Hongkong: Im Bann des Drachen

“Liebe Gäste, verpassen Sie nicht die Einfahrt in Hongkong mit der Livemoderation durch unseren Lektor!” kündigt unser Kapitän Michael Schmid über die Bordlautsprecher an. Mehr Einladung braucht es für uns nicht, damit wir pünktlich Richtung Außendeck ziehen. Während andere noch nach ihren Kameras kramen oder sich einen Drink holen, stehen wir bereits oben an der Reling und schauen in dieses gleißende und milchige Morgenlicht (oder ist es schon der Smog?), aus dem sich langsam eine der spektakulärsten Skylines der Welt schält. Erst sieht man nur Konturen, dann wahnsinnig viel Höhe. Und plötzlich steht sie da. Eine dichte Wand aus Hochhäusern, hinter der sich satte grüne Bergrücken erheben. Unser erster Gedanke ist: Irgendwie wie New York, nur dreimal so groß und asiatisch. Über sieben Millionen Menschen leben hier auf einer Fläche, die kaum größer ist als Berlin. Während Berlin auf rund 4.000 Einwohner pro Quadratkilometer kommt, sind es hier fast 6.700. Man muss wirklich kein Stadtplaner sein, um zu verstehen, was das heißt. Wenn der Raum knapp ist, wird einfach nach oben gebaut.

Unser Lektor, selbstverständlich Asien-Experte mit großer Leidenschaft für Zahlen, liefert den passenden Rahmen. Über 1.300 Wolkenkratzer zählt Hongkong, mehr als 9.000 Gebäude ragen höher als 100 Meter in den Himmel, über 500 sogar über 150 Meter. Im Hafen herrscht reger Betrieb. Fähren ziehen ihre Linien durchs Wasser, Schlepper manövrieren riesige Schiffe millimetergenau und die Hafenfeuerwehr begrüßt unser Schiff mit zwei großen Wasserfontänen. Wir steuern auf den Victoria Harbour zu, einen der wichtigsten Naturhäfen der Welt. Unser Lektor spart nicht mit seinem Wissen. “Hongkong ist einer der bedeutendsten Finanzplätze Asiens und die Heimat internationaler Banken und Unternehmen. Die niedrige Steuerbelastung macht Hongkong für internationale Arbeitskräfte und Unternehmen sehr attraktiv.” Klingt natürlich erstmal gut, aber im Gegenzug gehören die Mieten und Lebenshaltungskosten in Hongkong zu den höchsten weltweit. Und doch ist die Stadt sofort attraktiv, wenn man auf dieses satte Grün blickt. Hinter der kompakten Front aus Beton und Glas liegen Nationalparks, Wanderwege und wunderschöne Strände. Rund 70 Prozent der Fläche Hongkongs sind tatsächlich Natur. Über 200 Inseln gehören zum Gebiet und lediglich eine halbe Stunde Busfahrt genügt, und man steht auf dem poplulären Dragon’s Back Trail zu wandern oder ein Fischerdorf auf Lamma Island zu besuchen. Es wäre also fatal, Hongkong lediglich auf seine Skyline zu reduzieren. Auch Hongkongs Geschichte ist spannend. Als 1997 die brititsche Kolonialzeit endet und die Stadt an China zurückgegeben wird, bildet sich das Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ heraus. Hongkong bekommt ein eigenes Rechtssystem, eigene Einreisebestimmungen und sogar eine eigene Währung, den Hongkong-Dollar. Es herrscht Linksverkehr mit hübschen Doppeldecker-Straßenbahnen, die seit 1904 durch Hong Kong Island rattern und kantonesische Schriftzeichen existieren neben englischen Straßennamen. Hongkong präsentiert sich uns als kontrastreiche Metropole, in der sich Millionenstadt und Dschungel, Hafen und Berge, britisches Erbe und chinesische Gegenwart, Reichtum und Armut, Hightech und Aberglaube, sowie Hitze und Klimaanlage auf engstem Raum begegnen.

