La Réunion: Ein wildes Stück Frankreich
Nach den flachen Koralleninseln der letzten Tage wirkt La Réunion fast wie ein Kontrastprogramm und erinnert mich liebevoll an Hawaii zurück. Hier gibt es ähnlich bizarre Berge, tiefe Täler, dichten Dschungel und schwarze Lavafelder umrundet vom tiefblaue Indischen Ozean. La Réunion liegt östlich von Madagaskar und gehört zur Inselgruppe der Maskarenen. Während viele Inseln hier draußen aus Korallen bestehen, ist La Réunion eine echte Vulkaninsel, die sich vor rund drei Millionen Jahren begann aus dem Meeresboden zu heben. Erdgeschichtlich gesehen also gerade erst gestern. Politisch betrachtet ist die faszinierend kontrastreiche Insel jedoch ein Teil Frankreichs. Es wird also mit dem Euro bezahlt und man kann problemlos mit Personalausweis einreisen.
Unser Reiseleiter für diesen Tag heißt Michel. Er ist gebürtiger Pariser, der aber lange im Ruhrpott gelebt hat und vor acht Jahren nach La Réunion ausgewandert ist. Michel spricht ein Deutsch, das vermutlich sogar vielen Deutschen Respekt abnötigen würde. Und er ist ein Meister im Geschichtenerzählen. Von Hirstorie über persönliche Anekdoten übermittelt er alles mit einer gewissen Pariser Eleganz und derbem Ruhrgebietshumor. Auch vor dem ein oder anderen Altherrenwitz ist man nicht sicher. Aber man schmunzelt es einfach weg, denn ehrlich gesagt, könnte man ihm stundenlang zuhören und wir hätten es mit ihm nicht besser treffen können. Schon als wir morgens um 8 Uhr anlegen ist Eile gefragt. Unser erstes Ziel liegt hoch oben in den Bergen: der Piton Maïdo, einer der spektakulärsten Aussichtspunkte der Insel. Wer hier etwas sehen will, muss früh kommen. Also kurven wir bereits kurz nach acht die Serpentinen hinauf. Michel erklärt unterwegs, was uns eigentlich erwarten müsste. Von hier oben blickt man normalerweise tief in den Cirque de Mafate, einen der drei gewaltigen Talkessel, die aus dem Vulkan Piton des Neiges entstanden sind. Heute ist der mit 3.070 Metern höchste Gipfel des Indischen Ozeans erloschen. Eine zerklüftete Welt aus steilen Felswänden, Schluchten und kleinen Dörfern, die teilweise bis heute nur zu Fuß oder per Helikopter erreichbar sind. „Eine der wildesten Landschaften im Indischen Ozean“, sagt Michel. Leider hat das Wetter offensichtlich heute andere Pläne. Als wir oben ankommen, sehen wir erstmal … nichts. Lediglich eine weiße Wand aus dichtem Nebel. Der berühmte Aussichtspunkt über einen der spektakulärsten Talkessel der Insel? Komplett verschwunden. Wir stehen am Geländer und schauen ins milchige Nichts. Michel bleibt erstaunlich gelassen. „Der Maïdo ist heute wieder in seiner Lieblingsstimmung.“ sagt er trocken. Die Berge von La Réunion erzeugen ihr ganz eigenes Wetter. Warme, feuchte Luft steigt von der Küste auf, kühlt sich in der Höhe ab und verwandelt sich in Wolken, die dann hartnäckig an den Berghängen hängen bleiben. Und dann passiert es doch. Der Nebel reißt kurz auf. Vielleicht sind es ganze 10 Sekunden. Gerade lang genug, um einen winzigen Blick in die Tiefe zu werfen. Dort unten tauchen plötzlich grüne Berghänge auf, steile Schluchten und irgendwo ein paar Häusschen. Dann schiebt sich der Nebel wieder zusammen, als hätte jemand einen Vorhang zugezogen. Das war’s. Mit diesem flüchtigen Blick beginnt unser Tag auf La Réunion.
