Hambantota: Ein Tag im Herzen von Sri Lanka

Unsere erste Begegnung mit Sri Lanka beginnt in Hambantota, einer Hafenstadt an der Südküste der Insel, etwa 240 Kilometer von der Hauptstadt Colombo entfernt. Mit rund 12.000 Einwohnern ist die Stadt vergleichsweise klein, besitzt jedoch den größten Tiefseehafen und zweitgrößten Handelshafen Sri Lankas. Der moderne Hafen wurde mit chinesischen Investitionen errichtet und wird heute zu großen Teilen von einem chinesischen Staatsunternehmen betrieben. Als Sri Lanka Schwierigkeiten hatte, die Kredite zurückzuzahlen, wurde der Hafen im Jahr 2017 für 99 Jahre an China verpachtet. Hambantotas Wurzeln reichen jedoch viel weiter zurück. Archäologische Funde zeigen, dass der geschützte Naturhafen bereits seit Jahrtausenden genutzt wird. Schon griechische Seefahrer kannten diesen Ankerplatz. Der heutige Name Hambantota setzt sich aus „Sampan“, der Bezeichnung für die Boote malaiischer Einwanderer, und „Tota“, dem singhalesischen Wort für Hafen, zusammen. Hambantota liegt in einer der beiden Trockenzonen Sri Lankas, und entlang der Küste erstrecken sich große Salzfelder, auf denen noch heute Salz aus Meerwasser gewonnen wird. Mittlerweile gewinnt die Stadt auch als Kreuzfahrthafen zunehmend an Bedeutung, denn von hier aus lassen sich mehrere Nationalparks wie Yala, Bundala und Udawalawe erreichen, die für ihre reiche Tierwelt bekannt sind. Unser Ausflug heute wurde mit “Ein Tag im Herzen von Sri Lanka” beworben und verspricht ein besonders authentisches Landeserlebnis, denn wir dürfen heute mit Einheimischen ayurvedisch kochen.

Allerdings starten wir mit etwas Unbehagen in den Tag. Noch bevor wir unseren Industriehafen mit dem Kleinbus verlassen können, wird das Fahrzeug mit Spiegeln nach möglichen Sprengsätzen kontrolliert. Schon im Informationsblatt zum Landgang wurde von AIDA darauf hingewiesen, dass die Sicherheitsvorkehrungen hier sehr hoch sind. Ebenfalls sichern mehrere Polizeipatrouillen die Zufahrt zum Hafen, einige von ihnen tragen sogar Maschinengewehre. Für einen Moment wird es flau im Bauch. Der Hintergrund dafür liegt in der jüngeren Geschichte des Landes. Sri Lanka wurde über Jahrzehnte von einem Bürgerkrieg geprägt, der erst 2009 nach 23 Jahren mit der Niederlage der separatistischen Gruppe Tamil Tigers (LTTE) endete. Mit Selbstmordattentaten und Bombenanschlägen auf Busse, Verkehrsknotenpunkte und wirtschaftliche Ziele versetzten sie das Land viele Jahre in Angst. Auch später blieb das Thema Sicherheit präsent. 2019 erschütterten islamistische Terroranschläge an Ostern das Land, bei denen mehrere Kirchen und Hotels angegriffen wurden. Auch dies verschärfte die Sicherheitsmaßnahmen vielerorts enorm. Dementsprechend sind wir alle etwas angespannt. Zum Glück verflüchtigt sich dieses mulmige Gefühl relativ bald wieder als wir das Hafengelände hinter uns lassen. Jetzt führt uns eine friedliche Landstraße hinaus aufs Land. Der Kopf wird sofort wieder frei für ein ganz anderes Sri Lanka. Eine üppig grüne Landschaft mit Palmen, Bäumen samt reifen Früchten, Reisfeldern und kleinen einfachen Ortschaften. Mit dem Kleinbus sind wir wendig, zum Glück. Denn nicht selten müssen wir hier frei laufenden Hunden und auch Zebu-Rindern ausweichen. Die Landschaft wirkt ruhig und ursprünglich, ganz anders als das touristische Phuket, aus dem wir gerade anreisen.

