Keelung: Der regenreiche Norden Taiwans

Taiwan taucht für uns seit einigen Jahren erst so richtig auf dem Radar auf und meistens dann, wenn es politisch knirscht und die Volksrepublik China ihre Ansprüche auf das Land betont. Abseits dieser Schlagzeilen ist die Insel, ungefähr so groß wie Baden-Württemberg, uns bislang erstaunlich unbekannt. Dabei hat Taiwan in nur drei Jahrzehnten den Sprung von einer autoritären Einparteienherrschaft zu einer stabilen, lebendigen Demokratie geschafft und spielt heute gleichzeitig eine Schlüsselrolle in der globalen Hightech-Industrie. Das ist schon eine Kombination, die man erstmal sacken lassen muss. Aber Taiwan reduziert sich nicht auf Politik und elektonische Chips. Die Insel vereint indigene Traditionen, chinesische Wurzeln und japanische Einflüsse zu einer eigenen Kultur, die sich offen mit ihrer Geschichte auseinandersetzt. Präsidentenpalast, Menschenrechtsmuseum und eine sehr aktive Zivilgesellschaft gehören hier genauso dazu wie Tempel, Alltagsrituale und eine völlige Selbstverständlichkeit im Umgang mit Vielfalt. Dazu kommen hohe Berge, tiefe Schluchten, subtropische Wälder, heiße Quellen und eine Küste, die sich ständig zwischen rau und idyllisch bewegt. Auch Kulinarisch spielt Taiwan in seiner eigenen Liga: vibrierende Nachtmärkte, Oolong-Tee aus dem Hochland, lokale Biere und preisgekrönter Whisky. Wer hier hungrig bleibt, macht irgendwie etwas falsch.

Unser erster von zwei Häfen in Taiwan ist Keelung. Die Stadt liegt im Nordosten der Insel und ist nach Taipeh der zweitgrößte Hafen des Landes. Keelung war lange Zeit genau das, was man von seiner Lage erwarten würde: ein natürlicher Tiefwasserhafen, geschützt von Bergen, strategisch perfekt an der Nordküste gelegen. Während der japanischen Kolonialzeit wurde der Hafen über Jahrzehnte modernisiert: eine Investition, die später dafür sorgte, dass Keelung zeitweise zu den bedeutendsten Containerhäfen der Welt gehörte. Heute ist davon vor allem Geschichte geblieben. Andere Häfen mit günstigerer Lage und besserer Anbindung haben Keelung längst überholt, die Industrie siedelte sich anderswo an und Arbeitsplätze wanderten ab. Zurück blieb eine Hafenstadt, die nicht mehr glänzt. Das merken wir bei unserer Ankunft sofort. Keelung gilt als eine der regenreichsten Städte Taiwans, und auch heute liegt ein feiner, hartnäckiger Nieselregen über der Stadt. Die Hausfassaden sind vom Klima nachgedunkelt, vieles wirkt unfertig und auch ein wenig abgenutzt. Selbst die bunten Tempel verlieren im feuchten Licht einen Teil ihrer Strahlkraft. Nach der durchkomponierten Ästhetik Japans ist das für viele Gäste erst einmal ein kleiner Schock – was man später auch in den Gesprächen auf Fluren und Busplätzen mitbekommt. Nicht wenige ziehen es vor, direkt ins rund 30 Kilometer entfernte Taipeh zu fahren.