Je länger wir auf die Skyline blicken, desto mehr kleine Details fallen auf. Zwischen all der Höhe, all dem Glas und den engen Fassaden weist uns der Lektor auf etwas Unerwartetes hin: riesige Öffnungen mitten in einzelnen Hochhäusern. Es sind keine dekorativen Aussparungen sondern gewaltige Durchbrüche über mehrere Stockwerke hinweg. In der kantonesischen Vorstellung leben Drachen in den Bergen und fliegen hinunter zum Meer. Wer ihnen den Weg versperrt, riskiert Unglück. Also lässt man Durchgänge frei, notfalls eben auch in Wolkenkratzern. Ok, ok, ganz so eindeutig ist die Sache natürlich nicht. Ein bekanntes Gebäude in Repulse Bay erhielt sein großes Loch offenbar aus rein gestalterischen Gründen. Die Geschichte von den Drachen verbreitete sich wohl erst später. Vielleicht half sie auch, sich mit diesem unbeliebten Bau anzufreunden. Schön ist der Gedanke des stillen Respekts an Drachenlegenden natürlich trotzdem. Fest steht: Feng Shui spielt hier eine große Rolle, jener Lehre, die Harmonie zwischen Mensch, Gebäude und Natur herstellen soll. Die Zahl 4 wird gemieden, weil sie im Kantonesischen wie „Tod“ klingt. Demnach überspringen viele Hochhäuser und Hotels Stockwerke mit dieser Zahl. Die 8 dagegen gilt als Glückszahl und steht für Reichtum. Und inmitten von Luxus landen wir schließlich. Als wir zwischen Labels wie Versace und Gucci festmachen, bereue ich es fast ein bisschen, dass wir uns für einen Ausflug in die Natur entschieden haben. Nicht weil ich Lust auf Luxus habe, sondern ich plötzlich Lust bekommen habe, Hongkong etwas genauer unter die Lupe zu ne nehmen. Die Stadt übt doch eine größere Anziehung auf mich auf, als ich es für möglich gehalten hätte. Aber für heute abend haben wir glücklicherweise noch einen Ausflug in die Stadt geplant. Wir möchten zum Nachtmarkt und zum weltberühmten Victoria Peak, von dem wir eine fantastische Aussicht auf das nächtlich Hongkong haben sollen.

Wie wir inzwischen wissen: Nachtmärkte gehören in Asien zum Pflichtprogramm. Man geht nicht hin, weil man etwas Bestimmtes sucht, sondern weil man die Atmosphäre der Stadt aufsaugen will. Unser Abend startet daher in der Temple Street am Night Market. Gegen 18 Uhr bauen dort die Händler ihre Stände auf um kleine Waren, Mobiltelefonzubehör, Uhren, T-Shirts und jede Menge Kitsch anzubieten. Beim Blick auf das Sortiment kommt es mir langsam so vor, als gäbe es einen einzigen Großhändler für ganz Asien. Die Geschichte des Marktes reicht bis in die 1920er Jahre zurück. Damals bedienten Händler vor allem Tempelbesucher. Heute kommen Einheimische und Touristen hier zusammen: für billige Kleidung oder den hundertsten Magneten. Eine Touristenfalle? Natürlich. Aber eine die auch einen Unterhaltungswert hat. Richtig lebendig wird es wieder bei den Garküchen. Menschen drängen sich dicht an dicht, um in die Töpfe und auf die Grills zu gucken. Auf den Speisekarten stehen Klassiker wie Curry-Fischbällchen, stinkender Tofu oder frittierter Schweinedarm. Ich glaube manchmal ist es ganz gut, die Speisekarte nicht lesen zu können. Ich entscheide mich für die deutlich risikoärmere Variante und bestelle gebratene Dim Sum, Teigtaschen. Man muss nicht jeden kulturellen Grenzbereich kulinarisch ausloten. Besonders aufregend finden wir den Markt allerdings nicht, genießen können wir ihn aber trotzdem. Und dann lernen wir noch eine weniger charmante Seite Hongkongs kennen. Beim Versuch, Geld zu wechseln, stoßen wir auf eine Mischung aus Desinteresse und völliger Gesprächsverweigerung. Es gibt weder eine Erklärung, noch Blickkontakt. Nur ein deutliches Nein. Zum Glück hilft uns der Reisescout mit ein paar Hongkong-Dollar aus, damit wir uns eine Kleinigkeit zu essen kaufen können.

