Singapur: 5 Sterne Flucht nach Indonesien
Nach den letzten doch sehr ländlichen Ausflügen ist es wieder langsam Zeit für die nächste asiatische Megacity. 3 Tage Singapur stehen in der Reiseplanung - eine der am dichtesten besiedelsten Städte der Welt. Aber zunächst ist beim Kapitän höchste Konzentration gefragt. Hier in der Straße von Singapur reihen sich Frachter auf Frachter aneinander wie Spielzeuge und machen sofort klar: wir befinden uns in einem der weltweit größten Containerhäfen. Vor 200 Jahren war der heutige Insel- und Stadtstaat noch ein strategischer Außenposten der Briten unter Stamford Raffles, heute zählt Singapur zu den zehn meistbesuchten Städten der Welt und hat demnach in Sachen Kultur, Geschichte und Natur einiges zu bieten. So ist es nicht verwunderlich, dass gefühlt das halbe AIDA Schiff schon einmal hier war. Unser ursprünglicher Liegeplatz direkt an der weltberühmten Marina Bay ist leider belegt, also weichen wir aus nach Sentosa Island, Singapurs Spielwiese mit Freizeitparks und schönen Sandsträngen. Nicht ganz so ikonisch, aber immerhin direkt am neusten Einkaufszentrum der Stadt und der hübschen Seilbahn, die einen auf Sentosa Island bringt. Drei Tage bleibt das Schiff hier. Viel sehen werde ich von der traumhaften Stadt leider nicht, denn Reinier ist wieder einmal um die halbe Welt geflogen, damit wir uns genau hier wiedersehen. Und wer meinen Freund kennt, weiß, dass er sich schon längst andere Pläne gemacht hat. Wir treffen uns zwar hier am Terminal, doch nur um direkt weiter zum nächsten Fährhafen zu ziehen. Nur eine Stunde von Singapur entfernt, beginnt bereits Indonesien. Und auf Bintan wartet schon ein Fünf-Sterne-Hotel auf uns, das wir uns im normalen Leben vermutlich aus Prinzip schon ausgeredet hätten. Doch wir haben kurz zuvor über ein indonesisches Reisebüro gebucht: 350 Euro für zwei Nächte an einem menschenleeren Strand. Fühlt sich wie ein sehr guter Deal für uns an. Und so verabschieden wir uns von Mama, die Singapur nun ohne uns erkunden muss.
Eine Stunde mit dem Katamaran durch die launische See das Meer und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus. Vom Fährhafen auf Bintan bis zu unserem Hotel sind es kaum zwanzig Minuten. Schon in der Auffahrt fällt mir dieses dunkle warme Holz auf und das edle Design. Vor uns steht kein steriler Resortkasten, sondern ein Ort mit viel Charakter des Landes in dem wir angekommen sind. Das Foyer ist offen, fast unter freiem Himmel, umgeben von flachen Wasserbecken, durch die der Wind kleine Wellen zieht, und ich stehe da mit diesem ersten Gefühl von: Wow, ist das schön hier! Unser Zimmer öffnet sich direkt zum Meer, und selbst die Dusche hat Blick auf den Horizont. Ich habe selten in einem Raum geschlafen, der so stimmig war. Überall liegt dieser feine Spa-Duft in der Luft, sogar im Fahrstuhl, und die gesamte Anlage ist so großzügig gestaltet, durchzogen von Wasserwegen, Naturstein, Holzdielen, Palmen und immer wieder dieses dunkle Holz, das alles verbindet. Dazu hört man eigentlich konstant das Meer rauschen, als würde es dazugehören wie das Licht. Eigentlich wollen wir die Insel erkunden, aber stattdessen sitzen doch tagsüber im Pool, bestellen Cocktails an der Poolbar und lachen darüber, dass wir uns so etwas im normalen Alltag wahrscheinlich ausreden würden. Zu viel, zu luxuriös, unnötig für uns. Und doch fühlt es sich in diesem Moment genau richtig an. Diese Reise bringt uns an Orte, an denen wir diese Gedanken beiseite schieben und einfach mal Ja sagen. Am meisten überrascht mich die Küche, weil sie konsequent indonesisch bleibt und nicht für Touristen anpasst. Wir genießen neue Gewürze und echte Aromen. Einfach toll! Bis dahin scheint alles perfekt, doch als wir ein paar Meter weiter am Strand entlang laufen, bekommt unsere Idylle plötzlich Risse. Angeschwemmtes Plastik liegt im Sand und in den Büschen, dunkle Flecken ziehen sich durch den Strand. Wir laufen weiter, ohne zu ahnen, dass wir gerade durch Öl gehen. Erst später merken wir, dass sich dieser schwarze Film in unsere Füße und Schuhe gefressen hat. Bintan liegt an der Straße von Malakka, einer der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten der Welt, und Indonesien ist selbst ein Ölförderland, das Meer trägt beides an Land. Wir schrubben und spülen, versuchen es mit Wasser und Seife, aber nichts löst diesen Belag. Ein Moment, in dem die ganze Leichtigkeit kurz zu kippen droht. Zurück im Hotel stehen wir mit ziemlich verzweifeltem Blick da, und wieder zeigt sich, was Service an so einem Ort bedeutet. Ohne Zögern nimmt man uns die Schuhe ab, verschwindet damit nach hinten und arbeitet so lange daran, bis zwei Stunden später ein Mitarbeiter mit sauberen Sohlen vor unserer Tür steht. Dankbar sind wir sehr. Und gleichzeitig bleibt dieses schwere Gefühl, dass selbst der schönste Rückzugsort der Welt, die harte Wirklichkeit unserer Welt nicht ausblenden kann.