Die Fahrt führt uns anschließend Richtung Süden zur Küste nach Le Gouffre de l’Étang-Salé. Während draußen Zuckerrohrplantagen und immer wieder dichter Wald vorbeiziehen, nutzt Michel die Zeit für einen kleinen historischen Exkurs. La Réunion war lange eine abgelegene französische Kolonie. Im 17. Jahrhundert siedelten sich hier die knapp 80 Franzosen an. Es muss schon ausgesprochen öde gewesen sein für die ersten Bewohner, denn außer gelegentlicher Piratenüberfälle gab es keinerlei Abwechslung. Damals trug die Insel noch den Namen Île Bourbon. Schnell erkannte man, dass das tropische Klima perfekt für Plantagenwirtschaft war. Kaffee, Gewürze und später vor allem Zuckerrohr wurden angebaut, für mich widerrum viele Arbeitskräfte benötigte. Also begann auch hier eine dunkle Geschichte. Tausende Menschen wurden aus Madagaskar, Mosambik und von der ostafrikanischen Küste hierher verschleppt und auf den Plantagen als Sklaven eingesetzt. Viele der Versklavten versuchten zu fliehen. Manche schafften es tatsächlich, in den Bergen der Insel unterzutauchen. Das zerklüftete Gelände mit seinen tiefen Schluchten und schwer zugänglichen Talkesseln bot dafür überraschend gute Verstecke. Diese entlaufenen Sklaven nannte man Marrons. Die Sklaverei wurde schließlich 1848 in den französischen Kolonien abgeschafft. Doch damit war die Geschichte nicht zu Ende. Um weiterhin genug Arbeiter für die Plantagen zu haben, brachte man später Vertragsarbeiter aus Indien, China und Madagaskar auf die Insel. Aus all diesen Einflüssen entstand die Gesellschaft, die La Réunion heute prägt. Eine Mischung aus afrikanischen, europäischen, indischen, chinesischen und madagassischen Wurzeln. Während die Chinesen sowie die Muslims unter den Indern eher unter sich blieben, heirateten die Nachfahren der Sklaven und Weißen untereinander und bescherten Réunion seine Kreolen. Michel nennt das gerne das „wahrscheinlich friedlichste kulturelle Durcheinander der Welt“.
Während wir weiterfahren, wird draußen die Landschaft immer dramatischer. Die Natur wirkt hier so üppig, dass man kaum glauben kann, dass diese Insel ursprünglich einmal komplett aus Lava entstanden ist. Dann halten wir an einem kleinen Strandabschnitt, wo uns Michel eine besondere Naturerscheinung auf La Réunion zeigen will. Es handelt sich hierbei um einen natürlichen, etwa hundert Meter langen Felsspalt aus Basalt, der tief in die Küste eingeschnitten ist. Hier prallen die Wellen des Indischen Ozeans mit großer Wucht auf die schwarzen Lavafelsen und schießen durch den engen Felsspalt. Ein beeindruckendes, wenn auch tödliches Schauspiel. Dies bezeugen die vielen Kreuze am Ufer.
Während Michel weiter erzählt und wir aus dem Busfenster in der Schönheit der Natur versinken, wird die Landschaft Richtung Entre-Deux wieder zerklüfteter und dramatischer. Irgendwann hält der Bus plötzlich an einem Aussichtspunkt. Vor uns spannt sich die Pont de la Rivière Bras de la Plaine über eine gewaltige Schlucht. Tief unter der Brücke liegt ein riesiges trockenes Flussbett aus hellen Felsen und dunklen Lavasteinen. Heute wirkt die Szenerie harmlos, aber Michel versichert uns, dass bei den Zyklonen der Regenzeit sich das Ganze in einen reißenden Bach verwandelt. Dann füllt sich das gesamte Tal mit braunem Wasser, das aus den Bergen herunterstürzt. Auf dieser Insel zu wandern muss wahnsinng schön sein, denke ich mir. Nach diesem kurzen Stopp geht es weiter. Die Zeit drängt, am Berg hängen bereits dichte Regenwolken.