Nach einiger Zeit erreichen wir Yoda Lake. Der See ist Teil eines ausgeklügelten Bewässerungssystems, das bereits vor über 2.000 Jahren angelegt wurde, um die Landwirtschaft in diesem trockeneren Inselteil zu sichern. In der Green Villa Yala Lodge, einem kleinen Bed & Breakfast mit Garten, machen wir schließlich Halt. Die Begrüßung ist wahnsinng herzlich und wir bekommen jeweils eine Flamingoblume und ein Glas frisch gepressten Mangosaft gereicht. Alles hier aus dem eigenen Garten. Die Lodge ist bekannt dafür, dass sie eng mit Menschen aus der näheren Umgebung zusammen arbeitet. Die Zutaten für Kochveranstaltungen stammen aus den umliegenden Felden, und auch das Kochen wird von Einheimische aus dem Dorf übernommen. Solche Programme sind im Habantota Gebiet in den letzten Jahren häufiger geworden. Durch den wachsenden Safari-Tourismus im nahegelegenen Yala-Nationalpark versuchen viele Unterkünfte, Besuchern das alltägliche Leben der Region näherzubringen. Gemeinsam wollen wir heute ein typisches singaleshischen Mittagessen zubereiten und zusammen genießen. Doch bevor es ans Kochen geht, werden wir durch den Garten geführt und es wird uns erklärt, was für Zutaten in der lokalen Küche verwendet werden. Unser Guide zeigt uns zb den Holzapfelbaum. Die exotische Frucht mit der harten und holzigen Schale schmeckt aufregend intensiv. Aufgrund der verdauungsfördernden Wirkung gilt der Holzapfel in der ayurvedischen Medizin als gesundes Superfood. Weiter entdecken wir u.a. die tropische Hülsenfrucht Tamarinde. Die braunen Schoten sind besonders reich an Mineralstoffen und werden häufig als Paste für Currys verwendet.

Dann kehren wir zum Haus zurück, in dem später gekocht wird. Das Gebäude selbst ist ein gutes Beispiel für traditionelle Bauweise auf Sri Lanka. Die Konstruktion besteht aus Holz, die Wände aus Lehm und das Dach aus getrockneten Palmenblättern. Zwar muss das geflochtene Dach jedes Jahr ausgetauscht werden, aber der Vorteil ist: die Materialien sind überall verfügbar und sorgen noch dazu dafür, dass sich das Haus in der tropischen Hitze weniger aufheizt. Die Küche ist einfach. Es gibt einen traditionellen Lehmofen, aber ein kleiner mobilder Gasherd wurde zur Unterstützung mit aufgebaut. Darauf stehen mehrere Tontöpfe, in denen später unsere Gerichte köcheln werden. Zuerst wird jedoch eine Kokosnuss geöffnet. Danach dürfen wir selbst versuchen, das Fruchtfleisch als feine Raspeln herauszulösen. Frisch geraspelte Kokosnuss gehört zu den wichtigsten Zutaten der sri-lankischen Küche. In vielen Gerichten bildet sie die Grundlage für Currys oder Gemüsegerichte. Während für uns gekocht wird, stehen wir daneben und staunen über die vielen farbigen Gewürze. In kleinen Schalen liegen Chili, Curryblätter, Pfeffer, Kurkuma, Zimt und weitere Zutaten bereit. Die Küche Sri Lankas gilt als besonders aromatisch und vielseitig. Schon vor vielen Jahrhunderten brachten Händler aus Arabien, Europa und Asien neue Zutaten auf die Insel. Die verschiedenen Einflüsse haben die Esskultur bis heute geprägt. Ein kurzer Moment der Überraschung entsteht, als zwei großzügige Teelöffel Chiliflocken im Gemüse landen. Irgendetwas sagt mir, dass es vermutlich auch vier hätten sein können, wären unsere europäischen Mägen nicht dabei. Langsam beginnt alles zu köcheln und intensiv zu duften. Besonders die Vegetarier in der Gruppe kommen hier heute voll auf ihre Kosten. Über 70% der Bevölkerung sind Buddhisten und essen aus religiösen Gründen wenig oder gar kein Fleisch. Entsprechend groß ist heute die Auswahl an Gemüsegerichten, Currys und Beilagen.