Zurück in Singapur bleibt uns nicht mehr viel gemeinsame Zeit. Reinier schnappt mich und wir fahren in den Botanischen Garten, eine Entscheidung, für die ich ihm sehr dankbar bin. Mitten in der Stadt liegt hier eine riesige grüne Welt, die für die Einheimischen mehr ist als nur ein Park. 1859 wurde das Areal von den Briten als Landschaftsgarten zum Flanieren angelegt. Später entwickelte sich die Anlage zu einem bedeutenden Zentrum für Pflanzenforschung. Von hier aus wurde unter anderem der Kautschukanbau in Südostasien entscheidend vorangebracht und damit Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Viele der alten Bäume, der historischen Gebäude und die ursprüngliche Gestaltung sind bis heute erhalten geblieben. Gleichzeitig wird hier immer noch geforscht, gesammelt und geschützt und der Garten wurde UNESCO-Welterbe – als einzige Stätte dieser Art in Singapur. Die unangefochtenen Stars sind jedoch die Orchideen. Wahre Überlebenskünstler, die auf Felsen wachsen, in der Erde wurzeln oder sich an Baumstämme klammern. In vielen Kulturen stehen sie für Schönheit, Fruchtbarkeit und Luxus. Kein Wunder, dass man ihnen hier ein eigenes Reich geschaffen hat. Im National Orchid Garden wachsen über 1.000 Arten und mehr als 2.000 Hybriden, darunter zahlreiche seltene und bedrohte. Die Sammlung zählt somit zu den größten weltweit. Damit die empfindlichen Pflanzen gedeihen, wurde ein durchdachtes Klima- und Bewässerungssystem installiert. Regenwasser wird gesammelt und wiederverwendet, Bodenschichten und Kühlung regulieren Temperatur und Feuchtigkeit, sogar das Mikroklima von Bergwäldern wird nachempfunden. Bei soviel Engagement wundert es nicht, dass es hier blüht und gedeiht als gäbe es kein morgen und wir kommen aus dem Fotografieren gar nicht mehr raus. Was für ein Paradies für Pflanzenfreunde.
Ich bin mehr als glücklich, dass wir uns in Singapur nur mit einem „Bis ganz bald“ verabschieden. Und es stimmt ja auch. Wir haben beschlossen, uns in Phuket noch einmal für einen Tag wiederzusehen. Ganz schön wilde Fernbeziehung die wir aktuell haben. Während Reinier also noch ein bisschen tropische Freiheit genießt und später drei Stunden nach Thailand fliegt, werde ich wieder ordnungsgemäß ins Bordleben eingetaktet. Offenbar war ich dort schon leicht vermisst worden. Zwei Tage war ich bei AIDA nicht eingeloggt und so klingelt zehn Minuten vor dem finalen Check-in plötzlich das Kabinentelefon. Eine leicht angespannte Rezeptionistin fragt höflich, ob ich noch lebe. Das gibt einem auch irgendwie ein beruhigendes Gefühl, dass man hier nicht nur eine Nummer im System ist. Selbst wenn man “heimlich” nach Indonesien ausbüxt.
Als wir auslaufen, schlängeln wir uns wieder durch dieses unendliche maritime Gewusel. Unglaublich, aber alle zwei bis drei Minuten kommt hier ein Schiff oder fährt ab. Rund 1.000 liegen gleichzeitig im Hafen. Über 130.000 passieren jedes Jahr diese Engstelle. Der Containerkai misst 15,5 Kilometer, mit 52 Liegeplätzen und 190 Kränen. Und das ist noch nicht alles. In Tuas entsteht gerade das größte vollautomatisierte Containerterminal der Welt, ausgelegt auf bis zu 65 Millionen Container im Jahr. Das sind insgesamt 3.300 Fußballfelder. Und wir sind mittendrin mit unserem kleinen Kreuzfahrtschiff. Einfach Wahnsinn!