Ishigaki: Japans karibisches Inselparadies

Nach dem wetterbedingten Ausfall von Amami-Ōshima steuern wir nun Ishigaki an, die südlichste Stadt Japans. Dank Lotse und Schlepper gelingt das Einlaufen trotz kräftigem Wind diesmal problemlos. Unser letzter Stop in Japan gehört zur Yaeyama-Inselgruppe in der Präfektur Okinawa und liegt nur einen Breitengrad nördlich des Wendekreises. Geografisch fühlt sich das bereits deutlich weiter weg vom japanischen Kernland an. Klima, Landschaft und Vegetation unterscheiden sich jetzt spürbar von der Hauptinsel. Für das ultimative Südseegefühl spielt das Wetter an diesem Tag allerdings nicht mit. Statt Sonne gibt es dichte Regenwolken und Temperaturen um die 16 Grad. Für eine Trauminsel mit diesem Ruf fühlt sich das überraschend frisch an. Der Vorteil: Wir müssen Ishigaki heute nicht mit allzu vielen Besuchern teilen.

Unsere Tagestour beginnt mit einer Busfahrt über die Insel. Es geht vorbei an Zuckerrohrfeldern vorbei, an Hängen mit dichtem, feuchten Dschungel, während vor der Küste die Korallenriffe liegen. Wirklich ein bisschen schade, dass heute so ein grauer Schleier über der Landschaft liegt. Für unseren ersten Halt ist das Wetter allerdings egal. Es geht unter Tage in die rund 200.000 Jahre alte Tropfsteinhöhle von Ishigaki. Sie ist etwa 3,2 Kilometer lang und rund 660 Meter davon sind für Besucher zugänglich. Große Teile der Insel lagen früher unter dem Meeresspiegel was die fossilen Korallen und riesigen Muschelschalen bezeugen. Der Rundgang ist gut ausgebaut und einzelne Bereiche sogar gezielt beleuchtet, was die Dimensionen der Höhle noch sichtbarer zu machen. Ein beeindruckender Einstieg in den Tag.

Zum Mittagessen dürfen wir uns wieder auf leckerste regionale Küche freuen. Es wird japanischer Hotpot serviert mit Zutaten von der Insel. Ishigaki ist bekannt für sein besonders hochwertiges Rindfleisch, vom Shabu-Shabu bis zum Yakiniku. In unserem Pot befindet sich aber Schweinfleisch, was für uns auch völlig ok ist. Besonders gut gefällt uns die japanische Bittergurke Goya, ein typisches Gemüse Okinawas. Sie gehört botanisch zu den Kürbisgewächsen, schmeckt deutlich bitter und gilt hier als ausgesprochen gesund. In der Küche Ishigakis ist sie fester Bestandteil und sogar auf T-Shirts und als Schlüsselanhänger präsent. Nach einer kurzen Anfangsphase der Orientierung (welche Schale gehört wohin, und was kommt jetzt eigentlich zuerst) grooven wir uns ein. Lecker ist es auf jeden Fall. Dass die Ernährung als einer der Gründe für die hohe Lebenserwartung in Okinawa gilt, überrascht uns natürlich nicht.

Nach dem Mittagessen fahren wir weiter Richtung Nordwesten zur Kabira-Bucht, dem wohl bekanntesten Landschaftsmotiv der Insel. Die Bucht gilt als einer der landschaftlich schönsten Orte Ishigakis und besticht durch weißen Sand, smaragdgrünes Wasser sowie viele kleine vorgelagerte Inseln. Schwimmen ist hier allerdings nicht erlaubt, um die empfindlichen Korallenriffe zu schützen. Kaum eine andere Region Japans verfügt über eine derart intakte und vielfältige Unterwasserwelt. Von den weltweit 800 Korallenarten kommen allein etwa 415 davon in den Gewässern rund um Okinawa vor. Hier am Strand starten zahlreiche Glasbodenboote, mit denen man die Möglichkeit hat, einen Teil der Unterwasserwelt zu erkunden. Auch bei bedecktem Himmel ist die Fahrt durchaus lohnenswert. Unter uns ziehen (leider der Geschwindigkeit des Bootes geschuldet) viel zu schnell Korallenbänke und Fischschwärme vorbei. Sogar eine Meeresschildkröte wird entdeckt. Was muss das hier erst bei Sonnenschein funkeln.

