Big Island: Im Reich von Göttin Pele
In den Tagen zuvor hatten wir bereits viel über die Geschichte Hawaiʻis gehört. Über Polynesier, die ohne Kompass und nur nach den Sternen über den Pazifik navigierten, über Könige und Götter und über eine einst fast ausgelöschte hawainanische Kultur. Umso besser, heute jemanden dabeizuhaben, der all das für uns vor Ort nochmal genauer einordnen kann. Unser sympathische Lektor Ingo Bauernfeind sitzt mit uns im Bus, um mit uns gemeinsam die Schönheiten der größten hawaiianischen Insel Big Island zu entdecken. Die Freude darüber ist riesengroß, denn wir verpassen keinen von Ingos spannenden Voträgen an Bord. Der erste Nachmittag auf Big Island steht zunächst ganz im Zeichen imposanter Wasserfälle. In der hawaiianischen Kultur sind diese nämlich mehr als nur Naturwunder; sie sind heilige Orte, oft verbunden mit spannenden Mythen und Legenden.
Wir beginnen unsere Reise durch den landschaftlich reizvollen Hamakua Heritage Corridor zum Akaka State Falls Park. Der Park beherbergt die 30 Meter hohen Kahuna Falls und die Akaka Falls, die sich aus 135 Meter Höhe in die Tiefe stürzen. Da es hier im Osten der Insel besonders oft regnet, ist die Vegetation entsprechend üppig. Ich gaube, ich habe noch nie so viele verschiedene Grüntone auf einmal gesehen. Der Weg zu den Wasserfällen führt über einen kleinen Weg, der immer wieder vom Dschungel verschluckt zu werden scheint. Es geht vorbei an baumgroßen Farnen, dickem Bambus, blühenden Helikonien und hohen Bananenpflanzen mit ihren typisch rosafarbene Blüten. Noch bevor wir die Schlucht sehen, kann man bereits das meditative Rauschen hören. Dann öffnet sich der Blick, und die ʻAkaka Falls stehen plötzlich wie ein breiter Vorhang da. Wo er endet, können wir gar nicht mehr erkennen. Ray, unser Guide, pirscht sich zu uns heran und fragt uns: Ob wir mal eine tolle Geschichte hören wollen? Er erzählt uns, dass hier der ʻOʻopu lebt. Der kleine Fisch schlüpft oben im Süßwasser, wird später ins Meer gespült, wächst dort heran und kehrt irgendwann zurück. Der Weg nach oben führt über genau solche Wasserfälle wie diesen. Sein Trick: ein Saugnapf aus verschmolzenen Bauchflossen und ein Maul, mit dem er sich am nassen Fels festhält. Zentimeter für Zentimeter, gegen die Strömung. Manche überwinden dabei mehrere hundert Meter Höhenunterschied. Kann das wirklich sein, dass sich vor uns gerade irgendwo ein kleiner Fisch vor so viel Publikum wieder nach oben arbeitet? Ist doch verrückt.
Auf dem Weg zum nächsten Wasserfall halten wir an der Onomea Bay, einer besonders hawaitypischen und malerischen Bucht. Sie ist wieder so eine Ort, an dem man lieber zu Fuß weiter möchte. Ich muss gestehen, Hawaii weckt schon ein paar kleine Sehnsüchte und manchmal fühlt es sich kurz so an, als könnte man für immer die moderne Welt hinter sich lassen. Wie es wohl wäre, wenn jeder Tag nur aus diesen beeindruckenden Klippen besteht und dem Wasser das sich daran bricht. Für die nötige Farbe sorgen die wilden Orchideen am Wegesrand und für die Frische, das kühle Blätterdach des Regenwaldes. Der Anblick dieser Bucht wird das Bild von Hawai in unseren Köpfen manifestieren, das steht fest.
