Durban: Zu Besuch bei den Zulu
Unser nächster Halt auf dieser Reise heißt Durban. Die Stadt liegt an der Ostküste Südafrikas, direkt am warmen Indischen Ozean, und gehört mit fast vier Millionen Menschen zur größten Metropolregion der Provinz KwaZulu-Natal. Zum Glück ist meine Mutter hier nicht zum ersten Mal. Sie kennt die Stadt bereits von einer früheren Reise und weiß noch ziemlich genau, worauf man hier achten sollte. In Durban ist es nämlich ein bisschen wie in vielen großen Städten der Welt. Bestimmte Gegenden eignen sich wunderbar für einen Besuch, andere lässt man besser links liegen. Ein kleiner Erfahrungsvorsprung kann also nicht schaden. Neben diesen praktischen Tipps hat uns auch unser Lektor schon einiges über die Stadt erzählt. Durban funktioniert anders als viele andere südafrikanische Metropolen. Hier trifft Zulu-Kultur auf Kolonialgeschichte, und indische Einflüsse prägen bis heute das Straßenbild und vor allem die Küche. Fast zwanzig Prozent der Bevölkerung haben indische Wurzeln. Kein Wunder also, dass Durban als Hochburg der indischen Küche gilt.
Als wir am Morgen tatsächlich einlaufen, küsst die Sonne gerade die berühmte Golden Mile, die lange Strandpromenade der Stadt. Kilometerlange Sandstrände ziehen sich hier entlang der Küste, Surfer warten geduldig auf die nächste Welle und Jogger drehen ihre Runden im warmen Morgenlicht. Auch Mama möchte schnellstmöglich an den Strand. “Keine Sorge. Alles sicher da.” sagt sie. Durban hat einen schwierigen Ruf und steht für Touristen nicht unbedingt für eine entspannte Sicherheitslage. Die Stadt steht sogar in vielen Reiseführern relativ weit oben auf der Liste der Städte auf, vor denen Touristen gewarnt werden. Auch auf der AIDA wurden vorab einige unschöne Begegnungen verbreitet. Überfälle kommen hier leider vor, und auch Einheimische raten Besuchern, bestimmte Viertel zu meiden und Wertsachen nicht unbedingt zur Schau zur Stellen. Umso beruhigender also, wenn man jemanden dabei hat, der alles schon einmal aus nächster Nähe kennengelernt hat. Ein kleiner Familien-Reiseführer ist oft eben Gold wert.
Wir halten uns deshalb vor allem an der sicheren Strandpromenade auf. Ehrlich gesagt ist das auch keine schlechte Entscheidung. Dort stoßen wir auf eine der bekanntesten Attraktionen der Stadt, die uShaka Marine World. Das Aquarium der Anlage gehört zu den größten und ungewöhnlichsten der südlichen Hemisphäre und ist vollständig in ein künstliches Schiffswrack integriert. Die Idee dahinter ist ebenso simpel wie genial. Besucher bewegen sich durch das Innere eines gestrandeten Frachters, dessen Laderäume und Decks zu Aquarienräumen umgebaut wurden. Die Gestaltung ist so konsequent umgesetzt, dass man sich wirklich fühlt, als würde man ein versunkenes Schiff erkunden. Rostige Stahlträger, alte Navigationsgeräte, Rettungsboote und Luken bilden die Kulisse, während hinter dicken Glasscheiben Haie, Rochen und tropische Fische vorbeiziehen. Wir sind absolut fasziniert von diesem Unterwasserlabyrinth.
Das Aquarium beherbergt über 10.000 Meerestiere aus mehr als 300 Arten. Viele davon stammen direkt aus dem Indischen Ozean vor der Küste Afrikas. Jeder Raum hat dabei sein eigenes Thema. Mal geht es um Korallenriffe, mal um die offene Hochsee oder die Unterwasserwelt des Indischen Ozeans. Das Herzstück ist ein riesiges Becken mit mehreren Haiarten und großen Rochen, die gemächlich an den Panoramascheiben vorbeiziehen. Durch Unterwasserfenster und Tunnel hat man tatsächlich das Gefühl, mitten zwischen ihnen zu stehen. Was mir besonders gefällt ist der starke Fokus auf Meeresschutz und Bildung. Viele Bereiche erklären Küstenökosysteme, das Verhalten von Haien oder die Bedeutung von Korallenriffen. Auch die Auswirkungen der Klimaerwärmung werden thematisiert. Besonders eindrucksvoll ist ein Becken voller Plastikdeckel. Es soll zeigen, wie leicht eine Meeresschildkröte so einen Deckel mit einer Qualle verwechseln kann. Der Rundgang durch das Schiffswrack hat tatsächlich etwas von einer kleinen Expedition und war mit Abstand eines der schönsten Aquarien, die wir je besucht haben. In der Außenanlage schauen wir noch kurz bei den Pinguinen und Schildkröten vorbei, bevor wir Richtung Einkaufspassage weiterschlendern. Dort belohnen wir uns aufgrund der hohen Temperaturen erst einmal mit einem riesengroßen Eis. Und weil sich im Laufe der Reise offenbar still und heimlich eine beachtliche Sammlung an Souvenirs angesammelt hat, kaufe ich kurzerhand noch einen neuen Koffer. Danach ist Eile geboten. Der neue Koffer muss noch schnell zurück aufs Schiff gebracht werden, denn am Nachmittag wartet bereits die nächste Etappe. Ein Ausflug ins berühmte Tal der tausend Hügel.