Zurück an Land besuchen wir ein Perlengeschäft direkt an der Bucht. Kabira ist nämlich der Ort, an dem erstmals die Zucht der schwarzen Schmetterlingsperle gelang. Seitdem ist die Perlenzucht ein wesentlicher Bestandteil der lokalen Wirtschaft und Kultur in der Yaeyama-Region. Natürlich kommt sie extrem selten vor, nur eine von Hunderttausenden Muscheln bildet sie aus. Die hier gezüchteten Perlen schimmern nicht einfach schwarz, sondern changieren je nach Lichteinfall zwischen Grün, Violett und Silber. Die Perlen wachsen über 5 bis 6 Jahre in den Austern, die an Flößen in der Bucht hängen und die Temperaturunterschiede des Wassers tragen zur hohen Qualität und speziellen Glanz der Perlen bei. Ein echtes Kabira-Produkt ist dementsprechend hochpreisig. Neben dem Geschäft bestelle ich mir mit zwei lieben AIDA-Mitarbeitern noch schnell einen Kaffee. Wir müssen schmunzeln, als wir merken, dass die ansonsten so zurückhaltenden und respektvollen Japanerinnen unsere Körpergröße sehr vorsichtig kommentieren. Auch die beiden Scouts sind, genau wie ich, deutlich über 1,80. Nach kurzem Zögern ermutigen wir sie zu Erinnerungsfotos. Ein sehr herzlicher Moment, der auch ohne ein Wort Englisch funktioniert.

Der letzte Programmpunkt des Tages ist das Freilichtmuseum Yaima Mura, das einen Blick auf Ishigaki wirft, wie es vor etwa hundert Jahren aussah. Unsere Reiseleiterin Kana bereitet uns schon im Bus auf den Besuch vor, indem sie uns Bilder der Behausungen zeigt. Schon beim Betreten fühlt man sich ein gutes Stück zurückversetzt. Zwischen üppigem Grün stehen mehrere Wohnhäuser aus dem frühen 20. Jahrhundert, einige davon gelten heute als nationale Kulturgüter. Sie stammen aus verschiedenen Teilen der Insel und wurden originalgetreu hierher versetzt. Die Gebäude zeigen sehr anschaulich, wie unterschiedlich das Leben je nach Beruf und gesellschaftlicher Stellung organisiert war. Es gibt einfache Fischerhäuser, ein Bauernhaus und private Wohnhäuser, die man betreten und im Detail erkunden kann. Besonders eindrucksvoll sind die Häuser, die komplett ohne Nägel gebaut wurden. Bei einer kleinen Show gibt es eine humorvolle Aufführung zweier Senioren die alte Volkslieder singen und ein bisschen was von der Geschichte auf die Besucher übertragen. Der alte Herr zupft ein Sanshin. Es ist ein ein traditionelles dreisaitiges Zupfinstrument aus Okinawa, dessen Rückseite aus Schlangenhaut besteht.

Über das Gelände verteilt finden sich zahlreiche Details, die den Alltag früherer Generationen greifbar machen. Alte Gerätschaften für Fischerei und Landwirtschaft, Webrahmen, Pressen zur Verarbeitung von Zuckerrohr – ein Produkt, das bis heute eine wichtige Rolle auf Ishigaki spielt. Auch die typischen roten Ziegeldächer fallen auf, ebenso wie die steinernen Shisa-Figuren, mythische Löwenwesen, die Häuser und Bewohner vor Unheil schützen sollen. Viele Mauern bestehen aus Korallenstein, ein Material, das hier früher ganz selbstverständlich verwendet wurde.

Aber zum Gelände gehören auch Tiere. In einem Gehege lebt der Schlangenadler, eine geschützte Greifvogelart, die nur auf Ishigaki und Iriomote vorkommt. Außerdem gibt es einen Wasserbüffelteich, ein Überbleibsel aus der Zeit, als Tiere aus Taiwan auf die Insel gebracht wurden. Und dann sind da noch die Totenkopfäffchen, Risu-zaru. Sie bewegen sich frei in einem naturnah gestalteten Bereich, sind neugierig, schnell und erstaunlich zutraulich. Allerdings haben die agilen und zutraulichen Äffchen gerade Mango bekommen und haben an unserer Anwesenheit kein Interesse.

Und so endet unsere Reise durch das wunderschöne Japan. Ein Land, das uns mit seiner Ästhetik, seinen Traditionen, die gesunde Küche und vor allem mit seinen Menschen tief beeindruckt hat. Doch was dieses Land für uns besonders macht, ist der Umgang miteinander. Kein Drängeln, kein Augenrollen. Man wartet, man nimmt Rücksicht, man achtet aufeinander. Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten und die uns in unserem westlichen Alltag zunehmend verloren gehen. Zumindest empfinden wir das so. Auch wirken die Menschen weniger gehetzt. Es scheint Raum zu geben, einfach mal stehen zu bleiben und durchzuatmen. Genau da berührt Japan etwas in uns und zeigt uns wieder einmal, dass es uns besser geht, wenn wir bewusster mit unserer Zeit, mit anderen Menschen und mit uns selbst umgehen. Wir sehen uns wieder, Japan! Ganz bestimmt!

Zurück
Zurück

Keelung: Der regenreiche Norden Taiwans

Weiter
Weiter

Kyōto: Die volle Macht der Schönheit