Im strömenden Regen erreichen wir schließlich das kleine Dorf Entre-Deux. Der Name bedeutet wörtlich „zwischen zwei“. Gemeint sind zwei Flüsse, die das Dorf umschließen und ihm lange Zeit eine gewisse Abgeschiedenheit verliehen haben. Und genau deshalb wirkt Entre-Deux heute aufgrund seiner alten kreolischen Architektur ein bisschen wie eine Zeitkapsel. Seit 1999 gehört das Bergdorf zu den schönsten Dörfern Frankreichs. Es gibt viele bunte Holzhäuser mit geschnitzten Veranden, schattige Gärten voller tropischer Pflanzen und schmale Straßen, was zur malerischen Atmosphäre des Dorfes beiträgt. Wir bestaunen die Flora der Vorgärten. Mangobäume, Papaya und nicht zuletzt wunderschöne wilde Orchideen. Allein 120 Orchideenarten kommen direkt von der Insel und sind auch nur hier zu finden. Aufgrund des Regens wird der Spaziergang kürzer als gedacht und wir machen uns auf den Rückweg zum Badeort Saint-Gilles-les-Bains, einem typischen Badeort der Insel.
Unsere letzte Station des Tages ist Saint-Gilles-les-Bains, der bekannteste Badeort an der Westküste von La Réunion. Der Ort selbst ist allerdings überraschend unspektakulär. Ein netter Küstenort, keine Frage, aber nach all den dramatischen Landschaften des Tages fehlt ihm ein bisschen die Wucht, die diese Insel den ganzen Tag auf uns gestrahlt hat. Die letzte Stunde mit Michel lassen wir es erstmal gemütlich angehen. Wir setzen uns in ein Café an der Strandpromenade, trinken einen Kaffee und schauen auf das Meer hinaus. Vor der Küste liegt eine ruhige Lagune, die durch ein Korallenriff geschützt ist. Einer der wenigen Orte der Insel, an denen man relativ entspannt baden kann. Michel berichtet, dass genau dieses Riff auch ein Grund ist, warum sich hier so viele Badeorte entwickelt haben. Denn draußen im offenen Meer gibt es neben der starken Brandung auch durchaus größere unheimliche Bewohner. Unser Lektor sprach mit einem zwinkernden Auge immer von der “Hai-Autobahn” hier auf La Réunion, wo Bullenhaie und Tigerhaie wohl keine Seltenheit sind und sogar ganze Abschnitte mit Hainetzten geschützt werden.
Fast verpassen wir am Ende sogar noch unseren Bus. Eine erstaunlich lange Schlange vor der Eisdiele sorgt kurzzeitig für leichte Nervosität. Offenbar hatten mehrere Leute gleichzeitig die gleiche Idee. Doch irgendwie schaffen wir es am Ende doch noch rechtzeitig zurück. Und so geht ein langer Tag auf La Réunion zu Ende. Eigentlich hätte ich gern noch viel mehr von dieser Insel gesehen. Michel meint, um La Réunion wirklich kennenzulernen, sollte man mindestens ein bis zwei Wochen einplanen. So viel Vielfalt auf so kleinem Raum erlebt man schließlich nicht alle Tage. Wer also durch wilde Talkessel wandern, auf einen Vulkan steigen, durch Regenwälder streifen und zwischendurch auch ein paar Tage am Meer verbringen möchte, muss im Grunde nur den Personalausweis einpacken und seine französischen Vokabeln ein wenig auffrischen. Na gut. Ein kleines Detail sollte man vielleicht noch mitbringen: eine gewisse Flugunempfindlichkeit. Denn die Anreise dauert von Europa aus schon mal gute 13 bis 15 Stunden. Da loben wir uns doch das gemütliche Weitersegeln mit unserem Weltreisedampfer. Nächster Halt: Südafrika.