Kurz darauf ist der nächste Wasserfall in Sicht. Die Rainbow Falls sind mit nur rund 24 Metern Fallhöhe für Besucher leichter zu erreichen. Das Wasser stürzt hier über eine erkaltete Lavahöhle in ein breites Becken. Steht die Sonne am Morgen noch tief, bricht sich das Licht so zuverlässig in der Gischt, dass sich ein Regenbogen zeigt. In der hawaiianischen Kultur gelten Regenbögen als Verbindung zwischen sichtbarer und spiritueller Welt. Entsprechend ist dieser Ort mehr als nur ein Aussichtspunkt. Einer Überlieferung nach lebt hinter dem Wasserfall die Mondgöttin Hina. Die Lavahöhle gilt als ihr Zuhause. Hina ist eine zentrale Figur der hawaiianischen Mythologie und Mutter des Halbgottes Māui. Ein mo‘o, ein riesiges echsenartiges Wesen aus dem Fluss, soll die Gegend immer wieder überschwemmt und die Menschen in Hilo bedroht haben. Māui tötete das Wesen und schleuderte seinen Körper flussabwärts, wo er zu Stein wurde. Ein paar Stufen weiter oben stehen beeindruckende Banyan Trees. Alte Banyans erkennt man an ihren senkrechten Luftwurzeln. Diese wurden im Laufe der Zeit ebenfalls zu Stämmen und lassen den ursprünglichen Wirtsbaum verschwinden. Zurück bleibt ein dichtes Geflecht aus Säulen, manchmal mit hohlem Kern. Ein wirklich faszinieredes Gewächs.
Unser letzter Stop an diesem Tag ist die wohl bekannteste Statue von König Kamehameha I in unserer Hafenstadt Hilo. Kamehameha, geboren um 1750, gilt als Begründer des Königreichs Hawaiʻi. Der Legende nach hob er als junger Mann den schweren Naha Stone. Die Menschen glaubten, dass dieser Stein spirituelle Kraft oder Mana besaß und dass jeder, der den Stein hochheben konnte, ein hawaiianischer König werden würde. Später vereinte er die Inseln militärisch und machte Hilo zu seiner ersten Hauptstadt. Von hier aus ließ er eine Flotte von hunderten Kriegskanus bauen, um tausende Krieger zu transportieren. Sein erstes Zusammentreffen mit Europäern hatte Kamehameha 1779, als James Cook auf Hawaii landete und wenig später getötet wurde. Kamehameha starb 1819. Die Statue selbst ist realtiv jung. Sie wurde 1963 in Italien gegossen, ursprünglich für Kauaʻi bestimmt, wurde dort aber abgelehnt, da Kamehameha die Insel nie erobert hatte. Besonders auffällig ist die Kleidung des Königs. Der Kamehameha-Umhang (ʻahu ʻula) und der dazugehörige Federhelm (mahiole) sind traditionelle hawaiianische königliche Insignien von höchstem Rang, die Macht und Göttlichkeit symbolisieren und aus fast einer Viertelmillion seltenen Vogelfedern (oft gelbe des Mamo-Vogels) gefertigt wurden, die an ein Netz geknüpft sind. Seit1997 steht Kamehameha im gepflegten Park von Hilo, der im 20. Jahrhundert bereits zweimal von Tsunamis zerstört wurde. .
Der nächste Morgen beginnt mit einem leichten Unbehagen. Ein weiterer gebuchter Ausflug ist am Vortag kurzfristig storniert worden, und beim Frühstück sitzen wir etwas ratlos am Tisch und überlegen, wie wir nun mit der Situation umgehen sollen. Ich möchte unbedingt in den Vulkanpark, Mama wäre genauso zufrieden mit einem ruhigen Spaziergang durch den japanischen Garten in Hilo. Am Ende einigen wir uns auf einen Kompromiss. Wir laufen zu den Beach Parks nahe des Hafens, vielleicht können wir dort baden, und warten ab, ob sich unser Guide Agi doch noch mit einer Ersatztour meldet. So ganz abgeschrieben habe ich den ursprünglichen Tagesplan nämlich noch nicht. Zu unserer Überraschung entpuppen sich die öffentlichen Strandparks rund um den Hafen als erstaunlich attraktiv. Es sind zwar keine langen Sandstrände, wie man sie von anderen Teilen der Insel kennt, dafür gibt es Gezeitenbecken und kleine Schwimmbuchten, die durch Wellenbrecher geschützt sind und das Baden und Schnorcheln angenehm und sicher machen. Auch abseits des Wassers gibt es kleine Entdeckungen. Am Straßenrand liegen zwei reife Mangos, die wir auf der Stelle schälen und genüsslich verspeisen. Was für ein Paradies. Besonders gefällt uns der Carlsmith Beach Park mit seiner Bucht aus gehärteter Lava, sogenannter Pāhoehoe. Die Küste besteht hier aus mehreren grünblauen Lagunen und kleinen Buchten, die durch ein vorgelagertes Riff geschützt sind. Zusammen mit dem satten Grün der Kokospalmen und weiteren tropischen Bäumen stellt sich ein wunderbares Südseegefühl ein. Wir sind nicht die einzigen, die diesen Traumspot entdeckt haben. Die weiß-gelb gestreiften AIDA-Handtücher verraten die Herkunft der anderen Gästegruppe. Kurz darauf spricht uns ein Gast an und weist uns darauf hin, dass in einer etwas abgelegeneren Bucht eine Meeresschildkröte zu sehen sei. Tatsächlich hat sich dort eine “Honu” auf einem Felsen zum Sonnenbaden niedergelassen, vollkommen unbeeindruckt von unseren neugierigen Blicken. Offenbar ist dieser Ort nicht nur für uns ein guter Platz. Und als wenig später plötzlich das Telefon klingelt und Agi sich meldet, bekommt der Tag dann doch noch die ersehnte vulkanische Aktivität.