Am Nachmittag steht dann ein ganz anderer Teil Südafrikas auf dem Programm. Nur etwa eine halbe Stunde außerhalb der Stadt erleben wir plötzlich eine sich völlig verändernde Landschaft. Die Hochhäuser verschwinden und vor uns öffnet sich eine grüne Hügellandschaft, die ihrem Namen wirklich gerecht wird: das Tal der 1000 Hügel. Sanfte Hügelketten ziehen sich bis zum Horizont, durchzogen von Flüssen und kleinen Dörfern. Ein spektakuläres Grün und das klare Blau des afrikanischen Himmels verzaubern uns sofort. Die Region gehört zum historischen Kernland der Zulu, die größte ethnische Gruppe in Südafrika. Viele Menschen sprechen hier isiZulu, und traditionelle Bräuche spielen im Alltag noch immer eine wichtige Rolle.
Unser Ausflug beginnt zunächst mit einem Besuch in einem kleinen Reptilienpark, der sich auf afrikanische Schlangen spezialisiert hat, aber auch viele Krokodilarten beherberbt. Hier lernen wir schnell, dass die Region eine erstaunliche Vielfalt an Reptilien beherbergt. Black Mambas, Puff Adders und viele andere Arten leben in den warmen Landschaften rund um Durban. Das subtropische Klima und die abwechslungsreiche Natur bieten für die Tiere ideale Lebensräume. Gleichzeitig erfahren wir, dass die meisten Schlangen viel weniger aggressiv sind, als ihr Ruf vermuten lässt. In der Regel fliehen sie lieber, als dass sie angreifen. Trotzdem fühl ich mich deutlich entspannter, wenn zwischen mir und einer Black Mamba eine stabile Glasscheibe liegt.
Anschließend genießen wir bei einer einer schönen Teezeremonie mit Scones den herrlichen Ausblick vom Botha's Hill. Der Blick auf die grünen Täler und Schluchten ist wirklich eine Augenweide. Nie hätte ich solche Bilder mit Afrika in Verbindung gebracht. Danach beginnt der kulturelle Teil des Ausflugs mit dem sogenannten Gasa Clan. Diese Zulu-Familie lebt hier in einem traditionellen Dorf und zeigt seit über vier Jahrzehnten Gästen aus aller Welt ihre Kultur. Anders als in vielen Museen geht es hier um Menschen, die ihre Tradition aktiv weiterleben. Die Anlage besteht aus mehreren traditionellen Rundhütten, die mit Gras und Stroh gedeckt sind. Die Bauweise erinnert an große Bienenkörbe und ist typisch für die Zulu Kultur. Die Hütte des Dorfoberhauptes erkennt man sofort. Über dem Eingang hängt der Schädel eines Tieres, der die besondere Stellung des Hauses markiert. Der Eingang zu jeder Hütte ist so niedrig, dass wir uns bücken müssen, um einen Blick ins Innere zu erhaschen. Innen ist es sehr schlicht und die Augen müssen sich erstmal in der fensterlosen Hütte kurz anpassen. Der Boden besteht aus festgestampfter Lehm- und Tonerde und die Wände sind dunkel vom Rauch früherer Feuerstellen.
Nach einem kurzen Rundgang beginnt schließlich die heiß ersehnte Tanzvorführung. Trommeln setzen den Rhythmus, unbekannte Stimmen steigen ein und plötzlich füllt sich der Platz mit einer Energie, die man kaum beschreiben kann. Die Tänze sind unglaublich kraftvoll und explosiv. Die Tänzer werfen ihre Beine hoch in die Luft und stampfen sie mit erstaunlicher Wucht wieder auf den Boden. Diese Tanzform wird Ukusina genannt und gehört zu den wichtigsten Ausdrucksformen der Zulu-Kultur. Früher war sie fester Bestandteil vieler Zeremonien, religiöser Feste und sozialer Zusammenkünfte. Uns wird eine traditionelle Hochzeits-Zeremonie gezeigt. Besonders auffällig ist auch der farbenfrohe Perlenschmuck der Frauen. Sie tragen kunstvoll geflochtene Halsketten, aber auch Armbänder und Kopfbedeckungen. Die bunten Perlen gehören seit Jahrhunderten zur Zulu-Tradition und die Farben und Muster vermittelten früher sogar Botschaften über Herkunft, Familienstand oder soziale Stellung. Traditionell bedeckten Frauen ihren Oberkörper eigentlich nicht, da jedoch viele Besucher aus westlichen Ländern kommen, tragen die Tänzerinnen inzwischen zusätzliche Kleidung unter ihren traditionellen Gewändern. Ein kleines Detail, das zeigt, wie sich Kultur mit der Zeit weiterentwickelt oder auch naja eben angepasst hat.
Wir waren unglaublich dankbar, uns gegen eine Safari und für dieses kleine lokale Kultur-Schaufenster entschieden zu haben. Die Zulu-Tänzer und Trommler haben uns ihre Kultur mit beeindruckender Beweglichkeit und einer guten Portion Humor gezeigt. Ich glaube, dass sie wirklich Spaß daran hatten, ihre Tradition mit uns zu teilen und wir haben wieder gemerkt, dass genau solche Begegnungen Reisen so besonders machen. Was für ein wunderbarer Auftakt in Südafrika! Das macht Lust auf mehr!
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