Phu My: Reise ins pulsierende Mekongdelta

An unserem letzten Stopp in Vietnam verabschiedet uns das Land nicht mit Skyline, sondern mit unglaublich viel Grün. Dichte Mangrovenwälder ziehen sich wie ein Saum entlang des braunen Wassers, durch das wir “segeln”. Für heute haben wir uns einiges vorgenommen. Über zehn Stunden Tour stehen auf dem Plan, acht davon allein im Bus. Ziel ist das Mekongdelta, weit südlich von Ho-Chi-Minh-Stadt, dort, wo der Mekong nach mehr als 4.000 Kilometern Reise ins Südchinesische Meer mündet. Aus Tibet kommend, durchquert er China, markiert Grenzen zwischen Myanmar, Thailand und Laos, fließt durch Kambodscha und teilt sich in Vietnam schließlich in neun große Arme. Deshalb nennen ihn die Vietnamesen den „Fluss der neun Drachen“. Wir wissen: Das hier wird kein schneller Fotostopp, sondern ein Kurzvisite. Mehr als einen Ausschnitt werden wir nicht sehen. Mal wieder.

Unsere Fahrt führt durch Reisfelder, die sich bis zum Horizont erstrecken, durch Kokospalmen, Pagoden und kleine Dörfer. Südvietnam liefert pures Landschaftskino, während wir mit Klimaanlage und Sitzlehne daran vorbeiziehen. Kaum ein Motiv schafft es rechtzeitig auf meine Speicherkarte, so schnell rauschen wir durch diese flache, weite Welt.

In Cai Be hält der Bus schließlich an einem Seitenarm des Mekong. Der erste Eindruck ist ernüchternd. Statt türkisfarbener Tropenromantik sehen wir braunes, schweres Wasser. Doch genau dieses Sediment ist der Grund für den Reichtum der Region. Es ermöglicht drei Reisernten im Jahr, Millionen Tonnen Ertrag, dazu Fisch, Obst, Zuckerrohr und Kokosnüsse. Das Delta ist Vietnams Speisekammer – und gleichzeitig ein empfindliches Geflecht aus Wasser und Schwemmland, das nur funktioniert, solange der Fluss seinen Rhythmus behält. Wir besteigen ein lokales Holzboot und tuckern gemütlich raus auf den braunen Strom, vorbei an kleinen Fischerbooten und vollbeladenen Frachtern.

Nach 20 Minuten steigen wir von unserem motorisierten Boot schließlich um und wechseln in kleine Sampans. Vier Personen passen hinein, dazu eine Ruderin, die im Stehen am Heck arbeitet. Zusätzlich bekommt jeder einen Nón lá aufgesetzt, diesen ikonischen Kegelhut aus Palmblättern und Bambus, dessen Geschichte über zweitausend Jahre zurückreicht. Er schützt vor Sonne, dient als Schale oder auch mal als Fächer. Heute ist er vor allem eins: dringend nötig. Die Hitze hat uns mal wieder ordentlich im Griff. Unsere Bootsführerin rudert uns sanft durch den schmalen Seitenarm. Das Boot schaukelt beachtlich, wenn wir über die Wellen einiger Motorboote fahren. Wir gleiten vorbei an größeren, leer wirkenden Booten. Früher waren das Marktboote. Im Mekongdelta verkauften Händler Obst, Gemüse, Reis oder Fisch direkt vom Wasser aus. Jede Ware wurde an einem langen Bambusstab hochgezogen, damit man schon von Weitem erkennen konnte, was es zu kaufen gab. Ganze Dörfer verlagerten sich morgens in ein handelndes Netzwerk auf dem Wasser. Heute sind viele dieser Märkte verschwunden oder stark geschrumpft. Straßen und Brücken haben den Transport auf dem Land einfacher gemacht, junge Menschen ziehen in die Städte, und auch Corona hatte den Märkten zugesetzt. Was bleibt, ist nur eine vage Ahnung davon, wie lebendig es hier einmal gewesen sein muss, als Händlerboote und kleine Sampans dicht an dicht durch die Kanäle zogen.

Wir wechseln wieder zurück auf das größere, motorisierte Boot und fahren hinaus auf den breiten Mekong. Nam reicht uns eine frisch geöffnete Kokosnuss, süß und kühl, während um uns herum der Fluss arbeitet. Immer wieder ziehen schwere Lastkähne vorbei, hoch aufgetürmt mit Sand. 700 Tonnen sind keine Seltenheit. Der Rohstoff kommt direkt aus dem Flussbett unter uns. Was harmlos nach Baustoff aussieht, hat jedoch weitreichende Folgen. Entlang des Mekong brechen immer öfter Ufer ab, ganze Reisfelder rutschen ins Wasser, Fischteiche verschwinden und Häuser kippen. Hunderte Hektar Land sind bereits verloren gegangen und Tausende Familien mussten umgesiedelt werden. Früher, erzählt Nam, habe man Fische und Schnecken direkt am Ufer gesammelt. Heute sei das deutlich weniger geworden. Der Hunger nach Sand ist global. Er wird für Beton gebraucht, für Städte, Straßen, Flughäfen. Fast 50 Milliarden Tonnen Sand und Kies werden jedes Jahr weltweit gefördert, auch weil Wüstensand als Baumaterial nichts taugt. Also werden Flüsse wie der Mekong ausgebaggert, teils legal, teils illegal. Ein Teil des Sandes landet sogar in Singapur, wo wir ebenfalls bald sein werden. Wieder merkt man, wie viel in der Welt in die Schieflage geraten ist und wie sehr wir gegen die Natur arbeiten anstelle mit ihr.

