Đà Nẵng: Vietnamesisches Kulturabenteuer
Heute legen wir nördlich von Đà Nẵng in einem nüchternen Industriehafen an. Die Stadt ist etliche Kilomter entfernt und hier ist man heute auf Hilfe von außen angewiesen. Kaum haben wir mit dem Shuttle den Hafenausgang erreicht, stehen wir im Halbkreis aus laut rufenden Taxifahrern, die sich mit Angeboten überbieten. Kurz ist uns etwas mulmig zumute, als die Gruppe von Polizisten zurückgedrängt wird. Ein Fahrer ist schlau und winkt uns zur Seite. Er bietet uns an uns in die Stadt zu fahren, die circa eine halbe Stunde Fahrt entfernt liegt. Preis: 20 Dollar. Wie sich später herausstellt, vor allem für ihn ein guter Deal. Aber der Fahrer bringt uns sicher durch den Morgenverkehr, vorbei an breiten Boulevards, neuen Hotelreihen am Strand und dieser eigenartigen Mischung aus Baustelle und Altstadt. Ja, auch hier scheint man in Aufbruchstimmung zu sein. Mit knapp einer Million Einwohnern ist Đà Nẵng heute die größte Stadt Zentralvietnams und die drittgrößte des Landes. Die Geschichte reicht zurück bis ins Cham-Reich im 2. Jahrhundert, später kolonialisierten die Franzosen die Stadt und nannten sie Tourane. Im Vietnamkrieg wurde sie zum zentralen Marine- und Luftwaffenstützpunkt; am „China Beach“ erholten sich amerikanische Soldaten zwischen den Einsätzen. Heute erholt sich hier eher der Tourismus in Strandhotels und Bars.
Wir treffen uns am Vormittag mit einem localen Guide, den wir auf einer ganz neuen Buchungsplattform gefunden haben. Man kann dort seine Wünsche eingeben und der Guide organisiert drumrum, inklusive Fahrdienst. Das probieren wir direkt aus. Unser Treffpunkt ist der APEC Park, der am am Westufer des Han-Flusses liegt. Sofort sticht die große, weiße Stahlkuppel ins Auge, die wie ein "fliegender Drachen" oder "Segel" gestaltet und ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Touristen ist. Hier wartet Huyền auf uns. Sie hat für uns einen individuellen 8-Stunden-Tag organisiert: Marble Mountains, die Altstadt von Hội An, Kaffeepause und natürlich auf unseren Wunsch ein traditionelles Mittagessen. Bevor wir aber ins Auto steigen, zieht sie uns ins Festgeschehen am APEC Park hinein. Heute startet hier das Tet-Festival – die Einstimmung auf das vietnamesische Neujahr. Überall wehen roter Banner und es ist mit Frühlingsblumen dekoriert. Außerdem werden überall große grüne Reispakete vorbereitet: Bánh chưng. Ein Paket besteht aus Klebreis, Mungbohnen und Schweinefleisch. Dies wird fest in Dong-Blätter gewickelt und dann bis zu zwölf Stunden gekocht. Das gemeinsame Garen ist dabei mehr ein Ritual. Huyen erklärt uns, dass der quadratische Kuchen für die Erde und die Füllung für den Zusammenhalt im neuen Jahr steht. Ein paar Meter weiter springen Kinder im Takt zwischen aufeinanderklappenden Bambusstäben. Zwei Personen schlagen die Stäbe rhythmisch zusammen und die anderen springen hinein und wieder hinaus. Wer aus dem Takt gerät, dürfte das unangenehm zu spüren bekommen. Ein bisschen wirkt es wie Spiel und Mutprobe gleichermaßen. Wir sind begeistert, so eine traditioelle Neujahrszeremonie zu sehen. Plötzlich fühlen wir uns ganz nah dran im vietnamesischen Alltag.
