New York: Die Stadt der Städte
Von der ersten Minute an packt uns diese Stadt. Schon lange bevor wir überhaupt einen Fuß an Land setzen. Heute ist zudem ein besonderer Tag, denn zum ersten Mal seit 2019 läuft eine AIDA wieder in New York ein. Um halb sechs morgens tummeln sich bereits hunderte Menschen dick eingepackt auf dem Pooldeck. Die Aufregung kickt bei allen auch ohne einen Schluck Kaffee. Hey, vor uns liegt die berühmteste Skyline der Welt! Ein überwältigendes leuchtendes Panorama funkelt in den Farben eines spektakulären Sonnenaufgangs an diesem Morgen. Und plötzlich sehen wir sie: die wahre First Lady der Vereinigten Staaten von Amerika. Golden leuchtet sie von ihrer sternenförmigen Plattform. Man wird wirklich innerlich ganz klein, wenn man daran denkt, wie viele Menschen schon lange vor uns denselben Weg genommen haben, in ihren Koffern ihre Hoffnungen und Sehnsüchte, und wie es sich für sie angefühlt haben muss, hier anzukommen und die Statue of Liberty zu sehen.
Während andere Schiffe irgendwo außerhalb der Innenstadt festmachen müssen, liegen wir inmitten von Hell’s Kitchen am Pier 88. Von hier sind es lediglich 20 Minuten Fußweg bis zum legendären Times Square. Der Ausflugsbus ist auch an diesem ersten Tag in New York wieder unser Treffpunkt. Begleitet werden wir von Ingeborg, einer betagten österreichischen Grande Dame, die seit Jahrzehnten hier lebt und die Stadt liebt wie eine alte Freundin. Busfahrer Julio manövriert uns geschickt durch die engsten Gassen in Harlem, Soho, Greenwich, dem Finanzzentrum und den Central Park. Hoch hinaus geht es auf das berühmte Rockefeller-Center zum Top of the Rock. Über dem 67. Stockwerk liegt uns Manhattan zu Füßen und spätenstens hier ist uns klar: diese Stadt hat einen Puls, der elektrisiert. Danach weiter zur Grand Central Station, bis heute der größte, verkehrsreichste und wohl berühmteste Bahnhof der Welt. Fast 100 Millionen Passagiere steigen jedes Jahr an einem der 44 Bahnsteige ein. Unglaubliche 22 Millionen kommen als Touristen, das sind mehr Besucher als Notre-Dame oder die Chinesische Mauer verzeichnen können.
Weiter geht es an die Südspitze Manhattans. Als wir unsere erste Tour am Ground Zero beenden, wechselt diese Energie und es wird stiller. Das Rauschen der Wasserkaskaden in den beiden Memorial Pools des ehemaligen World Trade Centers ist beinahe das Einzige, was man an diesem Ort hört. Die eingeravierten Namen der Opfer tun weh, denn fast alle fühlen den Schmerz. Der Terror des 9/11 traf damals nicht nur diese Stadt, sondern auch den Rest der Welt. Ground Zero ist und bleibt für New York eine große Wunde, aber eine aus der Kraft geschöpft wird und mit der die Stadt weiterlebt. Manifestiert hat sie diese mit dem neu erbauten One World Trade Center, das hier mit 1776 Metern alle anderen Wolkenkratzer überragt.
Danach verabschieden wir uns von unserer AIDA-Reisegruppe, nur um uns wenige Minuten später mitten in der nächsten „Gruppe“ wiederzufinden. Der Weg über die Brooklyn Bridge ist nicht wirklich ein Spaziergang, eher gleicht er einer riesigen Völkerwanderung. Alle wollen hier dasselbe: diesen Blick, diesen Moment, dieses eine Foto, das man schon tausendmal gesehen hat und jetzt unbedingt selbst machen muss. Wir sind auch dabei. Man muss sich diesem berauschenden Gefühl hingeben, sonst hat man hier keinen Spaß. Einen ähnlichen Vibe braucht man auch am Broadway. Über Ingeborg erstehen wir günstige Resttickets für eine Broadway-Show und so endet unser Tag in einem samtbezogenen Theatersessel in der atmeberaubenden Radio City Music Hall. Hier genießen wir das absurd amerikanische Weihnachtsspektkel mit den Radio City Rockettes.
