Halong Bay: Vietnams bizarre Inselwelt
Zwischen Hongkong und unserem nächsten Ziel liegt nur ein Seetag. Dieser Tag gibt uns immer etwas Raum zum Durchatmen und zum Sortieren der Eindrücke. Vor uns liegt Vietnam. Ein Land, das in meinem Kopf viele Bilder gleichzeitig auslöst. Ich denke an dampfende Pho am Straßenrand, an grüne Reisfelder und Karstfelsen, die aus dem Wasser ragen. Aber ich denke eben auch an Krieg. An acht Millionen Tonnen Bomben, an Agent Orange, an Landminen, die noch Jahrzehnte später Menschen verletzen. An ein Land, das nach dem Krieg gespalten, isoliert und bitterarm war. Mit der wirtschaftlichen Öffnungspolitik begann für Vietnam aber ein rasanter Wandel. Vietnam entwickelte sich zu einem der dynamischsten Schwellenländer Asiens, während das politische System durch die kommunistische Partei stark reglementiert bleibt. Mit diesem Hintergrund laufen wir nun auf ein Land zu, das im Begriff ist sich neu zu erfinden und das heute für den größten Tourismuswachstum in Südostasien steht.
Unser erstes Ziel ist das wohl bekannteste Reiseziel Vietnams: Die Halong Bucht. Sie liegt im Norden und ist eine Landschaft von fast unwirklicher Schönheit. Über 2.000 Kalksteininseln erheben sich hier wie ein Kunstwerk aus dem Meer. Tatsächlich sind es Überreste gewaltiger Muschelkalkbänke, die vor rund 300 Millionen Jahren entstanden und erhalten blieben, als sich das Festland langsam aus dem Meer hob. Wohin man sieht zerklüftete Spitzen, schroffe Kanten, märchenhafte Höhlen und Grotten. Kein Wunder, dass die Einheimischen eine ganz eigene Erklärung für dieses Naturwunder haben. „Ha Long“ bedeutet nämlich soviel wie „herabsteigender Drache“. Der Legende nach wurde er von den Göttern geschickt, um die Vietnamesen vor Feinden aus dem Norden zu schützen. Mit mächtigen Schwanzschlägen soll er die Felsen ins Meer geschlagen haben. Die Angreifer verfingen sich im Gewirr der Inseln, die tiefen Kerben und schroffen Wände seien die Spuren seines Kampfes. Noch heute, so glauben die Einheimischen, lebe der Drache im Meer. Die alteingesessenen Fischer, die hier noch auf sogenannten schwimmenden Dörfern leben, kennen alle Inseln mit Namen. Sie heissen u.a.: „Sattel“, „Essstäbchen“ oder „Dschunkensegel“. Die Felsen bieten kaum Platz für Siedlungen und sind von dichter Vegetation bedeckt. Dazu sind viele Felsen hohl und in ihrem Inneren verbergen sich kreisrunde Seen die von hohen Kalkwänden eingefasst sind. Einige sind nur durch schmale Grottentunnel per Boot erreichbar. Ein Schutzraum für die Fischer, heute vermehrt Anfahrtplätze für Touristen aus aller Welt. Was man kaum ahnt: Das warme Klima und die großen Mengen an Plankton haben rund 160 Korallenarten und über 1.000 Fischarten angezogen, selbst Hochseefische finden hier Zuflucht. Seit Ernennung der Bucht zum UNESCO-Weltnaturerbe ist Besiedlung jetzt ganz offiziell untersagt, die letzten schwimmenden Dörfer der Fischer werden aber als kulturelles Erbe der Bucht geduldet. Leider erwischen wir einen trüben Tag um die Inselwelt smaragdgrün zu erleben. Doch die fehlende Sonne nimmt der Bucht nichts von ihrer Wirkung. Wir haben heute eine Tagestour mit dem Boot gebucht. Auf dieser sind drei Stationen die toursistischen Zugpferde: die Sung Sot Höhle, eine Art riesige voller Stalaktiten behangene Höhlenhalle, der 360 Grad Blick auf dem Aussichtspunkt von Ti Top Island und die Luon Cave, die wir nur mit einem kleinen Ruderboot oder Kajak erreichen können. Das schwimmende Fischerdorf ist leider nicht Teil der Tour, was ich sehr schade finde. Nach den kleinen Aufstiegsstrapazen genießen wir zum Abschluss ein typisch vietnamesisches Mittagessen mit Tintenfisch, Frühlingsrollen und natürlich Reis. Während wir auf Ausflug waren, hatte man parallel in einer kleinen, etwas abenteuerlich wirkenden Bordküche für uns regional und überraschend gut gekocht.
