Kaohsiung: Im Zentrum der Erleuchtung

Für unseren zweiten und leider auch schon letzten Stopp in Taiwan steuern wir Kaohsiung an, die zweitgrößte Stadt des Landes. Rund 2,7 Millionen Menschen leben hier im Südwesten der Insel. Kaohsiung ist Hafenstadt, Universitätsstandort und Industriemetropole zugleich. Der Hafen ist der bedeutendste Taiwans und zählt zu den größten Containerhäfen der Welt. Die Stadt zeigt wieder ein neues Gesicht Taiwans. Moderne Architektur steht neben alten Tempeln, Industriegeschichte neben Wasser, Grünflächen und breiten Straßen. Kaohsiung gilt als progressiv und offen. Diversität, Gleichberechtigung und ein respektvoller Umgang gehören hier zum Alltag. Klingt gut, finde ich. Am frühen Morgen liegt die Stadt noch leicht im Dunst der Morgendämmerung. Nach zwei regnerischen Tagen im Norden kündigt sich endlich besseres Wetter an. Wir legen am Kaohsiung Port Cruise Terminal an, einem futuristischen Bau mit geschwungener Glasfassade, der eher an ein modernes Museum als an ein Hafengebäude erinnert. Sicher eines der schönsten Terminals dieser Reise. Auch wenn Kaohsiung auf den ersten Blick sofort Lust auf einen ausgedehnten Citytrip macht, haben wir schon länger hier einen ganz anderen Schwerpunkt gesetzt. Unser Tag steht ganz im Zeichen von Fo Guang Shan, ein weltweit vertretener chinesisch-buddhistischer Orden, der für einen modernen, humanen Buddhismus steht – und dem seit diesem Jahr offiziell auch mein Freund Reinier angehört.

Und so beginnt unser Aufenthalt in Kaohsiung mit einem Ausflug zum Fo Guang Shan Kloster, einer der bedeutendsten buddhistischen Klosteranlagen Taiwans und zugleich eines der wichtigsten Zentren des Buddhismus weltweit. Wir sind ein bisschen aufgeregt heute hier zu sein. Reinier wird hier in den kommenden Wochen einen längeren Gastaufenthalt verbringen. Seine Zufluchtnahme-Zeremonie im Fo-Guang-Shan-Tempel in Berlin hat erst in diesem Jahr stattgefunden. Er ist nun offiziell Buddhist. Der Besuch heute gibt uns die Gelegenheit, den Ort kennenzulernen, an dem für ihn bald der klösterliche Alltag beginnt.

Fo Guang Shan lässt sich mit „Buddhas Berg des Lichts“ übersetzen. Aus dem einstigen Kloster ist längst ein weltweit aktiver Orden geworden, vertreten in 173 Ländern, mit Tempeln, Akademien, Verlagen, Schulen und sogar einer eigenen Zeitung. Auch Reinier besucht einmal wöchentlich den Tempel in der Berliner Ackerstraße. Dass der taiwanische Buddhismus so international aufgestellt ist, hat auch politische Gründe. Wie bereits im Artikel über Keelung erwähnt, ist Taiwan demokratisch regiert, wird von der Volksrepublik China als abtrünnige Provinz betrachtet und von vielen Staaten diplomatisch nicht anerkannt. Umso wichtiger sind andere Wege der internationalen Präsenz. Der wohltätige Buddhismus, mit starkem Engagement in Bildung, sozialer Arbeit und Katastrophenhilfe, erweist sich dabei als besonders wirksam. Die Anlage wurde 1967 von Hsing Yun gegründet und ist vor allem eines: riesengroß. Hallen, Höfe und große Plätze verteilen sich über das Gelände, verbunden durch zahlreiche Treppen und Wege. Hier ist einiges an Bewegung nötig, um in die verschiedenenen Ecken des Klosters zu gelangen. Uns begegnen viele kahlgeschorene Mönche in braunen Roben. Sie lächeln uns freundlich an und sind uns sehr zugewandt. Am Hauptschrein mit seinen 14 800 Buddha-Figuren verteilen Mönche sogenanntes Glückswasser an uns. Es steht für die Reinheit des Dharma, die Lehre Buddhas, und soll helfen, Belastendes loszulassen. Wir fühlen uns hier sehr wohl und sind von der Atmosphäre sehr angetan. In der Ausstellungshalle finden wir Szenen aus dem Leben Hsing Yuns sowie viele schöne Kalligrafien und Aquarelle. Auch zahlreiche Bücher stehen dort, daneben große, leere Tintenfässer, die sicherlich die über Jahrzehnte verbrauchte Tinte symbolisieren. Zum Abschluss stehen wir vor der Amitabha-Buddha-Statue, die lange das Wahrzeichen von Fo Guang Shan war, noch bevor das monumentale Buddha Museum entstand. Hier endet unser Rundgang durch das Kloster. Von hier aus gehen wir weiter zum Fo Guang Shan Buddha Museum, wo uns die zweite, deutlich größere Buddha-Statue erwartet.