Mit Agi im Kleinwagen geht es jetzt über die Insel, vorne auf dem Armaturenbrett nicken ein paar Mini-Hula-Figuren zustimmend im Takt der Straße. „Sagt mir einfach, was ihr sehen wollt. Ich fahr euch hin“, sagt sie und lacht. Da wir die klassischen Wasserfall-Stops schon am Vortag abgehakt haben, bleibt heute Zeit für Vulkane und den schwarzen Strand. Ein kurzer Abstecher in Hilo passt aber auch noch rein. Zuerst lässt uns Agi, die ursprünglich aus Ungarn stammt und mittlerweile mit ihrem amerikanischen Mann auf Big Island lebt, am japanischen Liliʻuokalani Gardens raus und verabredet sich mit uns auf der anderen Seite der Anlage. Eine gute Idee, denn so kommt Mama doch noch in den Genuss diese Oase mit Koiteichen, Steinlaternen, kleinen Brücken und alten Banyanbäumen zu sehen. Der Garten wurde zu Ehren von Königin Liliʻuokalani angelegt und erinnert an die enge Verbindung zwischen Hawaiʻi und Japan.
Der zweite Stopp ist dafür umso süßer. Die Big Island Candies gehört in Hilo zu jeder ernstzunehmenden Touri-Tour. Seit den 1970er-Jahren wird hier produziert, probiert und verpackt. Shortbread-Kekse in Schokolade, Macadamia-Nüsse in allen denkbaren Varianten und dazu Kona-Kaffee, einem der teuersten Kaffees der Welt. Ich sage nur 45 Dollar für 200g. Dass man uns in der Schaufabrik großzügig schokolierte Shortbreads und Macadamias zum Probieren reicht, ist natürlich der älteste Trick der Welt. Funktioniert aber immer noch tadellos. Nicht lange und es langen diverse hübsch verpackte Köstlichkeiten im Reisegepäck. Jetzt sind wir aber wirklich bereit für Lava, Asche und schwarze Strände.
Auf dem Weg zum Hawaii Volcanoes National Park erzählt uns Agi viel über Big Island und seine 10 Mikroklimazonen. Auf engem Raum gibt es ebenso aktive Vulkane wie Hochlagen mit Schnee. Schwarze, weiße und grüne Strände treffen auf Regenwald oder trockene Lavaflächen. Die fünf Inselvulkane Kohala, Mauna Kea, Hualālai, Mauna Loa und Kīlauea seien über lange Zeiträume gewachsen und schließlich ineinander übergegangen. Mauna Kea zum Beipsiel ist vom Meeresboden bis zum Gipfel gemessen höher als der Mount Everest. Besonders interessant finde ich, dass die Insel über mehrere Observatorien verfügt und damit eines der wichtigsten Zentren für astronomische Forschung ist. „Neunzig Prozent aller Sterne, die man von der Erde aus sehen kann“, sagt Agi, „sieht man von da oben.“
Dann sind wir endlich am Kīlauea Krater angekomen. Der Feuerberg gilt als einer der aktivsten Vulkane weltweit und ist erst kürzlich wieder ausgebrochen. Die meisten Ausbrüche des Kīlauea verlaufen aber ruhig, die Lava steigt langsam auf und bleibt auf den Kraterbereich begrenzt. Wir kommen trotzdem erstaunlich nah heran, stehen an den Lookouts und können Dampf und Rauch im Krater beobachten. Aber auch die sogenannten Steam Vents am Rand des Kraters sind faszinierend. Die Dampfquellen entstehen, wenn Grundwasser in die Tiefe sickert, dort auf heißes vulkanisches Gestein trifft und als Dampf wieder an die Oberfläche steigt. Die ganze Landschaft fühlt sich an, als wäre man auf dem Mond gelandet. Nach dem Halt am Volcano House fahren wir zu einem weiteres Krater des Kīlauea. Wir bleiben oben am Rand stehen. Unten ziehen sich leere weite Flächen über den Kraterboden, durchzogen