Colombo: Die Welt des Ceylon Tee

Nachdem wir gestern an der Ostküste Sri Lankas abgelegt haben, laufen wir nun in Colombo an der Westküste Sri Lankas an. Rund 20 Millionen Menschen leben auf Sri Lanka, davon etwa 650.000 hier in der Hauptstadt. Dank des geschützten Naturhafens war Colombo schon früh ein wichtiger Handelsplatz. Perlen, Edelsteine, Zimt und andere Gewürze wurden von hier aus in alle Welt verschifft und machten die Stadt über Jahrhunderte zu einem begehrten Knotenpunkt im Indischen Ozean.

Mama und ich haben uns für heute allerdings getrennte Wege vorgenommen. Während sie eine Bootsfahrt unternimmt und anschließend eine Zimtplantage besucht, zieht es mich ins Hochland. Mein Ziel: die Welt des berühmten Ceylon-Tees kennenlernen. Am Pier werden wir mit einem ersten kulturellen Gruß empfangen. Eine Gruppe Tänzer wirbelt in farbenfrohen Gewändern über den Asphalt, begleitet von schnellen Trommelrhythmen. Sie praktizieren traditionelle Kandyan-Tänze aus dem Hochland von Kandy, die in dieser Form einst bei königlichen Zeremonien und Tempelfesten aufgeführt wurden. Ein ziemlich eindrucksvoller Empfang und ich bin froh, noch einen Moment Zeit zu haben, dieses Schauspiel zu genießen.

Danach geht es zunächst mit dem Reisebus quer durch Colombo. Und da ist er wieder: der typisch „asiatische“ Fahrstil. Immer fahren, wenn sich irgendwo ein paar Zentimeter Platz auftun. Hupen gehört auch hier wieder ganz selbstverständlich zur Kommunikation im Straßenverkehr. Das Stadtbild zeigt die Mischung, die ich mittlerweile in vielen asiatischen Metropolen kennengelernt habe. Koloniale, bunt gestrichene Gebäude stehen neben moderner Skyline. Die Geschichte von Colombo lässt sich bis ins 5. Jahrhundert nach Christus zurückverfolgen. Schon damals war die Stadt ein bedeutender Hafen, an dem Händler aus Rom, China und der arabischen Welt Station machten. Besonders muslimische Kaufleute ließen sich dauerhaft nieder. Im 16. Jahrhundert eroberten die Portugiesen Colombo, später wurden sie von den Niederländern verdrängt. Während dieser Zeit erlebte der Gewürzhandel, einen neuen Höhepunkt.Vor allem der begehrte Zimt spielte dabei eine große Rolle. 1796 übernahmen schließlich die Briten Ceylon, wie Sri Lanka bis 1972 hieß, und machten Colombo zur Hauptstadt ihrer Kronkolonie. Erst 1948 wurde die Insel unabhängig. Bis zu unserem Ziel, der Athukorala Tea Factory, liegen etwa zwei Stunden Fahrt vor uns. Unser singhalesischer Guide, der tadelloses English spricht, gibt uns bereits eine kleine Einweisung in die Geschichte des Tees hier auf Sri Lanka. Zu unserer Überraschung hat derTee hier eigentlich gar nicht seinen Ursprung. Im 19. Jahrhundert war die Insel nämlich ein großes Kaffeeanbaugebiet. Leider zerstörte 1869 der sogenannte Kaffeerost innerhalb weniger Jahre fast alle Plantagen. Ein Schotte namens James Taylor begann daraufhin bei Kandy mit ersten Teeversuchen, da sich das Klima im Hochland dafür als ideal erwies. Schon bald wurden ehemalige Kaffeeplantagen zu Teefeldern umgebaut, und 1873 exportierte Ceylon erstmals Tee nach London. Das waren gerade einmal 23 Pfund. Heute verlassen über 240 Millionen Kilo Teeblätter jedes Jahr die Insel und Sri Lanka gehört damit zu den größten Teeexporteure der Welt. Der Name „Ceylon Tea“ ist geblieben und steht bis heute als Qualitätsmarke für schwarzen Tee aus Sri Lanka.

