Charleston: Südstaaten-Eleganz mit Schatten

Die Temperaturen haben sich über Nacht gefühlt verdreifacht. Die Winterklamotten können jetzt erstmal wieder unter dem Bett verstaut werden. Auf dem Weg Richtung Mittelamerika sind wir jetzt im südlichen South Carolina angekommen. Ich persönlich verbinde die Südstaaten aber nicht unbedingt mit warmen Temperaturen, sondern primär mit historischen Ereignissen. Charleston war eine der reichsten Kolonialmetropolen der USA und der umsatzstärkste Sklavenmarkt des nordamerikanischen Festlands. Von hier aus begann 1861 mit dem Beschuss von Fort Sumter der Amerikanische Bürgerkrieg. In Charleston haben wir uns daher gemeinsam entschieden, mehr über die Plantagenkultur und das Schicksal der versklavten Menschen lernen zu wollen. Passenderweise bot AIDA einen Ausflug zur Boone Hall Plantation an, die ca. 8 Kilometer vor Charleston liegt. Eine Plantage, die nicht nur ein schönes Südstaatenmotiv abgibt, sondern auch ein Brennglas für diese Zeit ist. South Carolina war eines der bedeutensten Zentren der Plantagenwirtschaft. Englische Siedler fanden hier fruchtbare Böden, subtropisches Klima und perfekte Bedingungen für riesige Felder. Zunächst baute man hier Reis und Indigo an, später kam noch Baumwolle dazu. Der Reichtum dieser Region entstand auf dem Rücken versklavter Afrikaner, die zeitweise über die Hälfte der Bevölkerung ausmachten.

Unsere Tour auf Boone Hall beginnt mit Sweetheart Connie, einer warmherzigen jungen Südstaatenlady, die das Haus so stolz präsentiert als ginge es hier um ihre eigene Verwandtschaft. Das jetzige Herrenhaus, es ist bereits das vierte, stammt von 1936, ist aber eingerichtet, als würde die Zeit irgendwo zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert stehen geblieben sein. Das Fotografieren ist leider verboten, aber mir fällt auf, dass es mir hilft, mich besonders gut auf die Details zu konzentrieren, z.B. die schweren Holztüren aus Mahagoni mit den besonders niedrigen Türknäufen. Früher war man eben einfach kleiner.

Nach der Hausführung zieht es uns hinaus in die Gärten. Es blüht noch wahnsinnig viel. Wir entdecken Schmetterlinge, riesige Kameliensträucher, und Pflanzen, die wir nie zuvor gesehen haben. Doch ein paar Schritte weiter verändert sich der Blick schlagartig. Die sogenannte Slave Street liegt vor uns: neun sorgfältig restaurierte Backsteinhäuser aus dem späten 18. Jahrhundert. Hier lebten die „besser gestellten“ versklavten Menschen, die im Haus oder als Handwerker arbeiteten. Die Feldarbeiter wohnten weiter draußen, aber ihre einfachen Holz-Hütten sind längst verschwunden. In den Häusern findet man heute eine berührende Ausstellung über das Leben, die Kultur und die Kämpfe der afroamerikanischen Bevölkerung. Eine Hütte widmet sich z.B. den Sweetgrass Baskets. Das Flechten der wunderschönen Körbe ist bis heute ein lebendiges Erbe der Gullah-Geechee. Allerdings kosten die Körbe heute bereits mehre hundert Dollar. Das Handwerk ist sehr zeitintensiv, das benötigte Sweetgrass ist aufgrund der starken Beabauung kaum noch zu finden und es gibt immer weniger Menschen, die dieses Handwerk ausüben können.

Danach gehen wir zum sogenannten Cotton Dock. Hier wurde einst die geernete Baumwolle auf Boote verladen und nach Charleston gebracht. Die sich vor mir ausbreitende Idylle kann ich als solche gar nicht richtig wahrnehmen, jetzt wo ich erlebe, welches brutale System dahinterstand. Zum Abschluss gehen wir die Avenue of Oaks entlang, einen majestätischen Tunnel aus uralten Bäumen. Die Allee von 1743 zählt zu den schönsten Eichenalleen in den Vereinigten Staaten und sieht aus wie für die Kamera gemacht. Kein Wunder, dass sie und das Anwesen in „Fackeln im Sturm“ auftaucht. Ich war als Kind großer Fan der Serie, jedoch ohne die Tragweite der Südstaatengeschichte zu verstehen. Heute stehe ich hier und weiß: Die Abschaffung der Sklaverei war nicht das Ende der Ungleichheit. Rassismus und Diskriminierung sind auch heute nicht verschwunden. Weltweit leben sogar noch immer Millionen Menschen in moderner Sklaverei. Ich hoffe sehr, dass Boone Hall nicht nur als hübsches Südstaatenmotiv wahrgenommen wird, sondern das Busucher bewußt die Perspektive der People of Colour einnehmen und sich darüber klar werden, welche Priveligien sie als weiße Menschen hatten und haben.

Wieder zurück am Port, schlendern wir Richtung City Market. Der historische Marktkomplex ist heute ein absoluter Souvenirozean, gehörte aber schon im 18. Jahrhundert zum wirtschaftlichen Herz der Stadt. Der Markt verströmt warmen South-Carolina-Charme, überall duftet es nach Gewürzen, es gibt aber auch Kunst und natürlich viele Sweetgrass-Körben zu kaufen. Von hier führt unser Weg zur berühmten Rainbow Row. Die zart pastellfarbenen Häuser bilden eine der ikonischsten Straßenansichten der USA. Nach dem verlorenen Bürgerkrieg verfielen viele der Häuser bevor wohlhabene Nordstaatler im frühen 20. Jahrhundert begannen, die Häuser zu kaufen und die historische Substanz zu restaurieren. An der Waterfront zeigt Charleston auch seine maritime Seite. Der Pineapple Fountain, eine riesige steinerne Ananas, sprudelt Wasser in der Nachmittagsonne. Die Ananas ist nicht zufällig gewählt, sie ist ein Charleston ein Symbol für Gastfreundschaft und an vielen Ecken der Stadt zu finden. Am Wasser können auch wir Pelikane beobachten, wie sie sich im Sturzflug ein paar Fische aus dem Cooper River schnappen.

Je weiter wir Richtung Südspitze laufen, desto prächtiger werden die Häuser. Hier stehen die großen Antebellum Homes. Das sind villenartige Häuser aus der Gründerzeit, die mit ihren breiten Säulen, hohen Fensterläden und den typischen Piazzas (Veranden) sofort ins Auge fallen. Besonders gefallen uns aber die Single Houses, schmale Häuser mit einer Tür seitlich im ersten Drittel, entstanden vermutlich wegen damaliger Steuerregelungen. Zur Straße zählte nur die Fassadenbreite, also baute man schmal und tief. Die breiten Piazzas an der Längsseite sorgten für eine ideale Durchlüftung. Wir fühlen vor diesen Häusern und an den Gärten stets ein Lüftchen und können diesen kleinen klimatischen Vorteil selbst erleben. Aber die meisten Fotos machen wir von den Gärten und der Bepflanzung. Hinter hohen Mauern, gußeisernen Toren und unter Schatten spendenden Eichen pflegen die Besitzer ihre privaten Paradiese. Ausklingen lassen wir den Tag auf der eleganten Shoppingmeile, der King Street. Hier locken kleine Boutiquen und große Marken, aber auch Cafés, Galerien und Restaurants. Immerhin 17.000 Schritte hat die Uhr am Ende des Tages für Spaziergang angezeigt. Nächster Halt: Miami im „Sunshine State“ Florida!

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New York: Die Stadt der Städte