Da Hongkong zwischen Hügeln und Bergen eingebettet liegt, gibt es natürlich mehrere Orte mit Weitblick. Der bekannteste ist jedoch der Victoria Peak, von allen schlicht „The Peak“ genannt. Er ist der höchste Punkt auf Hongkong Island und vermutlich der Ort, an dem weltweit am häufigsten „Wow“ gesagt wird. Wer schon einmal irgendein Bild von Hongkong gesucht hat, erkennt die Perspektive sofort. Genau hier oben entsteht sie. Ein Geheimtipp sieht anders aus, das hier ist eher ein guter alter Klassiker. Vor uns stapeln sich Hochhäuser über Hochhäuser, dazwischen glänzt der Victoria Harbour in dem auch unser Schiff liegt. Jetzt am Abend zeigt sich die Megacity dramatisch. Fenster leuchten, Fassaden wechseln permanent Farbe oder Motiv, alles blinkt und lasert. Um uns herum versuchen alle das Spektakel so gut wie möglich einzufangen. Moderne Smartphones liefern auch ganz gute Ergebnisse und alle lächeln zufrieden über ihr eigenen Schnappschuss Einfangen dieser unverwechselbaren Aussicht. Kaum zu glauben, aber der Peak hat tatsächlich Tradition. Im 19. Jahrhundert zogen britische Offiziere und wohlhabende Kaufleute hier hinauf, um der Hitze und den Krankheiten der Stadt zu entkommen. Einige der alten Villen stehen noch heute, nur die Immobilienpreise dürften sich seitdem deutlich verändert haben. Trotz der Massen, die mittlerweile hier hochströmen, ein sehr lohnenswerter Stop. Klassiker sind eben auch deshalb Klassiker, weil sie einem genau das geben, was sie versprechen, oder?

Guten Morgen! Es ist Tag 2 in Hongkong und wir machen uns mit anderen wanderfreudigen Reisenden auf den Weg, eine neue Seite von Hongkong zu entdecken. Unser Ausflug führt uns nach Lamma Island, Hongkongs drittgrößte Insel. Eine grüne Oase, nur eine halbe Stunde entfernt von Börsentickern, Luxuslabels und Glasfassaden. Wir sind angetan von der freundlichen Gruppe. Aber Leute, die sich bei hohen Temperaturen für eine Wandeung und ein schönes Sea Food Restaurant entschieden haben, können nicht von der üblen Sorte sein. Die Insel wirkt wie ein kompletter Gegenentwurf zur Skyline von Hong Kong Island. Autos gibt es hier nicht. Nur Fahrräder und kleine schnelle Lieferfahrzeuge, die durch die viel zu engen Hauptstraßen brettern. Die Häuser wirken wie an einen Hang geworfen, maximal drei Stockwerke wird hier gebaut. Wir sehen bunte Fassaden, Balkone mit Pflanzen, kleine Läden und überraschend viele Cafés. Lamma gilt seit den 1970ern als Rückzugsort für Aussteiger, Künstler und Expats, also Leute die zeitweise im Ausland leben und arbeiten. Und wir erkennen erstaunlich viele eropäische Gesichter in den Straßen.

Bevor wir über den Hügel auf die andere Seite spazieren, starten wir mit einem Cappuccino am Hung Shing Yeh Beach. Hier gibt es goldenen Sand und kaum Menschen. Schwer zu glauben, dass wir offiziell noch in einer der dichtesten Metropolen der Welt stehen. Das Meer glitzert, die Luft ist feucht und der Weg gut ausgebaut. Zwischen Bananenstauden geht es kurvig bergauf und bergab, mit immer neuen Blicken auf kleine Buchten und verstreute Dörfer. Auf der Rückseite der Insel tauchen sie dann auf: schwimmende Fischfarmen, gut erkennbar an den rechteckigen Gehegen im Wasser. Hongkong war einmal ein Fischerdorf, und auch wenn die Skyline heute anderes behauptet, gibt es noch immer rund 950 solcher Farmen entlang der Küste. Die meisten werden von Familien betrieben, oft seit Generationen. In den 1980er- und 90er-Jahren hatte die Branche ihren Höhepunkt. Dann wurden Süßwasserteiche zugeschüttet, um Wohnraum zu schaffen, neue Lizenzen für Salzwasserfarmen blieben wegen Umweltbedenken aus. Heute stammen nur noch etwa fünf Prozent der in Hongkong verzehrten Meeresfrüchte aus lokaler Zucht. Besonders interessant für uns war nicht nur die Farm sondern auch die Sichtung eines der tyischen Bambusgerüste an einigen Häusern. Bambus ist in Hongkong bis heute ein traditionelles Gerüstmaterial. Es ist flexibel und sehr schnell aufgebaut. Gleichzeitig denkt man unweigerlich an die jüngsten Bilder aus den Nachrichten, an den verheerenden Hochhausbrand in Hongkong, bei dem solche Gerüste plötzlich Teil einer ganz anderen Diskussion wurden. Abschluss der Tour ist der Besuch im beliebten Rainbow Seafood Restaurant. Offenbar ein Pflichtprogramm auf Lamma Island. Zu zehnt nehmen wir an einem runden Tisch mit drehbarer Platte in der Mitte Platz. Ausgesucht haben wir nichts, das wurde schon für uns erledigt. Dann kommt eine Menge Essen auf den Tisch: Muscheln, Garnelen, Tintenfisch, ein ganzer gedämpfter Barsch. Alles wandert im Kreis und wird von von jedem von uns probiert und anschließend besprochen. Am Ende stapeln sich Schalen und Teller und wir bewerten die Erfahrung als äußerst positiv. Man kann verstehen, warum dieses Restaurant seit Jahren so viele Gruppen anzieht. Zurück auf der Fähre, als wir blitzschnell wieder mitten in der Skyline stecken, wird uns klar: Auch in einer Megacity wie Hongkong ist die nächste Stadtflucht gar nicht so weit.