Wir haben uns nicht für Taipeh, sondern für das bergige Hinterland entschieden. Zwei alte Bergdörfer stehen auf dem Plan. Aber statt Abgeschiedenheit und Ruhe wird uns schon nach kurzer Zeit klar: hier hat der Tourismus mittlerweile das Kommando übernommen. Unsere Erwartungen und was wir dann vor Ort sehen unterscheidet sich doch recht stark und diese Erkenntnis wird uns noch den Tag über begleiten. Unser erster Stopp ist Shifen. Der Ort liegt nordöstlich von Taipeh und ist so klein, dass man ihn fast übersieht. Die Besonderheit hier ist das Gleisbett, das mitten durch den Ort hindurchführt. Besucher kommen aus einem einzigen Grund hierher: um eine Laterne steigen zu lassen. Das Ritual ist klar geregelt. An erster Stelle steht die Farbauswahl des Lampions. Jede Farbe hat ihre Bedeutung, gut erklärt auf großen Tafeln. Rot steht für Glück und Erfolg und ist entsprechend der Bestseller. Auch für uns wurden bereits rote Laternen vorbereitet. Dann folgt der wichtigste Teil: das Bemalen. Mit schwarze Farbe, feinem Pinsel und viel Konzentration werden Wünsche für Familie, sich selbst oder direkt an die Welt niedergeschrieben. Auch wenn ich bei den anderen Touristen in den Straßen kein einziges Schriftzeichen lesen kann, ist sofort klar, dass hier niemand einfach irgendwas hinschmiert. Wünsche werden in Asien wirklich ernst genommen. Anschließend geht es mit der fertigen Laterne nach draußen, meist aber direkt ins Gleisbett, wo früher noch Kohle transportiert wurde. Der Verkäufer übernimmt jetzt die Regie und fotografiert das fertige Werk aus allen denkbaren Perspektiven. Erst wenn alles dokumentiert ist, wird die Laterne in den Himmel entsendet. Wir sehen mehrere Exemplare die anfangs Startschwierigkeiten haben, bevor sie sich doch noch nach oben arbeiten. Das massenhafte Steigenlassen ist hier legal, weil der Ort recht abgelegen liegt und weil es wie auch heute oft regnet. Die Waldbrandgefahr ist also gering. Man ahnt schon was jetzt kommt. Genau, irgendwo kommen die Glücksbringer leider auch wieder runter. Was hier gut für die Shopbesitzer ist, tut unserer Umwelt natürlich weniger gut. Auf dem Weg zur Hängebrücke liegen die Beweise offen herum: zerknittertes Papier und Bambusreste des Gestells in Bäumen, an Ufern und am Straßenrand. Spätestens hier meldet sich die Realität zurück. Anbgeblich gibt es hier monatliche Aufräumaktionen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass tatsächlich alle Reste aus der Natur entfernt werden. Und was gibt es sonst so in Shifen zu sehen? Nicht wirklich viel. Einen alten Bahnhof, eine schöne Hängeseilbrücke, Streetfood Stände und Souvenirs über Souveniers. Es überrascht kaum: es sind hauptsächlich Laternen in allen Varianten. Schüttelt man sie, leuchten sie nacheinander in allen LED-Farben wie eine kleines Kirmes. Shifen lebt heute komplett von diesem einen Ritual. Ob man das charmant oder fragwürdig findet, bleibt wohl Ansichtssache.

Unser nächster Stop Jiufen liegt rund 350 Meter über dem Meer. Auch dieser kleine Ort klebt an den Hängen nordöstlich von Taipeh und war während der japanischen Kolonialzeit ein bedeutender Goldgräberort. Ende des 19. Jahrhunderts brachte der Goldfund schnellen Wohlstand, zeitweise soll Jiufen sogar reicher gewesen sein als Taipeh. Noch heute erinnern Dächer, Treppen und einzelne Häuser an diese Epoche und an den starken japanischen Einfluss. Nach dem Ende des Goldbergbaus versank der Ort jedoch lange in Bedeutungslosigkeit. Erst durch Filme, Fotografen und die sozialen Medien haben ihn wiederentdeckt. Heute lebt der Ort fast ausschließlich von seinem Bild als romantisches Bergdorf mit Laternen und Aussichtspunkten. Was uns hier allerdings noch mehr überrascht als der nicht enden wollende Regen, ist die riesige Kommerzialisierung. Das Herz des Ortes, die berühmte Old Street, ist eine schmale, komplett überdachte Gasse, die heute fast ausschließlich aus Souvenirläden, Snackständen und Teehäusern für Tagesgäste besteht. Den historischen Alltag, ruhige Wohnhäuser oder so etwas wie echtes Dorfleben sucht man hier vergeblich. Auch wir schieben uns mit Regenschirmen durch die Old Street, kaufen Kleinigkeiten und himmeln Katzen an, die hier überall zu finden sind. Aber ein Abstecher in die Seitengassen bringt uns zumindest zu einer älteren Taiwanesin, die uns mit heilenden Ölen eine Freude macht. Vielleicht wirkt Jiufen am Abend, wenn die roten Laternen leuchten, der Blick Richtung Meer freier wird oder man an einer Teezeremonie in einem der Teehäuser teilnimmt, etwas schöner. Vielleicht würde es auch helfen, wenn es nicht mehr so regnen würde. Sehr loben müssen wir allerdings wieder das schöne taiwanesische Mittagessen, welches wir uns mit unserer Gruppe zu zehnt am Tisch teilen durften. Es war vorzüglich und hat nochmal richtig Lust auf den uns bevorstehenden Nachtmarkt gemacht.