All das dürfen wir heute in der familiengeführten Athukorala Tea Factory im Gebiet der Uva Highlands erleben. Vor Ort werden wir bereits vom General Manager und mehreren Mitarbeitern begrüßt. Sie führen uns über das Gelände und erzählen uns alles über die Geschichte der Plantage und den Teeanbau. Wir laufen durch die Nursery, in der junge Teepflanzen großgezogen werden, aber auch eindrucksvolle Ananasstauden, große Zimtbäume, süße Papayas und reife Sternfrüchte. Immer wieder drückt uns ein Blatt, eine Rinde oder eine Frucht in die Hand. „Smell this!“ heißt es dann. Riechen gehört hier offenbar genauso zur Führung wie Zuhören. Auf den Plantagen sehen wir schließlich auch die Pflückerinnen bei ihrer Arbeit. Der Großteil der Ernte wird bis heute von Frauen von Hand gepflückt. Dabei werden oft nur die zwei obersten Blätter und die Knospe geerntet, dann das gilt als die beste Qualität. Etwa 20 Kilo schafft eine Pflückerin am Tag. Dafür gibt es rund 1.000 Rupien Lohn, umgerechnet knapp drei Euro. Danach werden wir in die Fabrik geführt. Hier sehen wir den gesamten Prozess: von der frisch gepflückten Teespitze bis zum fertig verpackten Produkt. Zuerst welken die Blätter auf langen Gitternetzen im Luftstrom großer Ventilatoren. Danach werden sie gerollt und leicht zerstoßen, damit die Zellstruktur aufbricht. Anschließend folgt die Fermentation. Ich habe gedacht, dass anstrengenste der Arbeit wäre das Pflücken in der Hitze Sri Lankas plötzlich, aber hier fühlt es sich an wie in einer Sauna nach dem Aufguss. Nach einer halben Minute rinnt der Schweiß. Übrigens dürfen wir als Besucher nur mit Haarnetz und Mundschutz durch die Fabrik laufen, was die Sache nicht gerade luftiger macht. Nach etwa zweieinhalb Stunden Fermentation haben sich die Blätter von grün zu dunkel verfärbt. Danach werden sie maschinell getrocknet und nach Größe sortiert. Je feiner der Tee, desto intensiver wird später der Geschmack. Am Ende schaufeln Arbeiterinnen den fertigen Tee in große Säcke. Rund 90 Prozent davon gehen nach Colombo zur Teebörse und werden von dort in alle Welt verschifft. Auf vielen Packungen entdecken wir das Qualitätssiegel mit dem Löwen, das garantiert, dass der Tee wirklich aus Sri Lanka stammt.

Nach so viel Theorie und Schwitzen ist jetzt endlich Zeit für eine Erfrischung. Beim Tea Tasting können wir mehrere Sorten probieren, die feinen kleinen Unterschiede herausschmecken und uns direkt unsere Teelieblinge vormerken. Praktischerweise hat das Factory Team die entsprechende Tee-Verpackung gleich dazu drapiert. Besonders gut schmeckt mir der Tee mit einem kleinen Würfel Palmzucker, der uns dazu gereicht wird. Sobald sich dieser im heißen Tee auflöst, bekommt das Ganze eine leicht karamellige Note. Einfach super lecker. Im Shop haben alle nun die Qual der Wahl. Unzählige Schwarztee Varianten in allen möglichen Qualitätsstufen verlocken zum Vergleich. Was war nochmal Golden Tipp? Wo steht der White Tea? Welcher wird nur getrocknet, nicht fermentiert? Zum Glück helfen uns die Mitarbeiter geduldig dabei, alles nach unseren Wünschen zusammenzustellen.

Auf der Rückfahrt nach Colombo bekommen wir noch einmal eine kleine Zugabe aus dem Alltag Sri Lankas. Unser sympathischer Guide entpuppt sich plötzlich als echtes Multitalent: Er pflückt am Straßenrand kurzerhand eine Reispflanze, singt uns ein Volkslied vor und versucht, uns ein paar Worte Singhalesisch beizubringen. Wir geben uns Mühe, ernten aber sehr viel Gelächter. Auch der Blick aus dem Busfenster bleibt spannend. Diese üppige grüne Natur und die kleinen Ortschaftenbieten so viel für europäische Augen. Überall hängen Plakate mit dieser wunderschönen, fast kunstvollen singhalesischen Schrift. Bunte alte Busse drängen sich durch den Verkehr, Kinder laufen in ihren Schuluniformen nach Hause, Frauen tragen elegante Sari-Gewänder, und an den Straßenrändern reihen sich kleine Marktstände aneinander. Es sind diese vielen kleinen Szenen, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Der Tag war insgesamt sehr wunderbar und wir haben einen schönen Einblick vom südlichen Teil Sri Lankas gewinnen können. Definitiv ein Land, von dem ich gerne mehr sehen möchte. Damit mir die Erlebnisse nicht so schnell aus dem Kopf geht, kaufe ich mir zum Schluss noch einen kleinen Kissenbezug mit einem Elefantenmotiv. Möge es mich immer an diesen Tag erinnern.

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