Malé: Türkises Inselreich in Gefahr
Wenn man Bilder von den Malediven sieht, könnte man fast meinen, sie seien am Computer entstanden. Kaum ein Ort wirkt so perfekt wie diese traumhafte Inselwelt im Indischen Ozean. Und auch wir haben heute nur einen Wunsch: ab auf eine kleine Insel, Flossen an die Füße und abtauchen in eine der artenreichsten Unterwasserwelten der Welt. Schnorcheln gehört also auf den Malediven zum absoluten Pflichtprogramm. Vor der Hauptstadt Malé liegen wir mit unserem Ozeandampfer auf Rede. Gäste und Crew müssen zum Hafen tendern, um von dort mit kleineren Schnellbooten zu den vielen Inseln rund um das Atoll zu gelangen. Unser Ziel ist das Taj Coral Reef Resort, eine winzige Insel im North Malé Atoll, etwa eine Stunde von Malé entfernt. Die Anlage gehört zu den kleineren und älteren Resortinseln der Malediven. Bereits in den späten 1980er-Jahren wurde die Insel touristisch erschlossen. Schon die Überfahrt zeigt, warum die Malediven als eines der schönsten Inselparadiese der Welt gelten: flaches, kristallklares Wasser, helle Sandbänke und Korallenriffe, die wie dunkle Flecken unter der Oberfläche liegen. Die Insel Hembadhu, auf der das Resort liegt, ist fast unwirklich klein. Ein schmaler Streifen Korallensand, gesäumt von Palmen und einem eigenen Hausriff. Kaum zu glauben, aber in nicht einmal einer Viertelstunde hat man die komplette Insel zu Fuß umrundet.
Die Malediven bestehen aus rund 1.200 Inseln, verteilt auf 26 Atolle. Nur etwa 190 davon sind dauerhaft bewohnt, auf rund 160 befinden sich Resorts. Die Atolle selbst sind gewaltige Korallenstrukturen, die über Jahrtausende auf den Überresten abgesunkener Vulkane gewachsen sind. Genau diese Riffe sorgen für die enorme Artenvielfalt im Meer. Über 1.000 Fischarten leben in den Gewässern rund um die Inseln. Wir hoffen natürlich, einigen davon heute zu begegnen. Schon wenige Meter vom Strand entfernt beginnt das kleine Hausriff in das wir all unsere Hoffnung legen. Schnell werden im Resort ein paar Flossen organisiert (man weiß ja nie, wie stark die Strömung ist) und am Strand angezogen. Auf Korallensand zu laufen ist übrigens eine eigene Erfahrung. Der Sand besteht eigentlich nur aus zermahlenen Korallenresten, die ziemlich spitz sind und das Laufen ohne Schuhe ist ziemlich unangenehm. Das Wasser ist hingegen herrlich. Bestimmt 27 Grad warm. Die Lagune leuchtet so Blau, als hätte jemand den Boden mit Poolfolie ausgelegt. Als wir den Kopf endlich unter die Wasseroberfläche tauchen, öffnet sich eine völlig andere Welt. Das Wasser ist so klar, dass man das Gefühl hat, durch Glas zu schauen. Riesige Papageifische ziehen gemächlich über das Riff, und Mama hört sie sogar unter Wasser laut an den Korallen knabbern. Auch Doktorfische, Wimpel- und Falterfische, die ich zuvor nur aus Aquarien kannte, gleiten elegant durchs Wasser. Zu meinem Glück treffe ich sogar auf einen Schwarzflossen-Riffhai, der ruhig am Riff entlangzieht.
Leider ist nicht mehr alles so bunt uns beim genaueren Hinsehen zeigt sich auch eine andere Seite. Viele Korallen sind stark ausgeblichen oder bereits abgestorben. Die großen Korallenbleichen haben weite Teile der Riffe schwer geschädigt. Steigt die Wassertemperatur über längere Zeit an, verlieren die Korallen die Algen, mit denen sie in Symbiose leben. Zurück bleiben nur noch bleiche Strukturen, die später oft absterben. Auch menschliche Eingriffe setzen den Riffen zu. Um Platz für neue Inseln, Häfen oder Resorts zu schaffen, werden Lagunen ausgebaggert und Sand aufgeschüttet. Das feine Sediment gelangt ins Wasser und kann sich auf den Korallen ablagern. Blicken wir vom Strand hinaus aufs Meer, sehen wir sogar in Echtzeit Kräne, die gerade eine nahegelegene Insel aufbaggern. Auch das gehört zur Realität. Und dass die Malediven nicht in der Lage sind, den gesamten Müll von Bevölkerung und Touristen zu entsorgen, leider ebenfalls.
Insgesamt verbringen wir rund sechs Stunden auf dieser kleinen Insel. Touristen aus aller Welt liegen hier unter Palmen, schnorcheln am Hausriff oder sonnen sich auf riesigen Loungebetten. Es fällt erstaunlich leicht, für ein paar Stunden so zu tun, als gäbe es nichts anderes mehr auf der Welt. Dieses Gefühl gehört ja quasi zum Konzept der Malediven. Jede Hotelanlage liegt auf ihrer eigenen Insel und ist völllig abgeschirmt vom Alltag des Landes. Während Gäste hier im Bikini baden und Cocktails trinken, sieht das Leben auf den Inseln der Einheimischen deutlich konservativer aus. Die Malediven sind ein islamischer Staat und vorallem die Malé hat wenig mit dem Bild gemein, das die Welt von den Malediven hat. Zumal sie im letzten Jahrzehnt sich als Islamisten-Hochburg einen traurigen Namen gemacht hat. Da der internationale Tourismus räumlich ausgelagert wurde, ist eine eigene kleine Parallelwelt im selben Land entstanden. Erschwerend kommt auch noch hinzu, dass die maledivischen Inseln im Durchschnitt nur ein bis anderthalb Meter über den Meeresspiegel hinausragen. Steigt dieser durch den Klimawandel weiter an, sind die Atolle in aktuer Gefahr. Die Regierung hat damit angefangen rund um Malé neue Inseln aufzuschütten, um mehr Land zu schaffen. Doch auch diese Projekte greifen in das empfindliche Ökosystem der Korallenriffe ein. Und genau diese Riffe sind wiederum die Grundlage für den Tourismus, von dem mittlerweile rund ein Drittel der Wirtschaft der Malediven abhängt. Ein Teufelskreis, aus dem das Land nur schwer herauskommen wird.