Auch wenn der Regen einfach nicht nachlassen möchte, schauen wir für ein nächtliches Laternensteigen nochmal im Laternendorf Shifen vorbei bevor wir unseren Abend auf dem Miaokou Night Market in Keelung verbringen. Es ist einer der berühmtesten und meistfotografiertesten Nachtmärkte in Taiwan. Hier leuchten alle Lichter von kühl bis warm und die vielen Laternen spiegeln sich auf dem nassen Asphalt. Über 200 Street-Food Stände befinden sich unter Überdachungen, sind mit reflektierenden Metallschildern versehen und von Nummer 1 bis etwa 70 durchnummeriert. Vom Ablauf her funktionieren sie wie kleine Restaurants, allerdings bestehen ihre Küchen hauptsächlich aus Außenkochern, und gegessen wird an schmalen Tresen mit Bänken direkt davor. Überall dampft und zischt es und das 24h am Tag. Es riecht nach frittiertem Tintenfisch, nach Brühe, nach Sojasoße. Viele Stände sind auf Fisch und Meeresfrüchte spezialisiert. Neben den berühmten Tempura, Dinpientso, Sandwiches, Hähnchenrollen, Butterkrabben, Bohnenkuchenstreifen, frischen Meeresfrüchten, original zubereiteten Schweinefüßen, geschmorter Aal-Dicksuppe, Pao-Pao-Eis und vielem mehr gibt es hier zahlreiche ganz typische taiwanesische Snacks. Wir halten uns allerdings an die Empfehlungen unseres Guides: eine typische taiwanesische Bratwurst, die Mama aufgrund des Zimtgeschmacks furchtbar findet, ein über Holzkohle gegrilltes Sandwich und ein typisches taiwanesisches Eis mit Erdnussgeschmack. Es ist ein perfektes Dessert für mich, die Erdnussbutter am liebsten direkt aus dem Glas löffelt. Der Markt fasziniert uns so sehr, dass wir entscheiden, morgen auf jeden Fall noch einmal wiederzukommen.

Am nächsten Morgen wollen wir Keelung noch einmal in Ruhe erkunden. Für Taipeh reicht die Zeit diesmal nicht, also bleiben wir der Hafenstadt treu. Man versteht schon, warum manche Gäste Keelung als etwas abgegriffen und wenig touristisch empfinden. Aber wir sind nicht wegen Hochglanzfassaden hier, sondern wegen der Einblicke. Und die Stadt zeigt sich bei genauerem Hinsehen erstaunlich lebendig und herzlich. Wir schlendern erneut Richtung Nachtmarkt und landen schließlich dort, wo gekocht wird: in den oberen Etagen. Schon auf der Treppe kommen uns andere Schiffsgäste entgegen, schütteln lachend den Kopf und sagen: „Interessant, aber hier würden wir nie essen.“ Für uns klingt das weniger nach Warnung und mehr nach Geheimtipp. Übersetzt heißt das für uns: Hier essen die Einheimischen. Und genau so ist es. Essensstände reihen sich dicht an dicht, es ist so eng, dass man kaum weiß, wo vorne und hinten ist. Doch etwas fällt sofort auf: Alle lächeln uns freundlich an. Eine Taiwanesin vor einem winzigen Café spricht uns an, als wir etwas ratlos vor einer Wurst stehen. Sie erklärt uns geduldig, was wir da eigentlich anschauen. Ihr Englisch ist hervorragend, das Gespräch ergibt sich sofort. Ihr Café ist kaum größer als zwei Quadratmeter, zwei Sitzplätze, mehr nicht. Sie verkauft selbstgemachte glutenfreie Kuchen, hat in Japan Backen studiert und gerade erst hier in ihrer Heimatstadt eröffnet. Die Kuchen sehen aus wie kleine Kunstwerke. Natürlich bestellen wir ein Stück und Kaffee. Wir sprechen über Japan, Taylor Swift und das Reisen. Der Kuchen ist unfassbar fluffig. Ihr Geheimnis, sagt sie lachend: einfach sehr, sehr lange schlagen. Wir gehen erst, als wir Instagramfreunde werden und ihr das Versprechen abringen, dass sie uns kontaktiert, sollte sie jemals nach Berlin kommen. Als sie mir zum Abschied eine kleine japanische Katzenfigur mit Croissant schenkt, ist mein Glück komplett. Wir ziehen weiter, bestens gelaunt, und bestellen uns wenig später noch Dumplings, die wir zuvor dabei beobachtet haben, wie sie frisch von Hand gefüllt und zugedrückt wurden. Besser geht’s kaum. Wer hier nichts probiert, dem ist wirklich nicht zu helfen.

