einfach auf den Boden setzen und dem Treiben zuschauen. Hammerhaie, Rochen, Schildkröten und riesige Sardinenschwärme leben hier gemeinsam. Am längsten bleibe ich wieder bei den Seeottern hängen. Das Aquarium beherbergt vor allem weibliche Otter aus dem eigenen Rettungsprogramm, die nicht mehr ausgewildert werden können, aber eine wichtige Rolle für den Bestand spielen. Sie treiben auf dem Rücken, knacken Schalentiere und drehen ihre kleine Piruetten. Aber auch die Quallenräume lassen die Besucher nicht los. Die Tiere schweben hinter Glas, eingerahmt von goldfarbenen Holzrahmen, fast wie Kunstwerke. Quallen, die man am Strand meist nur als glibbrigen farblosen Wackelpudding kennt, erscheinen hier plötzlich filigran und präzise. Je nachdem, womit sie gefüttert werden, verändern sie sogar ihre Farbe. Von milchig-weiß über rosa bis lavendelfarben.

Die Grundlage für diese enorme Artenvielfalt liegt in Monterey Bay unter der Wasseroberfläche. Sie wird von einer riesigen Unterwasserschlucht durchzogen, die mit bis zu 3.600 Metern Tiefe tiefer ist als der Grand Canyon. Die daraus aufsteigenden Nährstoffe machen dieses Gebiet zu einem der artenreichsten Meeresökosysteme der Welt. Ein beeindruckender Besuch, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Ein letzter Stop vor San Francisco ist Moss Landing. Eigentlich ist der Stop nur für einen kurzen Strandspaziergang gedacht, aber wie so oft kommt es anders. Kaum stehen wir am Wasser, sehen wir Bewegung draußen im Meer. Buckelwale und ihre Wasserfontänen. Elegant schieben sich die großen Walrücken durch die Bucht und lenken sogar die Surfer von ihrer Lieblingstätigkeit ab. Zum Glück haben beide Männer die Ferngläser eingepackt. Moss Landing wirkt auf den ersten Blick wie ein bodenständiger Fischerort. Ein kleiner zweckmäßiger Hafen, wo der tägliche Fang direkt vom Boot verkauft wird. Was wir in dem Moment noch nicht wissen: Dieser Hafen ist nur ein kleiner Ausschnitt eines viel größeren Systems. Direkt dahinter beginnt der Elkhorn Slough, ein rund sieben Meilen langes Feuchtgebiet, das zu den bedeutendsten seiner Art in Kalifornien zählt. Ein Schutzraum für Forschung, Bildung und vor allem für Wildtiere. Neben den Seeottern, die man auch hier regelmäßig beobachten kann, leben im Gebiet unter anderem Rotluchse, Berglöwen, braune Pelikane, westliche Schneeregen und der seltene kalifornische Rotbeinfrosch. Über 340 Vogelarten wurden hier bereits gezählt. Kein Wunder also, dass Elkhorn Slough von der National Audubon Society als weltweit bedeutendes Vogelgebiet eingestuft wurde. Dass dieser Ort überhaupt noch existiert, ist keine Selbstverständlichkeit. Rund 90 Prozent der ursprünglichen Feuchtgebiete Kaliforniens sind bereits verschwunden. Sie wurden vom Menschen überbaut, trockengelegt oder schlichtweg zerstört. Elkhorn Slough gehört zu den wenigen, die erhalten geblieben sind, weil verschiedene Interessengruppen früh erkannt haben, wie wichtig solche Lebensräume sind. Als Rückzugsort für Tiere, als Rastplatz für Zugvögel, als natürlicher Filter für Wasser und als Puffer gegen Klimaveränderungen.

Nach dem Besuch nehmen wir endlich Kurs auf San Francisco, das wir in der Dunkelheit erreichen. Als ersten Stopp steuern wir Twin Peaks an, den berühmten Aussichtspunkt mit Blick über die ganze Stadt. Angeblich. In der Realität stehen wir leider im dichten, feuchten Nebel mit einer Sicht gleich null. Egal, dann waren wir eben hier fürs Gefühl. Nachdem wir Dirk an seinem Hotel abgesetzt haben, fahren wir weiter Richtung Westen zum Stanyan Park Hotel. Irgendwann fällt uns auf, dass die Straßen immer dunkler werden. Keine Ampeln mehr, keine Hausbeleuchtung. Kurz die Frage im Raum: Sag mal Schatz, meinst du hier ist ein Blackout? Und tatsächlich, auch unser Hotel liegt im Dunkeln. Nur eine kleine Notlampe beleuchtet schwach die Rezeption. „Sorry guys, no power since 3 p.m.“ sagt der Rezeptionist erstaunlich gelassen. “Sit down and have a glas of wine and snacks.” Mit einer kleinen Lampe beziehen wir unser Zimmer. Das Hotel fühlt sich erneut an wie eine kleine Zeitkapsel. Gemusterte Tapeten, eine niedrige Porzellan-Badewanne, verchromte, verschnörkelte Armaturen am Waschbecken. Sofort begeisterten mich auch die vielen historischen San Francisco Fotos an den Wänden. Reinier hat wirklich ein gutes Händchen bei der Auswahl dieses historischen Hotels gehabt. Wir liegen auf dem Bett und beraten, was man abends ohne Strom in einem Viertel ohne Versorgung so machen könnte. Kaum war der Gedanke ausgesprochen, flimmerte es kurz und dann. Klick. Licht. Unser Strom ist wieder da. Unser Energielevel klickte aber leider für ein Abendprogramm nicht mehr. Offenbar sind wir diese vielen Reisetage nicht mehr gewohnt.

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San Francisco: Kurzbesuch der “Golden City”

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