Mahé: Im Reich der Coco de Mer

Ach, Seychellen. Es hätte doch so schön werden können mit uns. Ein Reisehighlight solltest du werden. In deinem warmen, weißen Korallensand wollte ich mich wälzen, auf den berühmten Granitfelsen von La Digue herumklettern und später mit traumhaften Urlaubsfotos ein bisschen angeben. Nüscht is. Du hast beschlossen, dass wenn Regenzeit ist, es nun einmal gefälligst auch zu regnen hat. Und zwar ordentlich. Aber was hätten wir auch erwarten können von einer Region, die nicht von Jahreszeiten sondern von zwei Monsunphasen bestimmt ist. Und die Monate Dezember und Januar gehören schließlich statistisch zu den regenreichsten des Jahres. Jackpot für unseren Besuch, würde ich sagen.

Die Seychellen selbst sind ein Inselstaat im westlichen Indischen Ozean, etwa 1.600 Kilometer östlich von Afrika. Der Archipel besteht aus 115 Inseln, von denen nur rund ein Drittel dauerhaft bewohnt ist. Geologisch sind die Seychellen eine kleine Sensation. Während viele Inselgruppen im Indischen Ozean aus Korallen bestehen, gehören die inneren Seychellen zu den ältesten Granitinseln der Welt. Die markanten, glattgeschliffenen Felsen an vielen Stränden sind Relikte eines uralten Kontinents, der einst mit Indien verbunden war. Heute leben rund 100.000 Menschen auf den Inseln. Die Kultur ist eine Mischung aus afrikanischen, französischen, britischen und indischen Einflüssen. Entsprechend bunt geht es auch im Alltag zu. Gesprochen wird Kreolisch, Englisch und Französisch. Auch hier ist der Tourismus inzwischen die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Gleichzeitig gelten die Seychellen als eines der Länder, die erstaunlich viel Wert auf Naturschutz legen. Rund die Hälfte der gesamten Landfläche steht unter Schutz. Gar nicht so schlecht für ein kleines Inselparadies.

Unser Ausflug beginnt mit einer Katamaranfahrt nach La Digue, der wohl charmantesten Insel der Seychellen. Hier scheint die Zeit tatsächlich etwas langsamer zu laufen. Autos gibt es nur wenige. Die meisten Menschen bewegen sich mit Fahrrädern oder gelegentlich noch mit Ochsenkarren über die Insel. La Digue ist so klein, dass man sie theoretisch an einem Tag komplett umrunden könnte. Unser erster Stopp ist L’Union Estate. Dies ist eine alte Plantage, wird noch gezeigt, wie früher Kokosnüsse verarbeitet wurden. Kokosprodukte waren lange Zeit einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Inseln. Auf der Plantage stehen alte Pressen, mit denen aus dem getrockneten Fruchtfleisch der Kokosnuss Öl gewonnen wurde. Während draußen der Regen auf die Palmen prasselt, laufen wir zwischen Kokosnüssen, alten Maschinen und tropischem Grün herum und versuchen, unsere Rucksacke und Kameras halbwegs trocken zu halten. Spoiler: Hat nicht geklappt. ;)

Nach den Kokosnüssen folgt eine Begegnung, die man so schnell nicht vergisst: Aldabra-Riesenschildkröten. Diese beeindruckenden Tiere gehören zu den größten Landschildkröten der Welt. Ein ausgewachsenes Tier kann problemlos über 250 Kilogramm wiegen und mehr als 120 Jahre alt werden. Die meisten von ihnen leben auf dem abgelegenen Aldabra-Atoll, doch rund 50 Tiere werden hier auf La Digue in einem Gehege gehalten. Sie wirken gemütlich, ein bisschen verschlafen und bewegen sich ungefähr mit der Geschwindigkeit einer Wolke über einer tropischen Lagune. Gleichzeitig sollte man sie nicht unterschätzen. Wenn sich so ein 200-Kilo-Panzer einmal in Bewegung setzt, geht man besser einen Schritt zur Seite. Das ist übrigens auch schon die größte „Gefahr“, die einem auf den Seychellen durch Tiere begegnen kann. Wirklich gefährliche Arten gibt es hier kaum. Der Grund liegt in der isolierten Lage der Inseln mitten im Indischen Ozean. Viele Tierarten haben diese abgelegenen Granitinseln nie erreicht. Große Raubtiere, giftige Schlangen oder aggressive Säugetiere fehlen daher komplett. Stattdessen trifft man auf Geckos, seltene Vogelarten, ein paar Chamäleons – und eben auf riesige Schildkröten, die aussehen, als hätten sie schon die letzten zwei Eiszeiten ganz gelassen ausgesessen.

