Kauaʻi: Hawai´s grüne wilde Garteninsel
Nach einigen Seetagen und dem ersten Weihnachten in warmen Gefilden ist endlich wieder Land in Sicht. Beim Anblick von Kauaʻi haben wir zum ersten Mal das Gefühl, wirklich am anderen Ende der Welt angekommen zu sein. Kauaʻi ist die älteste der hawaiianischen Inseln. Sie entstand vor über sechs Millionen Jahren durch vulkanische Aktivität. Die Voträge vorab an Bord fesselten uns bereits sehr und zeigten uns tosende Wasserfälle an bewaldeten Berghängen, über 1000 Meter tiefe Schluchten mit schroffen Klippen und eine wilde, unberührte Küste. Ich musste sofort an den Film Jurassic Park denken und den Part als gleich zu Beginn ein Helikopter flach über den Ozean auf eine entlegene Insel zufliegt. Dann diese einmalgige Naturszene: fast senkrechte, dicht bewachsene Lavahänge, die direkt aus dem Meer in den Himmel wachsen. Ich weiß noch genau, wie ich im Kinosessel saß und dachte: Was ist das bitte für ein krasser Ort? Heute weiß ich: Es war Kauaʻi.
Es ist wirklich kein Wunder, dass Kauaʻi immer wieder als Filmkulisse dient. Denn eine Landschaft wie diese, kann man sich einfach nicht bauen. Viele der spektakulären Küstenabschnitte sind nur aus der Luft oder vom Wasser aus zugänglich. Hier sind Helikopter oder Katamarane nötig, um das grüne Insel-Wunder in seiner ganzen Wucht zu erleben. Für uns war leider davon nichts in Reichweite. Die Planung von Hawaii war von Anfang an eine Herausforderung gewesen. Viele der beliebtesten Ausflüge waren Monate im Voraus ausgebucht. Gleichzeitig wollten sechs sehr unterschiedliche Inseln mit unseren Interessen zusammengebracht werden. Ich habe Seetage damit verbracht, schöne Ideen zusammenzustellen, nur um sie kurz darauf wieder storniert zu sehen. Aber das schieben wir jetzt erstmal beiseite. Wir sind hier und nur das zählt.
Gleich zu Beginn unserer Reise gibt Kauaʻi einen ersten Eindruck von dem, was diese Insel ausmacht. Sehr viel Natur! Mit unserem Ausflugsbus geht gleich es zu zwei leicht zugänglichen Aussichtspunkten: den ʻŌpaekaʻa Falls und dem Wailua River. Die ʻŌpaekaʻa Falls stürzen rund 45 Meter in die Tiefe und gehören zu den wenigen Wasserfällen der Insel, die man ohne Wanderung von einem offiziellen Aussichtspunkt sehen kann. Der Name ʻŌpaekaʻa bedeutet „rollende Garnele“ und erinnert daran, dass hier früher zahlreiche Süßwassergarnelen lebten, die bei Hochwasser mitgerissen wurden. Direkt gegenüber eröffnet sich der Blick auf den Wailua River. Der Fluss gilt als einziger schiffbarer Fluss Hawaiʻis und zieht sich breit und gemütlich durch das grüne Tal. Ich beneide die Menschen ein wenig, die auf Kajaks und Ausflugsbooten über das Wasser gleiten, während wir schon wieder Richtung Bus geschoben werden. Meine Wanderschuhe hätten an dieser Stelle eindeutig mehr Lust auf einen Einsatz gehabt als mein Sitzplatz. Fast noch interessanter als der erste Wasserfall und dieser wunderschöne Fluss sind allerdings die vielen freilaufenden Hühner um uns. Schon am Morgen, als wir mit dem Schiff anlegten, begrüßten uns krähende Hähne, als wären wir versehentlich mitten auf mehreren Bauernhöfen gelandet. Die Tiere spazieren zu Dutzenden über Wiesen und Parkplätze, vollkommen unbeeindruckt vom Verkehr oder den Besuchern. Der Grund dafür liegt in einem Hurricane im Jahr 1992, der auf Kauaʻi zahlreiche Hühnerställe zerstörte. Die Hühner entkamen, vermehrten sich und gehören seitdem ganz selbstverständlich zum Inselbild. Was für eine verrückte Geschichte!