Unser erstes Ziel sind die sogenannten Marmorberge, auch Marble Mountains genannt. Hinter Đà Nẵng ragen sie wie fünf steinerne Erhebungen aus der flachen Küstenlandschaft. Wir verzichten nichtsahnend auf den Aufzug und beginnen den Aufstieg zu Fuß. Das geht richtig in die Beine. Die Stufen sind teils absurd hoch, manche sicher an die 30 Zentimeter. Die Sonne steht mittlerweile hoch und die Hitze beginnt zu drücken. Trotzdem erarbeiten wir uns gespannt jeden Höhenmeter und das ist es auch wirklich wert. Huyền nutzt den Weg nach oben, um uns die Geschichte dieses Ortes zu erzählen. Lange vor buddhistischen Pagoden waren diese Höhlen heilige Stätten des Cham-Reiches. Sie dienten als hinduistische Heiligtümer. Nach dem Fall der Cham übernahmen die Vietnamesen den Ort und errichteten in denselben Grotten buddhistische Tempel. Die Anlagen, die wir heute sehen, stammen größtenteils aus dem 19. Jahrhundert. 1825 gab Kaiser Minh Mạng dem Komplex offiziell den Namen Ngũ Hành Sơn – Berge der fünf Elemente: Metall, Wasser, Feuer, Holz und Erde. Und wir wären nicht in Asien, wenn es nicht wieder eine wunderschöne Legende zu diesem Ort gäbe. Angeblich sei ein Drache einst am Non Nuoc Strand gelandet und habe dort ein Ei gelegt. Als es nach langer Zeit aufbrach, schlüpfte ein wunderschönes Mädchen daraus. Die zerbrochene Eierschale fiel in fünf Teile auseinander und daraus entstanden dann die fünf Berge. Die Höhlen sind nicht nur spirituell bedeutsam, sondern auch historisch aufgeladen. Während des Vietnamkriegs nutzte der Vietcong sie als verstecktes Krankenhaus In Hörweite der US-Militärs operierten hier Verwundete und Helfer im Schutz des Felsens.
Der imposanteste der Marmorberge ist der Thuy Son mit einer Höhe von fast einhundert Metern. In seinem Inneren befinden sich gleich mehrere Höhlen. Das dramatische Spiel von Licht und Schatten erzeugt darin eine heilige, tempelartige Atmosphäre. Fast wie ein verborgenes spirituelles Reich. Als wir die Huyen-Khong-Höhle betreten, finden wir den vielleicht magischsten Ort der Marmorberge. Hier fällt durch Löcher in der Decke viel Sonnenlicht auf die darunter liegenden Altäre. Ein beinahe surreales Schauspiel. Danach folgt noch ein letzter sehr mühsamer, aber doch lohnender Aufstieg zum Gipfel Heaven’s Gate. Dieser bietet uns einen grandiosen Ausblick auf die umliegenden Marmorberge, Đà Nẵng und den China Beach. Wir haben das Gefühl, wir könnten hier einen ganzen Tag verbringen und hätten immer noch nicht alles gesehen.
Von den Bergen geht es weiter Richtung Hội An, hinein ins Dorf Cẩm Thanh. Nur wenige Kilometer vor der Altstadt liegt der sogenannte Bay Mau Coconut Forest – sieben Hektar Nipa-Palmen (eine Art Mangrovenpalme), durchzogen von schmalen Wasserarmen. Hier steigen wir in eines dieser runden Korbboote, die man hier seit Generationen nutzt. Diese kreisförmigen Wasserfortbewegungsmittel werden aus Bambus und Harz oder Teer hergestellt und waren früher Transportmittel und Arbeitsgerät der Fischer. Dank der Boote konnten sie in den flachen, verzweigten Kanälen wendig bleiben. Heute dient es hauptsächlich als Touristenattraktion. Huyen kauft uns ein Dessert aus Wasserkokosnuss und setzt uns mit einer vietnameischen Kopfbedeckung in das schaukelnde Ding und die Fahrt beginnt. Zu Beginn ist es noch herrlich still. Unser kleines Boot gleitet durch enge Wasserwege in denen man sich beinahe abgeschieden fühlen könnte. Doch je weiter wir hinausfahren, desto deutlicher kippt die Ruhe. Aus der Ferne dröhnt laute Musik. Plötzlich öffnet sich der Kanal auf einen breiteren Flussarm und dort wartet dann plötzlich ein gar nicht mehr idyllisches Bild. Dutzende Korbboote, dicht an dicht, voll besetzt mit Touristen. Dazwichen Lautsprecherboxen, Disco-Beats und Boote die sich wie im Freizeitpark drehen. Was wir sehen ist die berühmte „Spinning Performance“. Die Bootsführer wirbeln ihre runden Gefäße mit beeindruckender Kontrolle und Geschwindigkeit. Es ist technisch gekonnt keine Frage, aber dient lediglich als Show um Touristen mit in die Boote zu locken und ihnen ein paar vietnameische Đồng abzunehmen. Ich habe mich auf dieser Reise niemals so stark als Tourist gefühlt wie in diesem bunten Boot auf dem Wasser. Statt Palmendylle entsteht kurzzeitig das Gefühl eines Wasser-Vergnügungsparks. Ein bisschen wie nach einer Wildwasserbahn-Fahrt, wenn links und rechts noch Dekoration vorbeizieht, während die nächste Gruppe schon wartet. Ist es deshalb komplett schlecht? Nein. Im runden Boot zu sitzen, durch die Kanäle zu gleiten, hat auch seine schönen Momente, zB der Versuch mit unserem Fahrer zu kommunizieren, der kein Wort Englisch versteht. Und man versteht auch, warum Huyền diesen Programmpunkt eingeplant hat. Die Coconut-Boote gehören inzwischen zu den bekanntesten Attraktionen der Region und sind für viele Besucher ein Highlight. Für uns bleibt ein gemischtes Gefühl. Ich verteufel diese Art der Attraktion nicht – aber beim nächsten Mal würde ich auf diese Form von Entertainment doch lieber verzichten.