Unser nächster kultureller Programmpunkt führt uns in einen schattigen Hof, wo Musiker auf einfachen Stühlen sitzen und spielen. Wir erleben Cải Lương, eine Art Volksoper aus dem Mekongdelta. Sie verbindet Gesang und Theater und wird traditionell von einer Zither, manchmal auch von einer Gitarre begleitet. Die Geschichten erzählen vom Landleben, von Liebe und harter Arbeit. Mal klingen sie fröhlich, mal traurig. Auch wenn wir kein Wort verstehen, spürt man durch Mimik und Gesang sehr genau, worum es geht. Dazu wird frisches Obst aus der Region und Tee gereicht.

Zum Schluss stöbere ich an einem kleinen Stand mit Kunsthandwerk. Ein geflochtener Teller aus Wasserhyazinthen gefällt mir besonders gut. Diese Pflanze wuchert im Delta so stark, dass sie Wasserwege blockiert und als invasiv eingestuft wird. Gleichzeitig wird sie geerntet, getrocknet und zu Körben, Möbeln oder Tellern verarbeitet. Ich nehme den Teller als Andenken für 3 Dollar mit nach Hause.

Danach gleiten wir noch ein wenig weiter auf dem Mekong, entlang der typischen Stelzenhäuser am Ufer. Früher waren sie hauptsächlich aus Holz gefertigt, heute setzt man eher auf Betonpfähle um sich vor den saisonalen Fluten des Mekong zu schützen. Durch die erhöhte Stellung bleiben die Häuser realtiv trocken. Viele der Häuser haben direkt auch einen Bootsanleger. Endlich erreichen wir ein kleines Dorf, in dem uns lokales Handwerk gezeigt wird. Hier knallt Puffreis in heißen Woks, Reispapier wird auf Bambusgeflechten getrocknet und das berühmte Kokoscandy in schweren Kesseln eingekocht. Die Milch wird dabei stundenlang gerührt, bis sie karamellig eindickt. Dann wird die Masse ausgerollt, geschnitten und von Hand in Reispapier gewickelt. Alles in Handarbeit. Dann zeigt uns Nam noch eine ganz besondere Spezialität: Vietnamesischen Schlangenschnaps. Dies ist eigentlich ein traditioneller Reiswein, in dem getrocknete Giftschlangen, meist Kobras, zur Fermentation eingelegt werden. Der Schnaps gilt hierzulande als stärkendes Heilmittel gegen Rheuma und Schlaflosigkeit. Natürlich probieren wir den besonderen Tropfen. Stark!

Als letztes fahren wir gemeinsam zum lokalen Mittagessen, was mich am Ende wirklich überrascht. Obwohl ich aus Berlin komme und weiß, was vietnamesische Küche bedeutet, ist es doch hier wieder völlig anders. Pho, Bun Bo Nam Bo, Sommerrollen – alles bekannt, nur eben in einer stark vereinfachten Version dessen, was hier tatsächlich auf den Tisch kommt. Hier begegnet uns der sogenannte Elefantenohrfisch, der seinen Namen schlicht der beeindruckenden Größe verdankt und im Ganzen knusprig frittiert und senkrecht aufgestellt serviert wird. Das zarte Fleisch wird mit Gurke, frischen Kräutern und süßer Ananas in hauchdünnes Reispapier gerollt. Die Kombination aus Fisch und Obst schmeckte erstaunlich gut. Zum Dessert gab es Obst direkt von einer der vielen umliegenden Plantagen. Köstlich!

Am Abend sitzen wir wieder im Bus Richtung Saigon. Wir wissen es noch nicht aber aus den 3 stunden werden 4, da wir wieder in Ho-Chi-Min Stadt im Verkehr stecken. Wir kleben alle an den Scheiben und sind absolut fasziniert was sich da von unserem Auge abspielt. Man sitzt im Kleinbus, halb klimatisiert, halb beschlagen, und draußen spielt sich ein Verkehrsschauspiel ab, das jeden Fahrschullehrer in Ohnmacht fallen ließe. Saigon bewegt sich auf zwei Rädern, in Schwärmen, Wellen, ganzen Heerscharen von Motorrollern, die sich durch jede noch so kleine Lücke schieben. Unser Bus wirkt plötzlich wie ein behäbiger Wal inmitten eines Schwarmes wendiger Fische. Was auf diesen Rollern transportiert wird, sprengt jede Vorstellung von „Handgepäck“. Da sitzt eine vierköpfige Familie auf einem Gefährt, das in Deutschland maximal für zwei zugelassen wäre, das jüngste Kind, frisch geboren, vorne zwischen Lenker und Fahrer. Nebenan balanciert jemand gefühlt seinen kompletten Hausstand, ein anderer ein lebendiges Schwein auf dem Schoß. Während der Fahrt wird telefoniert, geschminkt oder nebenbei noch schnell eine Nachricht getippt. Gehupt wird eigentlich ständig, das Ganze wirkt wie eine Art akustischer Smalltalk á la „Achtung, ich komme“. Erstaunlicherweise funktioniert dieses scheinbare Chaos besser als so manche deutsche Kreuzung mit Vorfahrtsregel. Irre!

Leider müssen wir uns nach unseren drei Stops schon wieder von diesem interessanten Land verabschieden. Vietnam hat mich wirklich beeindruckt. Kaum ein anderes Land wirkt so unterschiedlich von Nord nach Süd. Jede Region hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Küche, ihre eigene Geschichte. Dazu kommt ein enormes kulturelles Erbe, das man überall spürt. Gleichzeitig merkt man, wie stark das Land nach vorne drängt – koste es, was es wolle. Und ich hoffe, dass Vietnam bei aller Dynamik im Blick behält, was es so besonders macht. Denn genau dafür kommt man doch hierher.

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