Ziel für heute ist die historische Kilohana Plantage. Das rund 105 Hektar große Anwesen zählt zu den wenigen erhaltenen Zeugnissen der landwirtschaftlichen Vergangenheit Kauaʻi. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war Zuckerrohr der wichtigste Wirtschaftszweig der Insel, lange bevor der Tourismus diese Rolle übernahm. Kilohana ist einer der Orte, an denen sich diese beiden Welten heute berühren. Viele der Gebäude auf der Plantage sind fast hundert Jahre alt und weitgehend original erhalten. Sie erzählen von einer Zeit, in der Landwirtschaft, Handel und Macht eng miteinander verknüpft waren. Ein beliebter Programmpunkt für Besucher der Plantage ist die Zugfahrt über das Gelände. In einem nostalgischen Mahagoni-Waggon tuckern wir etwa 40 Minuten über die 2,5 Meilen lange Strecke. Es geht vorbei an Zuckerrohr, Taro dem Grundnahrungsmittel der alten Hawaiianer, weiter zu Mango-, Bananen-, Papaya- und Ananashainen. Die Plantage zeigt uns eine unglaubliche Vielfalt an Pflanzen, die diese Insel geprägt haben.
Entspannt genießen wir die ruckelige Fahrt mit unserem ersten Becher Ananassofteis aus dem Pineapple Shack. Was ich in Brandenburg aus Prinzip ablehnen würde (Schoko-Vanille oder nichts!) ist hier geradezu ein Muss. Die Ananas ist allgegenwärtig. Auch wenn sie nicht heimisch ist und ursprünglich aus Südamerika eingeführt wurde, ist sie eng mit Hawaiʻis Geschichte verbunden. Im frühen 20. Jahrhundert produzierte Hawaiʻi einen Großteil der weltweiten Ananas-Ernte. Die Frucht prägte Wirtschaft und Landschaft nachhaltig und ist bis heute Teil des kulturellen Selbstverständnisses. Auf dem Schiff ist sie ohnehin das begehrteste Gut am Buffet. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie viele Tonnen davon gebunkert werden mussten, um den kollektiven Ananasdurst der Reisenden zu stillen. Besonders drollig ist aber etwas anderes: Während der Zugfahrt begleiten uns unzählige kleine Goldstaub-Taggeckos, die an Türen und Fenstern kleben und geduldig auf kleine Insekten lauern. Ihr leuchtendes Grün mit goldenen Sprenkeln, blauen Augenringen und roten Zeichnungen macht sie zu einem echten Blickfang. Nicht umsonst nennt man sie „living jewels“. Sie werden uns die kommenden Tage noch öfter begleiten. Im Souvenirshop gab es natürlich den obligatorischen Einkauf: Pin für mich, Magnet für Mama. Aber auch eine Plumeria-Blume mit Anstecknadel fürs Haar (Hallo, wir sind schließlich auf Hawaii) und echten Kauai Coffee für Zuhause.
Für die verbleibenen Stunden auf Kauaʻi entscheiden wir uns für den Kalapaki Beach direkt an unserem Hafen in Nawiliwili. Für weitere Exkursionen zu wilderen Teilen der Insel reicht die Zeit mal wieder nicht. Ich bin untröstlich. Der Strand wirkt künstlich, und ist es vermutlich auch, die halbmondförmige Bucht perfekt gestriegelt und bepflanzt. Das Wasser hier ist ruhig, aber ideal zum Schwimmen, für erste Surfversuche, Kajaks und Stand-up-Paddles. Und natürlich auch für Kreuzfahrtreisende, die es gern fußläufig, übersichtlich und komfortabel mögen. Direkt am Strand, der wie alle Strände auf Hawaiʻi frei zugänglich ist, liegt das große Resort der Marriott-Kette und zieht entsprechend viel Publikum an. Dieses “künstliche” Hawai-Feelung ist natürlich nichts per se Schlechtes, ich hätte mich trotzdem lieber sofort an eine verträumte schwer zugängliche von hohen Wellen umpeitschte Bucht gebeamt. Die Insel hat wohl bemerkt, dass ich über meinen ersten hawaianischen Strand etwas enttäuscht bin und macht mir zum Abschied ein kleines Versöhnungsangebot: einen atemberaubenden Sonnenuntergang über den Klippen. Ok, angenommen! Nächster Inselstop: Big Island!