Boston: America´s Walking City

Boston begrüßt uns an diesem Morgen mit kalter Luft und einem stahlblauen Himmel. Bereits am Vortag sind wir gegen 15 Uhr in die Hauptstadt des Bundesstaates Massachusetts eingelaufen. Die Crew hat uns auf dem Oberdeck mit einer „Welcome to America“-Party empfangen, es gab warme Cookies und einen sogenannten “Boston Ritz Fitz”. Nach der Party wurde es allerdings ernster. Der Sicherheitscheck der US-Behörden in der Panorama Lounge zog sich über Stunden, und da wir in eine der letzten Gruppen fielen, wurden wir erst gegen 20:30 Uhr durchgewunken. Der Abend blieb also schiffsintern, aber der Blick vom Liegeplatz war spektakulär genug: riesige Containerschiffe, die Bostener Skyline und direkt über uns im 30-Sekunden-Takt der Flugverkehr. Boston sieht schon aus der Ferne fantastisch aus und die Vorfreude auf den Ausflug u.a. an die Harvard University ist riesengroß.

Um 08:30 Uhr steigen wir wieder in den Ausflugsbus. Wir sind dankbar für unsere Reiseleitung und ihr enormes Geschichtswissen, denn nur wenige Städte haben Amerikas Weg so geprägt wie Boston. Während der Revolution und später im Bürgerkrieg spielte die Stadt eine zentrale politische Rolle. Und genau hier im heutigen Hafenbecken führt eine Brücke zur berühmtesten Protestszene der amerikanischen Geschichte. Hier kippten Kolonisten 1773 tonnenweise Tee ins Wasser und entzündeten damit den Funken der Revolution, später bekannt als die „Boston Tea Party“.

Das Boston Tea Party Ships & Museum befindet sich im Seaport District, wo unsere Bustour beginnt. Kaum sitzen wir, erklärt uns die Reiseleiterin, wie radikal dieses Viertel das Gesicht der Stadt verändert hat. Das ursprüngliche Boston, Shawmut genannt, war winzig - eine schmale Halbinsel von gerade einmal 317 Hektar. Alles, was wir heute als Seaport sehen, wurde später aufgeschüttet: Schlamm, Fels, Trümmer des großen Brandes von 1872. Erst nach einigen Minuten Busfahrt erreichen wir überhaupt das alte Festland. Als wir den Custom House Tower passieren, wirkt alles so vertraut britisch, dass ich kurz denke, ich wäre in London gelandet. Boston, die kleine Cousine Londons? Durchaus.

Im North End hält der Bus für unseren nächsten Stopp: das Paul Revere House. Ein schlichtes graues Holzhäuschen aus dem Jahr 1680 und das älteste erhaltene Wohnhaus der Stadt. Errichtet wurde es kurz nach einem verheerenden Brand, in einer Zeit, als Boston noch aus engen Gassen, Holzdächern und puritanischem Alltag bestand. Später lebte hier Paul Revere, Silberschmied und Freiheitskämpfer, der mit seinem nächtlichen Ritt zur Ikone der amerikanischen Unabhängigkeit wurde. Ein paar Schritte weiter steigen wir zum Copp’s Hill Burying Ground hinauf. Einer der ältesten Friedhöfe der Stadt, mit Blick auf den Charles River, und eine wichtige Station auf dem Freedom Trail.

Wer einen Fußmarsch durch Boston unternimmt, kommt am Freedom Trail nicht vorbei. Er verbindet auf ca. 4 Kilometern sechzehn historische Sehenswürdigkeiten miteinander und die Route ist mit einer durchgezogenen roten Linie auf dem Boden markiert. Läuft man diese ab, erhält man einen schnellen Überblick über das historische Boston.

Vom schlichten Paul Revere House im North End landen wir inmitten des Copley Square plötzlich in einem anderen Jahrhundert. Hier stehen mit der Trinity Church, der Boston Public Library und dem John Hancock Tower drei Bauwerke beieinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Kombination all dieser Epochen erscheint seltsam surreal und ist in sich doch absolut stimmig. Ein Highlight ist in jedem Falle für uns die Boston Public Library. Mit ihrer Bates Hall, diesem stillen Saal voller grüner Leselampen und hoher Gewölbe, gehört sie zu den schönsten öffentlichen Bibliotheken der Welt. Am dem Platz befindet sich auch die Ziellinie des jährlich stattfindenden Bostener Marathon.