Und so sind wir ganz froh, als die Musik hinter uns wieder verstummt. Das, worauf wir uns den ganzen Vormittag gefreut haben, wartet nämlich noch: das gemeinsame Mittagessen mit Huyền. In Hội An angekommen, geht es somit schnurrstracks in ein unscheinbares Straßenrestaurant. Ein paar Plastikstühle in einem Seitengang, Ventilatoren und geschäftiges Klappern aus der Küche erwarten uns. Genau hier wollen wir sein. Hội An ist nicht nur UNESCO-Weltkulturerbe mit romantischen Laternen und Kolonialfassaden, die Stadt zeigt auch ziemlich selbstbewußt ihre Geschichte. Über Jahrhunderte war die Stadt ein bedeutender Handelshafen, Chinesen und Japaner ließen sich hier nieder, später kamen weitere Einflüsse hinzu. Das alles hat eine ganz eigene Küche hervorgebracht, die noch die Spuren vieler Kulturen in sich trägt.
Auf Empfehlung von Huyền bestellen wir Cao Lầu, Mì Quảng und die berühmten White Rose Dumplings. Cao Lầu ist dabei das Herzstück. Dieses Gericht gibt es ausschließlich in und um Hoi An. Die Nudeln werden nach traditionellem Rezept hergestellt, das nur wenige Familien weitergeben und die umliegenden Restaurants beliefern. Für ihre besondere Textur und den charakteristischen Geschmack wird Reismehl mit Asche des Amaranth-Baums behandelt – daher die leicht dunklere Färbung und der feste Biss. Man vermutet, dass Cao Lầu auf chinesische Einwanderer im 16. und 17. Jahrhundert zurückgeht, als Hội An in seiner Blütezeit als Handelshafen stand. Der Name könnte vom chinesischen „Kao Lou“ stammen, was „hoher Turm“ bedeutet. Über die Jahrhunderte wurde das Rezept mit lokalen Zutaten weiterentwickelt, bis daraus ein Gericht entstand, das heute untrennbar mit der Identität Hội Ans verbunden ist. Anders als Pho ist Cao Lầu keine Suppe. Die Nudeln liegen in wenig kräftigem Sud, dazu mariniertes Schweinefleisch, frische Kräuter, knusprige Reischips. Das zweite Gericht Mì Quảng kommt etwas rustikaler daher. Gelbe Reisnudeln werden nur leicht mit würziger Brühe benetzt, dazu gibt es Erdnüsse, Kräuter, manchmal Garnelen oder Fleisch. Und dann die White Rose Dumplings – Bánh Bao Bánh Vạc. Taschen aus ultradünnem Reispapier, die wirken wie kunstvoll gefaltete kleine Blüten. Die Taschen sind ebenfalls mit Schweinefleisch oder Garnelen gefüllt und werden gedämpft. Begleitet sind sie von einer süß-würzigen Fischsauce mit Chili und Limette. Sie sind mein klarer Favorit. Aber auch alles andere ist einfach nur köstlich. Nach dem lauten Kokosboot-Spektakel empfinden wir dieses Essen wie die eigentliche Begegnung mit der Region. Satt und zufrieden sind wir jetzt bereit das zauberhafte Hội An zu erobern.
Hội An ist Liebe auf den ersten Blick. Zwischen Lampions und Seidenstraße, zwischen Teestuben, Boutiquen und Märkten stehen traumhaft schöne Häuser in warmem Gelb, die Gassen schmal genug, um zu schlendern, langsam zu werden und stehen zu bleiben. Fahrradrikschas fahren im Pulk durch die Gassen. Auf den Sitzen Touristen mit Strohhüten und den Smartphones im Anschlag. Eine andere Welt. Wir beginnen unseren Spaziergang in der Markthalle. Genau hier liegt der Ursprung dieser Stadt: Handel. Chinesische, japanische, portugiesische und später französische Händler lebten hier im 16. und 17. Jahhundert nebeneinander. Diese Mischung prägt bis heute Architektur, Küche und religiöse Bauten. Dass wir das noch so geschlossen erleben können, ist fast ein Glücksfall der Geschichte, denn die Altstadt blieb im Vietnamkrieg weitgehend unzerstört. Hunderte Handelshäuser aus dem 15. bis 19. Jahrhundert stehen noch immer hier und können sogar besichtigt werden. Die dunklen Holzhäuser sind schmal und tief, in denen ein offener Innenhof für Licht und Luft sorgt. Die Fassaden sind meist gelb gestrichen und die Balkone bunt bepflanzt. An den Wänden markieren Linien die Hochwasserstände vergangener Jahrzehnte. Der Fluss brachte zwar Wohlstand in die Stadt, aber leider auch regelmäßig das Wasser bis ins Haus.