Als wir den Markt verlassen, beginnt es wieder zu regnen. Die Regenstadt bleibt sich einfach treu. Wir laufen trotzdem weiter Richtung Zhongzheng Park und nehmen, was der Weg uns anbietet. So landen wir auch am Fo Guang Shan Ji Le Tempel, einem Haus der Fo-Guang-Shan-Bewegung, einer der größten buddhistischen Organisationen Taiwans. Am nächsten Tag werden wir in Kaohsiung die monumentale Hauptanlage mit dem Buddha Museum besuchen. Dieser Tempel hier fühlt sich deshalb wie ein erster Vorgeschmack an, nur deutlich überschaubarer. Und wieder passiert hier etwas, das man nicht planen kann. Eine junge Taiwansin spricht uns an, erzählt von ihren japanischen Wurzeln und davon, dass sie kurz vor der Veröffentlichung einer eigenen buddhistischen Musikkomposition steht. Sie holt ihr Handy raus und spielt uns ihr Stück vor, begleitet von ein bisschen Gesang und groß geöffneten Augen, die ganz viel Leidenschaft für den Buddhismus versprühen. Man merkt sofort, wie persönlich das für sie ist. Und auch wir sind sehr bewegt von der Schönheit in diesem Moment. Gesprochen wird eine Mischung aus Englisch, ein paar übersetzten Sätzen über Google Translate und viel nonverbaler Verständigung. Natürlich hilft uns die Technik in diesen Momenen weiter, aber am Ende reicht auch ein offenes Gesicht und echtes Interesse. Wieder draußen, fängt es jetzt richtig an zu schütten.

Schon leicht durchgeweicht erreichen wir schließlich den hoch gelegenen Zhongzheng Park. Wahrzeichen des Parks ist die rund 25 Meter hohe weiße Guanyin-Statue, die hier seit den 1960er-Jahren über Keelung wacht. Bei schönem Wetter hat man hier sicher einen fantastischen Blick über die Stadt. Wir haben ihn in Ansätzen auch, aber schön garniert mit einem dichten diffusen Regenschleier. Ein paar Schritte weiter führt der Weg zum Keelung Tower, einem noch recht neuen Aussichtsturm in Form eines Krans. Natürlich laufen wir ihn auch noch ab. Von hier haben wir zumindest kurz freie Sicht auf den Hafen und unser Schiff. Ein beruhigender Anblick, dass es jetzt gar nicht mehr so weit zu trockenen Schuhen und einer heißen Tasse Tee ist. Puh, was bleibt von Keelung? Ein ziemlicher Kontrast zu Japan, das wohl. Es ist viel rauer und chaotischer, aber irgendwie auch sehr authentisch und einfach gastfreundlich. Der Miaokou-Nachtmarkt bekommt von uns ganz klar die Höchstwertung und wir können es kaum erwarten weitere asiatische Märkte kennenzulernen.

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Kaohsiung: Im Zentrum der Erleuchtung

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