Nächste Station: Cambridge! Wer will nicht einmal im Leben sagen können, er sei in Harvard gewesen. Ab jetzt zählen wir offiziell dazu. Unsere letzte Station führt uns über den Charles River in den Stadtteil Cambridge, dorthin, wo 1636 die älteste Uni der USA gegründet wurde. Eine Elite-Uni, an der nicht so einfach jeder studieren kann und die zu den teuersten weltweit gehört. Die Aufnahmeprüfungen sind unglaublich hart und die Studiengebühren der privaten Universität enorm. Für uns bleibt es bei einem kurzen Rundgang durch den Harvard Yard. Wir stehen zwischen roten Backsteingebäuden, nicken den Studierenden etwas ehrfürchtig zu und fühlen uns für einen Moment wie Statisten in einer College-Serie. Völlig vom Moment verzaubert, schließe ich mich beinahe einigen Mitreisenden an, mir im Souvenir-Shop einen Harvard Pulli zu besorgen. Der Besuch des Campus endet für uns an der beliebten John-Harvard-Statue, die wegen ihrer falschen Inschrift als „Statue der drei Lügen“ gilt. Trotzdem greifen alle zum linken Schuh, der vor lauter Wünschen ganz blank poliert ist.

Am Quincy Market verlassen wir unsere Reisegruppe. Als bekennende Foodies ist eine gute Markthalle einfach ein Must See in jeder Stadt. Sobald wir die lange Halle betreten, kommt uns eine Welle aus Gerüchen entgegen: Chowder, Lobster Rolls, italienische Scheibenpizza, asiatische Nudeln, Donuts in allen denkbaren Zubereitsungsarten. Leider hat der Markt seinen ursprünglichen Charakter als historischer Handelsplatz schon länger verloren und ist nicht mehr unbedingt Bostons romantischster Ort. Für einen kulinarischen Zwischenstopp und als Einführung in die amerikanischen Esskultur funktioniert er aber perfekt.

Danach driften wir einfach weiter und merken, wie gut Boston zu Fuß funktioniert. Da bekommt unser Schrittzähler heute kräftig was zu tun. Unser Spaziergang führt uns Richtung Beacon Hill und Boston Common. Dabei passieren wir noch mehr Wolkenkratzer und staunen über diesen harmonischen Mix aus Kolonialgeschichte, Steinfassaden und Glas. Das auffälligste ist aber dieses unfassbar saubere Stadtbild, die tadellose Bepflanzung und die zurückhaltende Gestaltung der Geschäfte. Keinerlei blinkende Leuchtreklame oder bewegte Bildschirme stören den Blick. Manchmal wirkt die Stadt fast Retro, vorallem wenn ein Feuerwehrwagen oder ein klassicher Truck vorbeikommt.

Nordwestlich vom Boston Common, dem ältesten Stadtpark der USA, steuern wir das malerische Stadtvietel Beacon Hill an. In den steilen Straßen findet man Backsteinhäuserzeilen im Federal Style und aus viktorianischer Zeit, die von alten Laternen beleuchtet sind. Hier fühlt man sich in die Epoche zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurückversetzt. Besonders gefallen haben uns die Erntedank- oder schon weihnachtlich anmutenden Blumenkästen sowie die schmiedeeisernen Zäune. Auch in Beacon Hill gibt es viel bedeutende Geschichte zu erleben. Auf dem Black Heritage Trail 57 kann man wichtige Orte der Anti-Sklavenbewegung sehen.

Neben dem Boston Common beginnt der Public Garden, Amerikas erster öffentlicher botanischer Garten. Heute kaum mehr vorstellbar, dass diese Fläche früher als Weideland und später als militärischer Exerzierplatz diente. Heute spazieren wir zwischen Ginkgo, Redwood und anderen botanischen Kostbarkeiten, vorbei an kleinen Teichen und gepflegten Wegen. Überall stehen Statuen, doch am meisten hängen die Herzen der Bostoner am „Make Way for Ducklings“-Denkmal. Das kleine Enten-Ensemble aus Bronze würdigt das berühmte Kinderbuch, das hier jedes Kind kennt. Als wir über die Summer Street Bridge zurück zum Schiff gehen, leuchtet das nächtliche Boston noch einmal in voller Schönheit. Für unseren ersten Fuß auf amerikanischem Boden hätten wir uns keinen besseren Start wünschen können.

Boston, wir sind Fans von Dir!


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