von Rissen und helleren Linien. Kleine Punkte bewegen sich wie Ameisen darauf. Es sind Menschen, die dort unten wandern. Agi sagt, das sei ihre liebste Wanderung auf Hawaii, eine Strecke, die sie schon oft gegangen ist. Von hier ist es nur ein kurzer Weg zur Nahuku, besser bekannt als Thurston Lava Tube. Bevor wir die Lavaröhre erreichen, führt uns ein Pfad durch feuchten Farnwald. Die Höhle ist etwa 500 Jahre alt und erzählt sehr anschaulich, wie Lava arbeitet. Außen erstarrt sie zuerst, bildet Wände und Decke, innen fließt sie weiter. Irgendwann versiegt der Strom und zurück bleibt ein Hohlraum. In diesem Fall ein gut 180 Meter langer Tunnel, stellenweise über sechs Meter hoch. Die Röhre gehört zu den meistfotografierten Orten auf Big Island und war 1913 von Lorrin Andrews Thurston (1858 – 1931) gefunden wordemn, einem lokalen Zeitungsverleger, Anwalt, Politiker und Geschäftsmann.
Unterwegs zur letzten Station, dem Punaluʻu Beach, halten wir noch an einer Macadamia-Plantage. Macadamias gehören zu den wichtigsten landwirtschaftlichen Produkten Hawaiʻis, vor allem auf Big Island. Die Bäume wurden Ende des 19. Jahrhunderts aus Australien eingeführt und mögen genau das, was diese Insel reichlich bietet: vulkanischen Boden, Regen und viel Zeit. Es vergehen Jahre bis ein Baum Früchte trägt. Die Nüsse fallen irgendwann einfach zu Boden und werden eingesammelt, per Hand oder Maschine, getrocknet und erst dann geknackt. Das ist der schwierige Teil. Die Schale gilt als eine der härtesten der Welt. Wir nehmen ein paar Nüsse mit, als kleines Experiment für später. Ob wir sie zu Hause ohne Spezialwerkzeug aufbekommen, bleibt abzuwarten.
Dann erreichen wir endlich den schwarzen Strand. Und der wirkt erst einmal ziemlich surreal. Der schwarze Sand ist grob und gleichzeitig erstaunlich fein und trocken. Er entsteht, wenn glühende Lava auf Meerwasser trifft und schlagartig zerfällt. Punaluʻu Beach ist kein klassischer Badestand. Dafür sind die Strömungen im Meer zu stark. Aber das ist ohnehin nebensächlich, denn die eigentliche Attraktion liegt nicht im Wasser. Hier am Punaluʻu Black Sand Beach ist der Bereich, in dem die grünen Meeresschildkröten besonders häufig an Land kommen. Sie sind durch eine niedrige Steinmauer vom Badestrand abgetrennt. Schilder erinnern bestimmt (KEEP OUT!) daran, mindestens fünfzehn Fuß Abstand zu halten und die Tiere in Ruhe zu lassen. Sollte sich eine Honu außerhalb dieser Zone niederlassen, reagiert der Rettungsschwimmer sofort und spannt großzügig Absperrbänder. Ebenfalls warnen Schilder davor Sand oder Steine als Souvenir mitzunehmen. Zum einen aus Respekt gegenüber der hawaiianischen Kultur und zum anderen aus Respekt vor Pele, der Göttin des Feuers und der Vulkane, die es angeblich gar nicht mag, wenn man ihr Werk mitnimmt. Agi erzählt uns von einer Vitrine mit Steinen, die Menschen nach Hawaiʻi zurückgeschickt haben sollen, nachdem sie sie als Souvenir mitgenommen hatten und anschließend von anhaltendem Pech begleitet wurden. Daneben liegen Briefe, in denen sie ihre misslichen Erfahrungen erklären und um Verzeihung bitten. Ich halte es für eine sehr gute Idee, sich nicht mit einer Lavagöttin anzulegen. Kīlauea liefert schließlich bis heute regelmäßig den Beweis, dass sie noch sehr präsent ist.