Das opulente Spektakel glüht noch am Times Square nach. Alles hier ist laut, grell, schräg und wahnsinnig überwältigend. Überall Sirenen, Hupen, das Donnern der Subway unter den eigenen Füßen, blinkende Bildschirme so groß wie Häuserwände. Wir sind wie paralisiert von den Lichtern, der Musik und den Eindrücken. Überall stehen Menschen aus jeder Ecke der Welt, alle unterschiedlich, aber sie stehen wie selbstverständlich nebeneinander. Ein wahnsinnig schönes Gefühl. Da ist er. Dieser berühmte New Yorker Schmelztiegel aus meinem Schulbuch. Alle dürfen ihre Individualität leben, niemand starrt, niemand bewertet. Auch in den folgenden Stunden werden wir angelächelt, gegrüßt, von Fremden angesprochen. Wahnsinnig herzlich, hilfsbereit und warm. Ach New York, darf ich dich mitnehmen?
Früh geht es nochmal Richtung Central Park, vorbei an der 5th Avenue und am Rockefeller Center, wo der berühmte Weihnachtsbaum gerade noch aufgebaut wird. Erst am 3. Dezember wird er feierlich entzündet. Die Zeremonie wird live im Fernsehen übertragen, ganz Amerika schaut zu. Zugegeben am Anfang herrschte schon ein bisschen Angst ob diese Stadt nur ein Mythos sein könnte, der über Jahrzehnte von Filmen, Serien und Popkultur aufgebaut und gefüttert wurde. Zum Glück ist sie es nicht. Aber New York wäre keine echte Stadt, wenn sie einem nicht auch die andere Seite zeigen würde. Diesen unglaublichen Konsum, die Obdachlosigkeit und Armut, diese Schere, die überall auf der Welt immer größer wird. Die Menschen, die diese Stadt am Laufen halten, sind für uns nicht unsichtbar. Sie arbeiten in Hotels, kehren die blitzeblanken Straßen, waschen ab in den Restaurants und fahren in Ubers durch den stockenden Verkehr. Sie pendeln aus anderen Stadtteilen nach Manhattan, wo das eigene Leben unbezahlbar bleibt. Bei aller Euphorie gehört auch das zu New York.
Nur ein paar Schritte weiter steht das beste Hotel am Platz - das Plaza Hotel. Für jemanden wie mich, der Kevin allein in New York liebt, ist dieser Ort Pflicht. Drinnen verschlägt es einem kurz die Sprache: Marmor, Tannenduft, kunstvolle Glasdecken, riesige geschmückte Bäume. Hier einmal die Kreditkarte glühen lassen. Kingsize-Bett, freistehende Badewanne, schwere Vorhänge, Room Service und bitte ein Tannenbaum im Zimmer mit Blick auf den Central Park. Ein Kindeheitstraum, der auch heute noch nicht ausgeträumt ist. Im Shop gibt es sogar die ikonischen „Kevin“-Mützen aus dem Blockbuster zu kaufen. Kitschig? Absolut! Und gerade deswegen so großartig. Wenig später sehe ich eine Mutter im Central Park, die ihrem Sohn genau diese Mütze aufsetzt und ihn vor dem Plaza Hotel in Szene setzt.
Unser nächste Station der Central Park leuchtet im schönsten Indian Summer. Die Eisbahn ist schon geöffnet, und echte Talente ziehen ihre Kreise vor dieser unfassbaren Kulisse. Wir spazieren gemütlich zum Strawberry Fields Memorial, dem stillen Ort für John Lennon. Keine zwanzig Meter entfernt vom Dakota Building, vor dem Lennon sein Leben verlor. Eine junge Studentin spielt “Hey Prudence” und “Something” und lässt die Leute im Takt der fallenden Blätter wippen. Dann geht es weiter durch Midtown. Man bekommt Nackenstarre, weil die Hochhäuser scheinbar endlos in den Himmel wachsen. Am Bryant Park wartet die nächste Eisbahn, daneben ein kleiner Weihnachtsmarkt. In der New York Public Library landen wir in „A Century of The New Yorker“: einer Ausstellung, die hundert Jahre Kulturgeschichte in Essays, Zeichnungen und Archivfunden bündelt. Ein tolles Magazin, mit besonders schönen Covern.
Und als wir am Abend wieder ablegen, passiert etwas, das diese Stadt endgültig unvergesslich macht: Der Kapitän kündigt an, dass wir eine Genehmigung für eine 360-Grad-Wendung vor der Freiheitsstatue bekommen haben. Und als wäre das nicht allein Geschenk genug, legt Petrus einen Sonnenuntergang hin, der die Akkus aller Reisenden zum Glühen bringt. Wahrscheinlich sind 100.000 Fotos an dem Abend auf unserer kleinen schwimmenden Insel geschossen worden.
Liebstes New York, du bekommst eine Liebeserklärung von uns. Und zwar eine ganz große.