Natürlich gehört zu einem Besuch auf La Digue auch der berühmte Anse Source d’Argent. Schließlich gehört dieser Strand zu den am meisten meistfotografierten der Welt. Riesige Granitfelsen liegen hier dekorativ im Sand und wirken als hätte sie jemand für ein Werbefoto arrangiert. In Wirklichkeit wurden sie über Millionen Jahre von Wind, Wasser und Temperaturunterschieden rund geschliffen. Der Sand ist fast blendend weiß. Er besteht aus Korallenresten, Muschelschalen und Kalkalgen. Zusammen mit dem glasklaren Wasser entstehen besonders intensive Türkistöne, die fast zu schön wirken, um echt zu sein. Trotz des Dauerregens kann man sich der Schönheit dieses Ortes kaum entziehen. Die Felsen glänzen dunkel vom Wasser, der Himmel hängt tief über der Lagune und irgendwo rauscht das Meer. Leider bleibt wenig Zeit zum Erkunden. Es schüttet einfach ohne Pause, und irgendwann denke ich mehr darüber nach, ob die Kameraausrüstung noch lebt, als über das perfekte Postkartenmotiv.

Von La Digue setzen wir anschließend mit der Fähre nach Praslin über, der zweitgrößten Insel der Seychellen. Sie liegt etwa 45 Kilometer nordöstlich von Mahé und gilt als eine der schönsten Inseln des Archipels. Praslin wirkt deutlich ruhiger als die Hauptinsel. Große Hotelanlagen sind selten. Stattdessen findet man viele kleinere Resorts und Gästehäuser, versteckt zwischen Palmen und Hügeln. Unser Ziel ist das Vallée de Mai, ein UNESCO-Weltnaturerbe. Dieser Wald wird oft als „Garten Eden“ bezeichnet. Und tatsächlich fühlt sich der Spaziergang ein bisschen so an. Riesige Palmen spannen ihre Blätter über die Wege, der Regen tropft von oben durch das dichte Blätterdach und überall raschelt und zirpt es im Unterholz. Der eigentliche Star dieses Waldes ist jedoch eine Pflanze: die Coco de Mer.

Die Coco de Mer gehört zu den außergewöhnlichsten Pflanzen der Welt. Ihre Früchte sind die größten Samen im gesamten Pflanzenreich. Eine einzelne Nuss kann bis zu 30 Kilogramm wiegen. Berühmt ist sie auch wegen ihrer auffälligen Form, die stark an ein menschliches Becken erinnert. Die männlichen Blütenstände sehen dagegen eher… nun ja… anders aus. Sagen wir: biologisch sehr eindeutig. Kein Wunder also, dass diese Palme schon früh zahlreiche Legenden inspiriert hat. Früher fand man gelegentlich solche Nüsse im Meer. Da niemand wusste, wo sie wuchsen, glaubte man lange, sie würden auf unterseeischen Palmen entstehen. Daher der Name „Coco de Mer“, also Meer-Kokosnuss. Heute weiß man, dass diese Palmen nur auf Praslin und der Insel Curieuse wachsen. Sie wachsen extrem langsam. Eine Frucht braucht sechs bis sieben Jahre, um vollständig zu reifen. Manche Palmen werden mehrere hundert Jahre alt. Entsprechend streng geschützt ist die Pflanze heute. Eine Coco-de-Mer-Nuss darf man nur mit offizieller Genehmigung aus dem Land ausführen. Ein tolles Erlebnis diesen besonderen schweren Brocken einmal in den Händen zu halten.

Der kräftige Regen begleitet uns übrigens fast den gesamten Tag über. Inzwischen lachen wir darüber. Man kann es ohnehin nicht ändern. Während sich einige Gäste lautstark beschweren und meinen, man hätte den Ausflug besser absagen sollen, sehen wir die Sache entspannter. Für das Wetter kann schließlich niemand etwas. Und es tröstet ein wenig zu hören, dass die Einheimischen über den Regen sogar froh sind. Auch hier klagt man inzwischen über längere Trockenphasen und zu wenig Niederschläge. Als ich mich später auf dem Oberdeck des Katamarans einmal ordentlich durchpusten lasse, muss ich feststellen: Selbst klatschnass sind die Seychellen immer noch ziemlich beeindruckend. Vielleicht sehen die Urlaubsfotos jetzt eher nach Monsun als nach Postkartenidylle aus, aber ganz ehrlich: Auch das gehört zu unserer Reise dazu. Danke, Seychellen, dass wir hier sein durften.

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