Zurück am Schiff drehen wir bei Sonnenuntergang noch eine Runde über die angrenzende Avenue of Stars. Die Promenade liegt direkt am Wasser und ehrt mit Handabdrücken und Namenstafeln die Größen des Hongkonger Films. Jahrzehntelang war die Stadt eine der wichtigsten Filmmetropolen der Welt. In den 70er- bis 90er-Jahren exportierte sie Filme in alle Kontinente. Jackie Chan sprang von Dächern, Wong Kar-wai drehte melancholische Großstadtpoesie und Hongkong wurde zur Lieblingsleinwand der Filmindustrie. Heute ist die Bühne frei für alle. Um uns herum klicken Kameras wie am Roten Teppich. Smartphones werden hochgereckt, auf Geländer gestellt oder gleich professionell auf Stativen montiert. Jeder kämpft hier um seinen Platz. Die respektvolle Rücksichtnahme, die wir u. a. in Japan kennengelernt haben: Fehlanzeige. Es scheint, wer hier kein Selfie gemacht hat, war offenbar nicht hier. Vor der Statue von Kampfkünstler Bruce Lee herrscht nicht minder Betrieb. Für drei Sekunden gehen hier selbst schüchterne Touristen in Lees typische Kampfhaltung.

Spätestens nach Sonnenuntergang versinkt Hongkong wieder in blinkender Reizüberflutung. Hinter uns glitzern Malls, Designerläden und Fünf-Sterne-Hotels. Luxusmarken reihen sich wie Perlen aneinander, alles funkelt, als gäbe es weder Morgen noch Stromrechnung. Drinnen wird geshoppt und danach vor dem Store im perfekten Outfit posiert. Natürlich wissen wir, dass es hinter dieser Fassade auch anders aussieht. Das viele Menschen in Hongkong ferab jeglichen Luxus in winzigen Wohnungen von nur wenigen Quadratmetern leben. Wer sich die Mieten nicht leisten kann, landet in unterteilten Mini-Einheiten, in denen Bett, Herd und Toilette kaum voneinander getrennt sind. Fast jeder dritte Einwohner lebt in einer Form von Sozialwohnung. Bei unserem Kurzbesuch haben wir diese Realität nicht direkt gesehen und doch wissen wir das sie da ist. Die Menschen haben ein unglaublich hartes Los gezogen und es macht uns einmal mehr bewußt, wieviel Glück man im eigenen Leben hatte. Den Abschied von der Stadt erleben wir nicht an Land, sondern oben auf dem Heckbalkon des Yachtclub-Restaurants der AIDA. Bei einem warmen Tee mit Wind im Gesicht, genießen wir eine der wohl spektakulärsten Ausfahrten der Reise. Jetzt im Dunkeln wirkt Hongkong einmal mehr wie ein ziemlich selbstbewußter großer Drache. Nur anstelle von Feuer speit er Neon. Nochmal dieses blinkende Licht, das Gewusel zwischen den Häuserschluchten und überall diese scheinbar alles einnehmende Energie. Und gerade wenn man glaubt, der chinesische Drache würde langsam zur Ruhe kommen, legt er einfach noch eine weitere Lichtshow nach.

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Halong Bay: Vietnams bizarre Inselwelt

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Kaohsiung: Im Zentrum der Erleuchtung