Auffällig sind die vielen Schneidereigeschäfte in den Straßen. In Hội An wird seit Jahrhunderten genäht und Seide war einst ein bedeutendes Exportgutund. Angeblich gibt es noch mehr als 400 davon in der Stadt. Stoffe hängen in allen Farben aus den Türen, Maßbänder liegen vorallem für Touristen griffbereit. Wer mag, lässt sich hier Maßanzüge in 24 Stunden herstellen. Zwischen den Geschäften öffnen sich natürlich auch allerhand Tempelhöfe. Auch wenn Vietnam offiziell ein atheistischer Staat ist, praktizieren viele Vietnamesen eine oder mehrere Religionen. Im Stadtbild begegnet man buddhistischen Tempeln, katholischen Kirchen, taoistischen Schreinen, Versammlungshallen chinesischer Clans und auch Einflüssen von Caodaismus oder der Hoa-Hao-Bewegung. In Hoi An existiert das alles selbstverständlich nebeneinander. Es macht uns Spaß zusammen mit Huyền einige Tempelanlagen zu besichtigen und die Bedeutung hinter der Symbolik erklärt zu bekommen.
Dann stehen wir plötzlich vor der Japanischen Brücke, Chùa Cầu. Sie wurde Ende des 16. Jahrhunderts von japanischen Kaufleuten erbaut, um ihr Viertel mit dem chinesischen zu verbinden. Sie wurde gerade frisch restauriert und ist ein beliebtes Fotomotiv in Hội An Von hier sieht man bereits den Thu Bồn River. Hier schaukeln kleine Holzboote und Frauen verkaufen Papierlaternen, die man mit einem Wunsch ins Wasser setzen kann. Und dann wird es Abend. Während andere Städte in grellem Neonlicht aufdrehen, beginnt Hội An sanft zu leuchten. Seidenlaternen tauchen die Straßen in warmes, mattes Licht. Sie hängen an Hauseingängen, baumeln von Balkonen, schmücken Cafés und kleine Läden. Die Stadt wirkt wie ein gemütliches Wohnzimmer unter freiem Himmel. Aber eines, das man sich mit sehr vielen Menschen teilen muss.
Am Abend fahren wir zurück nach Đà Nẵng zur Drachenbrücke. Mit exakt 666,57 Metern Länge und über 37 Metern Breite ist sie nicht nur ein beliebtes Fotomotiv, sondern eine der wichtigsten Verkehrsachsen der Stadt. Sechs Fahrspuren führen vom internationalen Flughafen direkt ins Zentrum, flankiert von breiten Gehwegen. 2013 wurde sie eröffnet, ihre Silhouette soll einem fliegenden Drachen gleichen. Tagsüber schimmert das Stahlkonstrukt gelb in der Sonne, nachts verwandelt es sich in ein leuchtendes Chamäleon. Einer weiteren Legende nach, entstammt das vietnamesische Volk selbst einem Drachen.
Das berühmte Spektakel beginnt eigentlich erst um 21 Uhr. Dann wird die Brücke gesperrt, tausende Menschen versammeln sich am Ufer, und der Drachenkopf speit erst Feuer, dann Wasserfontänen. Leider sind wir zu früh dort um dies zu erleben. Glücklicherweise bekommen wir die Fotos vom feuerspeienden Kopf bekommen später von einem besonders mutigen AIDA-Gast zugeschickt, der bis zur letzten Minute auf der Brücke ausgeharrt hat, bevor er im Laufschritt zurück zum Hafen musste. Für uns endet der Tag daher in einem Café nahe der Drachenbrücke mit einem starken vietnamesischen Kaffee, den wir so lieb gewonnen haben. Es war wirklich ein traumhaft schöner Tag mit Huyền und wir haben das Gefühl Vietnam wieder ein kleines Stück besser kennengerlent zu haben. Auch freuen wir uns über zahlreiche Fotos von uns, da Huyền sehr aktiv und ohne Unterlass uns für ein Foto vor den Sehenswürdigkeiten platziert hat. Solltet Ihr euch mal fragen, wie ihr an tolle lokale Guides an eurem Reiseziel kommt, dann sei euch die Website withlocals ans Herz gelegt.