Port Klang: Ein Schmelztiegel der Religionen
Nach den drei aufregenden Tagen in Singapur haben wir nicht sehr viel Zeit zum Luftholen. Denn schon am nächsten Tag erreichen wir mit Malaysia eine neue spannende Destination unserer Weltreise. Von unserem Hafen in Port Klang haben wir einen Ausflug ins kosmopolitische Kuala Lumpur gebucht. Es wird ein heißer Tag und das Termometer wird heute die 30 Grad Marke überschreiten. Die malaysische Hauptstadt hat sich in einem rasanten Tempo von einer Arbeitersiedlung zu einer modernen Weltmetropole entwickelt. Die wörtliche Übersetzung des malaiischen Städtenamens bedeutet „schlammige Flussmündung“, da hier die Flüsse Gombak und Klang zusammenfließen. Schlammig ist es in der modernen Stadt natürlich heute überhaupt nicht mehr und von erfahrenen Reisenden und Einheimischen wird Kuala Lumpur ganz lässig nur „KL“ genannt.
Kula Lumpur ist ein sagenhaft vielfältiger kultureller Schmelztiegel und entgegen meiner Erwartungen eine absolute Weltstadt. Unser Guide führt uns zunächst zum Merdeka Square, dem Platz der Unabhängigkeit, der im Herzen des Kolonialviertels liegt. An diesem der historische Ort, wurde am 31. August 1957 erstmals die malaysische Flagge gehisst und die Unabhängigkeit von Großbritannien offiziell verkündet. Der Merdeka Square ist eine weitläufige Freifläche mit gepflegten Rasenflächen. Kein Wunder also, dass der Platz zu einem beliebten Ort für Veranstaltungen, Feiern und kulturelle Veranstaltungen geworden ist. Eine Reihe historischer Gebäude im kolonialen Stil rahmen die Freifläche und die modernen Hochhäuser ein. Besonders prächtig ist das Sultan Abdul Samad Gebäude im indo-sarazenischen Stil des 19. Jahrhunderts, das bis zur Unabhängigkeit als Sitz der britischen Kolonialregierung diente. Heute haben dort die malaysischen Justizbehörden ihren Sitz. Auch der im englischen Tudor-Stil erbaute Royal Selabgor Club, einst beliebter Treffpunkt der High Society, ist sehenswert und versprüht auch heute noch den Charme vergangener Tage. Sowohl in religiöser und architektonischer als auch kultureller Hinsicht ist Kuala Lumpur ein echter “melting pot”, wie es kaum eine andere asiatische Stadt zu bieten hat. So leben in Malaysia seit Jahrhunderten Hinduisten, Buddhisten, Christen und Islamisten in einer friedlichen Koexistenz nebeneinander. In der malaysischen Verfassung ist die Religionsfreiheit fest verankert. Gleichzeitig ist der Islam offiziell als „Religion der Föderation“ festgeschrieben und nimmt damit eine besondere Stellung im Staat ein. Über viele Jahrzehnte lebten hier unterschiedliche Religionen weitgehend friedlich nebeneinander. Doch wie in vielen Teilen der Welt gibt es auch in Malaysia gesellschaftliche Spannungen und eine Gefahr durch religiöse Radikalisierung.
Eine Stadt mit derart vielen Wolkenkratzern sollte man sich immer auch von oben ansehen. Wir beschließen diese Chance auf dem Fernsehturm zu nutzen. Der KL-Tower ist im Besitz der Telekom Malaysia und liegt auf dem sogenannten Ananashügel inmitten der Stadt. Der Tower, den man von fast überall in der Stadt sehen kann, ist bei Nacht spektakulär beleuchtet und ändert oft seine Farben. Mit einer Gesamthöhe von etwa 421 Metern ist er einer der höchsten Fernsehtürme der Welt und daher ein Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt. Mit dem Hochgeschwindigkeitsaufzug gelangt man in einer Minute auf das Observation Deck in 276 Metern Höhe sowie auf das Skydeck in 300 Metern Höhe. Von beiden Aussichtsplattformen hat man einen wirklich tollen 360-Grad Blick auf das Stadtzentrum und die berühmten Petronas Twin Towers.
Kurz darauf stehen wir an einer dieser riesigen Straßenkreuzungen, nur um einen besseren Blick auf die Petronas Towers zu bekommen. Und dann stehen sie da. 452 Meter hoch. Zwei silberne Riesen, die sich so selbstbewusst in den Himmel schieben, als wollten sie sagen: „Wir waren hier mal die Größten.“ Bis 2004 waren sie es sogar. Auch wenn inzwischen andere Türme ihnen den Höhenrekord abgenommen haben, beeindruckend sind sie immer noch. Dieses Duo aus Stahl, Glas, Beton und Aluminium wirkt wie aus einem Science-Fiction-Film der 90er Jahre. Drinnen sitzen ganz nüchtern Büromenschen, unter anderem die malaysische Ölgesellschaft Petronas, die den Türmen ihren Namen gegeben hat. Interessant ist übrigens diese Zahl: Die Petronas Towers haben jeweils 88 Stockwerke. 88 ist das chinesische Zahlen-Symbol für Reichtum. Wenn man schon Wolkenkratzer baut, dann bitte mit Feng-Shui-Garantie. In 172 Metern Höhe verbindet eine Skybridge den 41. und 42. Stock miteinander. In 172 Metern Höhe, zwischen dem 41. und 42. Stock, verbindet eine “Skybridge” die beiden Wolkenkratzer miteinander. Von dieser Verbindungsbrücke aus hat man natürlich eine spektakuläre Aussicht auf die gesamte Stadt und den KLCC Park.