Nachdem wir wieder an Land sind, fahren wir nochmal kurz in die Stadt. Auf unserer Liegeseite der Bucht reiht sich leider eine unschöne Baustelle an die nächste. Wir haben Halong gerade erst betreten und doch ist sofort klar, wohin hier die Reise geht. Die Stadt verändert sich in einem Tempo, das selbst dem Drachen in der Bucht schwindelig werden dürfte. Aus dem einstigen Fischerort ist auf der Bai-Chay-Seite eine riesige Hotel- und Unterhaltungszone geworden, die mit der stillen Magie der Kalksteinfelsen nur noch wenig gemeinsam hat. Die komplette Küste ist im Bau, riesige Hotelkomplexe stehen halbfertig in der Landschaft. Man möchte fast die Augen schließen. Auf der anderen Seite der Bucht dreht sich bereits ein gewaltiges Riesenrad, davor schwebt eine Seilbahn mit Gondeln für bis zu 230 Personen über das Wasser, während darunter immer weiter neues Land aufgeschüttet wird. Halong rüstet sich sichtbar für immer mehr Gäste, vor allem aus dem nur wenige Stunden entfernten China. Natürlich bringt der Tourismus Einkommen und Arbeitsplätze. Trotzdem bleibt die Frage, wie viele Menschen dieser Ort langfristig verkraften kann. Als wir schließlich am lokalen Markt ankommen, tritt das neue Gesicht der Stadt glücklicherweise wieder etwas mehr in den Hintergrund. Hier pulsiert das authentische Alltagsleben der Stadt. Händler bieten ihre frische Ware feil und wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Zum Glück führt uns unser Guide durch diese bunte vietnamesische Welt und beantwortet unsere Fragen zu so manch unbekanntem Produkt. Und so endet unser erster Tag in Halong mit Kostproben, ein bisschen Stirnrunzeln aber großer Neugier auf das, was noch kommt.
Am nächsten Morgen ist die Sonne kaum aufgegangen, da stehen wir schon vor dem Schiff bei den Ausflugsvans. Wir legen bereits nach dem Mittag ab, die Zeit ist also knapp. Die Luft ist feucht und der Himmel weiterhin milchig, aber es besteht auch Hoffnung auf etwas Sonne. Heute geht es nicht um UNESCO-Felsen oder Aussichtspunkte. Heute geht es vorallem um das weltberühmte vietnamesische Essen, denn wir haben eine “Food-Tour” gebucht. In Berlin liebe ich es, vietnamesisch essen zu gehen. Mindestens einmal pro Woche steht eine klassische Pho auf meinem Speiseplan.
Begleitet werden wir heute von Angela, die aus Halong City stammt. „My name is Angela – wie Angela Merkel“, sagt sie lachend bei der Vorstellung. Dem Namen entsprechend arbeitet sie eigentlich für die vietnamesische Regierung. Weil das Gehalt jedoch kaum reicht, führt sie am Wochenende Besucher durch ihre Stadt. Dafür hat sie mühsam Englisch gelernt. Wenn sie über vietnamesische Küche spricht, leuchten ihre Augen. Das wird heute sicher gut. Unser kleiner Van bringt uns ins alte Halong auf die andere Seite der Bucht. Am Veranstaltungscenter „Dolphin Palace“, das tatsächlich wie ein Delfin aussieht, steigen wir aus. „Wir machen zuerst hier eine kleine Morgenübung“, sagt Angela. Während wir noch diskutieren, was genau das heißen soll, sind die Einheimischen schon längst in ihrem eigenen Übungs-Programm: ein älterer Herr macht Tai Chi in Zeitlupe und eine Gruppe von Damen um die fünfzig perfektionieren mit einer Boombox den letzen TikTok-Tanztrend. Unsere Übung besteht leider am Ende nur darin, Fotos von der Felsenwelt zu machen. Anstrengender wird es dann mitten im Stadtverkehr von Halong. Hier scheint es nämlich gar keine Regeln zu geben. Autos, Lastwagen und vorallem unzählige Motorroller fahren kreuz und quer. Angela hebt die Hand, geht los und sagt nur: „ Einfach laufen und bloß nicht stehen bleiben.“ Siehe da, doch eine Regel. Und tatsächlich. Der Verkehr fließt auf einmal um uns herum wie Wasser. Theoretisch weiß man ja auch, dass nichts passiert. Praktisch fühlt es sich trotzdem mehr als gefährlich an. Ich halte kurz die Luft an. Dann stehen wir auf der anderen Seite. Erste Prüfung im vietnamesischen Straßenverkehr: bestanden. Angela führt uns jetzt zu einem kleinen Stand und erklärt uns ihr typisches Frühstück: Chả Mực, Tintenfischpaste aus Halong. Große, frische Tintenfische werden dafür von Hand zerstampft, gewürzt, geformt und goldgelb ausgebacken. Außen knusprig, innen saftig und naja sagen wir zäh-elastisch. Eine der bekanntesten Spezialitäten Nordvietnams. „Ich esse das mehrmals am Tag, immer frisch hier am Straßenrand“, schwärmt Angela. Natürlich probieren wir. Wir ziehen weiter und bleiben stehen, wo es gut riecht oder interessant aussieht. Wir saugen Zuckerrohr aus oder schälen süße Mandarinen. Und dann endlich: Pho, das Nationalgericht des Landes. Das Pho bo besteht aus Rindfleisch, welches mit einer aromatischen Rinderbrühe übergossen und mit Reisnudeln sowie frischen Kräutern serviert wird. Pho bo genießen die Vietnamesen nicht nur mittags oder zum Abendessen, sondern durchaus auch zum Frühstück. Sie schmeckt super, ohne Frage, aber nicht um längen besser als bei meinem Stamm-Vietnamesen in Berlin Kreuzberg.