Nach etwa einer Stunde ist das Essen fertig. Unser Guide stellt uns die Gerichte nochmal alle im Detail vor. Es gibt Reis, Linsencurry, Papadam, Auberginensalat und mehrere weitere Beilagen. Dann dürfen wir uns an die lange Tafel setzen. In Sri Lanka spielt Essen eine große Rolle im Alltag. Meist wird dreimal täglich warm gegessen. Häufig steht dabei das Nationalgericht Rice and Curry auf dem Tisch. Traditionell wird mit der rechten Hand gegessen. Die linke Hand, die als unrein gilt, bleibt dabei unter dem Tisch. Man formt kleine Portionen Reis und Curry zu Kugeln und schiebt sie mit dem Daumen in den Mund. Zum Reinigen der Hände werden häufig kleine Wasserschalen gereicht. Unser Guide fragt uns höflich, ob es für uns in Ordnung ist, wenn er auf diese Weise isst. Natürlich ist es das. Wir selbst greifen allerdings doch lieber zum Besteck. Zum Essen wird ein erfrischendes lokales Bier serviert, das hervorragend schmeckt. E passt zu den aromtatischen Gewürzen und der leichten Schärfe des Essens. Ich nehme mir wieder einmal mehr vor, zu Hause öfter mit Gewürzen und Currys zu kochen. Ein Highlight ist aber defintiv der Nachtisch: Büffeljoghurt. Auf Sri Lanka wird aus der Milch der Wasserbüffel ein sehr dickes Joghurt hergestellt, das in seiner Konsistenz fast an griechischen Joghurt erinnert. Hier im Süden der Insel, wo viele große Büffelherden leben, gehört dieser Joghurt fest zur Esskultur. Er wird Mee Kiri genannt und traditionell in dicken Terracotta-Schalen hergestellt, die man übereinander stapeln kann. Oft wird er sogar an der Straße verkauft. Gegessen wird Mee Kiri meist mit Palmhonig, der eine leicht karamellige Süße mitbringt. Lecker! Unser Fazit: Unfassbar schönes leichtes Essen, dass einem wirklich das Gefühl gibt, man hat sich und seinem Körper was richtig Gutes getan. Und trotz der vielen Gewürze und der gelegentlichen Schärfe haben wir das Essen auf Sri Lanka durchweg hervorragend vertragen.

Nach dem Essen folgt ein kleiner Verdauungsspaziergang durch das Dorf. Einige Einheimische fahren auf Motorrädern an uns vorbei, andere arbeiten auf ihren Feldern. Entlang der Straße fallen uns immer wieder Elektrozäune auf, die Felder und Häuser umgeben. Unser Guide erklärt uns den Grund dafür. So friedlich das Bild der Landschaft wirkt, so angespannt ist vielerorts das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Besonders schwierig ist das Zusammenleben mit den wilden Elefanten. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 5.000 bis 6.000 Elefanten auf Sri Lanka leben. Rund 70 Prozent von ihnen bewegen sich außerhalb der Nationalparks. Die Tiere folgen dabei oft ihren traditionellen Wanderwegen, die sie seit Jahrhunderten nutzen. Doch Straßen, Zäune und neue Siedlungen blockieren diese Routen zunehmend. Die Folge sind natürlich Konflikte. Elefanten durchstreifen Plantagen und Felder, fressen Ananas, Zuckerrohr oder Bananen und zerstören Ernten. Für viele Bauern kann das existenzbedrohend sein. Die Menschen versuchen die Tiere mit Feuerwerkskörpern, Elektrozäunen oder Gewehren fernzuhalten. Gleichzeitig kommt es immer wieder zu Unfällen mit Autos oder Zügen. Jedes Jahr sterben sowohl Menschen als auch Elefanten bei diesen Begegnungen.

„Ayubowan“, grüßen wir einen Bauern vor seiner Plantage. Das bedeutet so viel wie „Mögest du ein langes Leben haben“ und ist die traditionelle Begrüßung auf Singhalesisch. Unser Gegenüber scheint zufrieden mit unserer Aussprache und zeigt uns gleich stolz seine Felder. Hier wachsen Auberginen, Okraschoten und eine beachtliche Menge Bohnen. Der Boden sieht so brüchig und trocken aus, dass ich sehr beeindruckt von der Üppigkeit auf seinen Feldern bin. Zurück am Yoga Lake beobachten wir einen weiteren Dorfbewohner, der seine Herde Wasserbüffel langsam in den See treibt. Die Tiere lassen sich nicht lange bitten, denn dort können sie sich abkühlen und gleichzeitig lästige Parasiten loswerden. Wasserbüffel spielen in Sri Lanka eine wichtige Rolle in der Landwirtschaft. Sie sind u.a. robuste Arbeitstiere in tiefen Reisfeldern, die für Traktoren ungeeignet sind. Die Tiere können bis zu 1.200 Kilogramm wiegen und tragen ihre beeindruckenden Hörner ein Leben lang. Trotz des eher trüben Wetters gelingt es mir, einen besonders schönen Moment des Bauern mit seinen badenden Tieren einzufangen. Für uns Menschen ist das Baden im Yoda Lake allerdings eher keine gute Idee. Im Wasser leben nämlich auch Krokodile. Zum Abschluss kehren wir zur Lodge zurück. Am Pool werden uns zum Abschied Schwarztee und Ingwerkekse serviert. Der Tee schmeckt so köstlich und macht große Lust auf den nächsten Ausflug. Denn morgen steht bereits der Besuch einer Teeplantage auf dem Programm.

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Colombo: Die Welt des Ceylon Tee