Nach einer kurzen Stadtfahrt stehen wir schließlich vor dem Royal Selangor Pewter Visitor Centre. Hier erfahren wir Interessantes über die Geschichte des Zinngießens und können in der Werkshalle Kunsthandwerker bei der präzisen Arbeit beobachten. Malaysia war im 19. und frühen 20. Jahrhundert einer der weltweit wichtigsten Zinnproduzenten. Vor allem im Bundesstaat Perak wurden riesige Vorkommen entdeckt. Zinn war damals ein strategisch wichtiger Rohstoff, unter anderem für Konservendosen, Legierungen und später für die Elektronikindustrie. Der sogenannte „Tin Rush“ zog chinesische Arbeitskräfte ins Land, veränderte ganze Regionen und legte wirtschaftlich den Grundstein für das moderne Malaysia. In den 1970er-Jahren war Malaysia zeitweise sogar der größte Zinnproduzent der Welt. Erst mit fallenden Weltmarktpreisen und erschöpften Vorkommen ging die Bedeutung zurück.
Das Unternehmen wurde 1885 von einem chinesischen Einwanderer gegründet und ist heute eine der bekanntesten Zinnmarken weltweit. Das Besucherzentrum hier wurde sehr aufwendig inszeniert und man spürt den Stolz der Malaien auf ihre eigene Erfolgsgeschichte. Im Anschluss stöbern wir noch ein wenig im Shop. Dort gibt es elegante Tassen, Besteck und Wohnaccessoires bis hin zu Sammlerstücken in limitierter Auflage zu erwerben. Ich staune tatsächlich, was man aus diesem Material alles machen kann. Die Schönheit dieses Kunsthandwerks kann ich absolut anerkennen, muss aber gestehen, dass Hartzinn jetzt persönlich nicht unbedingt meinem Geschmack entspricht.
Unser letztes spirituelles Ziel liegt etwa 15 Kilometer nördlich von Kuala Lumpur: die Batu Caves. Ein rund 400 Millionen Jahre altes Kalksteinhöhlensystem, das heute eines der bedeutendsten hinduistischen Heiligtümer Malaysias ist. Meine persönliche Expertise im Hinduismus beschränkte sich bis dahin auf „Namasté“ im Yogakurs und die Information, dass Kühe heilig sind. Entsprechend groß ist die Neugier. Schon von Weitem leuchtet sie uns entgegen: die berühmte Rainbow Stairway bestehend aus 272 Stufen, die sich wie ein riesiger Regenbogen den Felsen hinaufschlängeln. Vor ihr thront die 40 Meter hohe goldene Statue von Lord Murugan. Er ist das hinduistische Symbol für Tapferkeit, Mitgefühl und spirituelle Weisheit. Auf den ersten Blick ist das sehr beeindruckend, keine Frage. Aber wir sind ausgerechnet am 7. Februar hier und es findet gerade Thaipusam statt, das größte hinduistische Fest außerhalb von Indien. Seit 1892 wird dieses Fest jedes Jahr Ende Januar oder Anfang Februar gefeiert. Für viele Hindus ist es einer der wichtigsten Tage überhaupt. Hunderttausende Pilger kommen zu den Batu Caves, fasten wochenlang, tragen kunstvoll geschmückte Kavadis, lassen sich symbolisch Spieße durch Haut oder Wangen stechen und erklimmen barfuß die 272 Stufen. Sie tun dies als Akt der Hingabe, des Dankes oder der Bitte um Schutz. Für die Gläubigen ist das ein zutiefst bewegender Moment. Für mich war es vor allem ziemlich überwältigend. Und nicht im schönen Sinn. Schon unten roch es nach Räucherwerk, Schweiß, Müll und nach Milch, die in der tropischen Hitze gekippt war. Ein Geruch, den man so schnell nicht vergisst. Später erst erklärte man mir, dass die Hindus Milchtöpfe als Opfergabe zu den Anlagen hinauftragen. Aber auch die Tempelanlagen sind anders als erwartet. Sie sind mit Weißlichtflutern so grell ausgeleuchtet, das man das Gefühl hat, man befinde sich auf einer Großbaustelle. Daran können auch die bunten Verzierungen nicht viel ändern. Überall plündern die freilebenden Makakenaffen die Mülltonnen und werfen Verpackungen durch die Gegend. Hähne und Pfauen werden in engen Käfigen in der Höhle gehalten. Und wirklich überall liegt Müll herum. Billige Verkaufsstände bieten blinkende Souvenirs neben quietschbuntem Plastik an. Das Bild von einem romantischen mystischen Felsentempel in tropischer Abgeschiedenheit ist für mich hier schneller zerbröckelt als ich „Namasté“ sagen kann. Und trotzdem: Mir ist bewusst, dass dieser Ort für viele Menschen hier heilig ist. Meine Überforderung sagt nichts Negatives über die Bedeutung des Rituals. Sie sagt nur etwas über meine eigene Erwartung. Vielleicht lag es am Festival. Vielleicht an meiner romantischen Vorstellung von Spiritualität. Am Ende blieb ich ratlos zurück. Natürlich habe ich ehrlichem Respekt für die rituale der Hindus, aber leider ging ich mit dem Gefühl, dass es einer der kulturellen Orte dieser Reise war, die ich persönlich am wenigsten mochte. Vielleicht hätte ich die Batu Caves in einem anderen Monat ganz anders erlebt. Wer weiß.