Das Fo Guang Shan Buddha Museum ist dem Kloster direkt angegliedert, ist aber kein klassisches Museum, sondern ein weitläufiges spirituelles und kulturelles Zentrum. Bevor wir das Gelände weiter erkunden, haben wir die schöne Möglichkeit ein typisch buddhistisches Mittagessen zu geniessen. In Fo Guang Shan wird ausschließlich vegetarisch gekocht, Fleisch gibt es im gesamten Komplex nicht. Das folgt buddhistischen Grundsätzen, in der Mitgefühl mit allen Lebewesen eine zentrale Rolle spielt. Tiere zu töten oder ihr Leiden bewusst in Kauf zu nehmen, gilt hier als nicht vereinbar mit dieser Haltung. Entsprechend gehört eine vegetarische Ernährung fest zum klösterlichen Alltag. Serviert werden Reis, Gemüse, Tofu in verschiedenen Varianten, süße Suppen, Dumplings und Gebackenes. Das Essen ist einfach, frisch und wirklich super lecker. Am Tisch wird die Religion als sehr positiv wahrgenommen und diskutiert. Viele loben, dass sie es angenehm empfinden, das der Buddhismus, ohne einen allmächtigen Gott und ohne Jenseitsversprechen auskommt. Das nicht der Glaube im Mittelpunkt steht, sondern das eigene Handeln. Buddha ging davon aus, dass Leiden zum Leben gehört. Entscheidend ist nicht, es zu vermeiden, sondern zu lernen, damit umzugehen. Achtsam handeln, nicht schaden, Verantwortung übernehmen: Das mag für manch einen unspektakulär klingen, aber ich finde, dass ist anspruchsvoll genug für ein ganzes Leben.

Anschließend gehen wir hinaus Richtung Buddha Museum. Es wurde 2011 eröffnet und erinnert mehr an einen weitläufigen Campus als an ein klassisches Museum. Nach der Durchquerung der Eingangshalle gelangen wir auf einen zentralen Weg, der auf den großen goldenen Buddha zuführt. Rechts uns links ist der Weg von je vier Pagoden im chinesischen Stil gesäumt. Dies soll die historische Ausbreitung des Buddhismus von Indien nach China symbolisieren. Unsere Augen gelten aber der riesigen Buddhafigur. Mit einer Gesamthöhe von 108 Metern gehört sie zu den größten der Welt. Die Zahl ist im Buddhismus symbolisch besetzt und taucht etwa auch bei Gebetsketten immer wieder auf. Dargestellt ist Siddhartha Gautama, der historische Buddha.

Auch im Inneren des Museums ist es eindrucksvoll. Ein abgeschirmter Bereich ist den buddhistischen Reliquien vorbehalten, darunter eine Zahnreliquie des Buddha, die während der chinesischen Kulturrevolution aus Tibet gerettet wurde. Bemerkenswert ist außerdem das Projekt der 48 Untergrundpaläste. Sie dienen als Zeitkapseln: Jedes Jahr werden buddhistische Artefakte und ausgewählte zeitgeschichtlich relevante Objekte gesammelt und in einem unterirdischen Palast konserviert. Ziel ist es, Kultur, Glauben und Lebensweise für kommende Generationen zu bewahren. Insgesamt ist das Projekt auf 48 Paläste und damit auf 4.800 Jahre angelegt. 4.800 Jahre? Das kann man sich ja gar nicht vorstellen.

Zurück in Kaohsiung erwartet uns als letztes ein besonders malerischer Ort. Der Lotus Pond und der hat seinen Namen nicht von ungefähr. Zwischen Juni und August treiben hier unzählige Lotusblumen auf dem Wasser. Berühmt ist der See allerdings weniger für seine Botanik als für sein Westufer, denn dort ist er eingerahmt von rund zwanzig Tempeln, Pagoden und Statuen unterschiedlichster Einflüsse. Das Ganze wirkt bunt, verspielt, stellenweise erstaunlich kitschig. Fast wie ein Disneyland der Tempel. Wir beginnen unseren Rundgang am Chi Ming Palace, einer dreistöckigen Tempelanlage direkt am Wasser. Verehrt werden hier Konfuzius und der chinesische General Guan Yu, der für Loyalität, Mut und Gerechtigkeit steht. Von außen wirkt der Bau eher zurückhaltend aber innen geht es wahnsinnig opulent zu. Bei unserem Besuch kommt noch ein zusätzlicher Farbschub in Rot dazu. Das chinesische Neujahr am 17.Februar steht bevor und überall wird bereits fleißig dekoriert.

Direkt vor dem Tempel liegt der wunderschöne Frühlings- und Herbstpavillonkomplex. Mittendrin thront die Göttin des Mitgefühls, Guanyin, auf einem Drachen sitzend. An dieser Stelle können wir plötzlich selbst Teil der Anlage werden, indem wir durch den Drachen hindurchgehen. Ja, richtig gehört. Der Einstieg erfolgt über Stufen direkt in ein weit geöffnetes Maul, danach folgt ein überraschend langer, begehbarer Gang. In der chinesischen Kultur gilt der Drache als glücksbringend und schützend, das Durchschreiten soll Glück bringen. Das lassen wir uns natürlich nicht zweimal sagen. Hinter dem Drachen führt uns ein Pier hinaus auf den Lotussee. Wir gehen bis ganz nach vorne und schauen über das Wasser. Am Ende der Pier winkt Reiseleiter Patryck mit dem Aida Kussmund, um uns wieder pünktlich zum Hafen zu bringen. Schade, hier hätte man gerne noch etwas länger verweilt um sich alle Details anzusehen.

Taiwan hat mir sehr gut gefallen. Hier könnte ich mir nochmal einen Backpacker Urlaub vorstellen und sich einfach treiben zu lassen. Die Insel ist ja relativ klein und noch weitestgehend vom Massentourismus verschont. Noch. Denn unsere Reise zeigt leider auch, dass der Platz der wirklich besonderen ursprünglichen Orte auf diesem Planeten kleiner wird.

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Keelung: Der regenreiche Norden Taiwans