Für eine kurze Pause vom Essen sorgt der Besuch der Long Tien Pagode. Vor dem Neujahrsfest wird sie besonders schön geschmückt und vorbereitet. Wir laufen durch ein Meer von Blumen, Opfergaben und Räucherstäbchen. Wir versinken regelrecht in das Flair, das über dieser Anlage liegt. Für die Vietnamsen selbst sind wir die Attraktion des Tempels. Wir ernten neugierige aber durchaus sehr freundliche Blicke. Danach gibt es endlich vietnamesischen Kaffee. Darauf freue ich mich seit dem Aufstehen. Zu unserer Überraschung kommt er kalt. Für Mama mit Kokosmilch und für mich mit Salz. Fast wie ein Milchshake, karamellig und äußerst lecker. Wir sitzen auf kleinen Plastikstühlen, die eher nach Kindergarten aussehen, und Angela erzählt von ihrer Familie. Sie stammt, wie viele hier, aus einer Kohlearbeiterfamilie. Halong ist seit der Kolonialzeit ein Zentrum des Kohleabbaus. Was viele nicht wissen: Hinter der mystischen smaragdgrünen Bucht liegen die großen schwarzen Abraumhalden des Kohleabbaus. Aus dem an die Halong-Bucht grenzenden Abbaugebiet kommen 95 Prozent der Steinkohleproduktion des Landes. Und der aufstrebende Tiger-Staat ist hungrig nach Energie und nach wirtschaftlichen Erfolgen. In den nächsten Jahren soll sich die Förderung noch einmal verdoppeln, um dann sieben Kraftwerke ständig mit Kohle versorgen zu können. Bis zu 3km an die Bucht hat man sich bereits herangegegraben. Für die Umwelt ist das natürlich hochproblematisch. Beim Absenken des Grundwassers entstehen belastete Grubenwässer, die mit Regenwasser in die Bucht fließen, darunter Eisen und Mangan. Seit Mitte der 2000er Jahre arbeiten vietnamesische und deutsche Forscher gemeinsam an Lösungen. Entwickelt wurden unter anderem Anlagen zur Reinigung des Grubenwassers, die Kohlepartikel sowie Schwermetalle herausfiltern sollen.
Unser letzter Stop ist der lokale Halong Markt. Wir tauchen wieder in den authentischen Alltag Vietnams ein. Was für eine Geräuschkulisse, was für ein Farb- und Geruchrausch. Das hier ist keine toursistische Kulisse, das ist alles was das Land hergibt und versorgt. Händlerinnen und Händler sitzen auf winzigen Plastikstühlen hinter Bergen aus Gemüse, Kräutern und Obst. Andere säubern Tintenfische oder töten direkt vor Ort ein Huhn. In der Meeresfrüchte-Ecke winden sich noch lebende Fische in Wannen, Krebse klackern in Eimern und halbe Tiere hängt offen an Haken. Ja, viele Arten von Tieren. Auch Hunde. Leider landen immer noch Millionen von Hunden in Vietnam jährlich auf dem Teller. Ich muss an solchen Ständen schnell weiterlaufen. Auch Motorräder fahren wie selbstverständlich durch die schmalen Gassen, alle weichen wie selbstverständlich aus. Fast überall wird über offenem Feuer gekocht, zubereitet manchmal auf dem Boden davor. Wir sind fasziniert von diesem Kulturschock.
Zum Abschluss motiviert uns Angela noch ein kleines Bánh mì von einem kleinen Straßenverkauf zu probieren. Es ist ein knuspriges Baguette mit Schweinefleisch, Pastete, Kräuter, Salat und Chili. Das Bánh mì ist in Vietnam ein beliebtes Streetfood und entstand aus der Verschmelzung französischer und vietnamesischer Esskultur. „Is it good? Do you like it?“, fragt Angela neugierig. Natürlich schmeckt es uns hervorragend. So endet ein kulinarischer Morgen, der uns wirklich sehr beeindruckt hat. Angela verabschieden wir mit Tränen in den Augen und einer dicken Umarmung. So eine Herzlichkeit haben wir nicht immer auf der Tour. Essen verbindet einfach immer.
Später, auf dem Pooldeck, blicken wir noch einmal auf die Felsen der Halong-Bucht. Wir sind nicht nur pappsatt, sondern auch ein bisschen nachdenklich. Die Landschaft der Halong Bucht ist absolut spektakulär und einzigartig. Jeder der sie einmal besucht, wird das so bestätigen. Doch was sich drumherum abspielt, macht es schwer zu glauben, dass dies ewig so bleiben wird. Pass auf dich auf, Halong.