Shimizu: Die schöne Hafenstadt am Fuji
Shimizu liegt an der Ostküste der Hauptinsel, rund 120 Kilometer südwestlich von Tokio und etwa 13 Kilometer östlich von Shizuoka. Der Hafen öffnet sich zur Suruga-Bucht, der tiefsten Bucht Japans, und zählt zu den wichtigsten Handels- und Fischereihäfen des Landes. Vor allem für den Thunfischhandel spielt Shimizu bis heute eine zentrale Rolle. Gleichzeitig gehört der Hafen zu den drei schönsten Häfen Japans, da sich hier Japans bekanntester Berg Mount Fuji besonders häufig zeigt. Wir laufen früh am Morgen in Shimizu ein. Kurz vor Sonnenaufgang liegt der Fuji frei vor uns, rosa gefärbt vom ersten Licht. Der Fuji ist nicht nur der höchste Berg Japans, sondern eines der zentralen Symbole seiner kulturellen Identität. Mit 3.776 Metern überragt er die Region Chūbu und prägt seit Jahrhunderten die Vorstellung von Harmonie, Reinheit und Schönheit. Seit 2013 gehört der Fuji aufgrund seiner außergewöhnlichen religiösen, künstlerischen und historischen Bedeutung zum UNESCO-Weltkulturerbe. Seine nahezu perfekte Kegelform macht ihn zu einem der meistfotografierten Berge der Welt. Ob eingerahmt von Kirschblüten im Frühjahr, leuchtendem Herbstlaub oder schneebedeckt im Winter zieht er die Menschen in seinen Bann. Gerade diese Klarheit der Form hat Generationen von Künstlern inspiriert, von klassischen Holzschnitten bis zur modernen Fotografie.
Geologisch ist der Fuji ein Stratovulkan, aufgebaut aus mehreren Schichten von Lava und Asche, die sich über Hunderttausende Jahre abgelagert haben. Er gilt bis heute als aktiv, auch wenn der letzte Ausbruch im Jahr 1707 stattfand. Damals bedeckte eine massive Aschewolke die Region um Edo, das heutige Tokio. Spirituell ist der Fuji seit jeher ein heiliger Berg. Er gilt als Sitz der Shintō-Göttin Konohanasakuya-hime, die für Leben, Vergänglichkeit und Erneuerung steht. Bereits im 7. Jahrhundert begannen Pilger, den Gipfel zu besteigen. Bis heute ist es für viele Japaner ein Lebensziel, den Fuji zumindest einmal zu erklimmen. Zahlreiche Schreine, allen voran die Sengen-Schreine rund um den Berg, zeugen von dieser tiefen Verehrung. Interessant ist auch, dass der Fuji kein staatliches Eigentum ist: Der Gipfelbereich gehört dem Shintō-Schrein Fujisan Hongū Sengen Taisha, basierend auf einer Schenkung aus dem Jahr 1609 durch den Shōgun Tokugawa Hidetada. Besonders klare Sicht bietet sich jetzt im Winter, wenn kalte Luft und starker Wind die Atmosphäre reinigen. An solchen Tagen wirkt der Fuji fast grafisch. Unsere Reiseleiterin wird später sagen: Normalerweise ist der Berg sehr schüchtern, denn er versteckt sich fast immer in den Wolken. Heute zeigt er uns die Schönheit Japans.
Nach dem Anlegen fahren wir hinauf auf das Nihondaira-Plateau zur Nihondaira Yume Terrace. Die moderne Aussichtsplattform liegt oberhalb der Stadt Shizuoka und gilt als einer der klassischen Aussichtspunkte auf den Fuji. Entworfen wurde die Anlage vom renomieren Architekturbüro Kengo Kuma & Associates, das für seine zurückhaltende, naturbezogene Architektur bekannt ist. Die Terrasse besteht überwiegend aus lokalem Holz und fügt sich harmonisch in die Landschaft ein. Von hier oben öffnet sich uns ein weiter Rundumblick. Der Fuji steht im Norden klar im Raum und davor liegt die Suruga-Bucht mit ihrem tiefblauen Wasser. Die Plattform ist nicht nur Aussichtspunkt, sondern auch Ausstellungsort, an dem regionale Geschichte und Landschaft erläutert werden. Der Blick von hier erklärt schnell, warum man diese Plattform als einer der schönsten Fuji-Aussichtspunkte gilt. Wir sind sehr ergriffen von diesem ganz besonderen Moment.
Unser nächster Stop ist der Miho no Matsubara, ein Küstenstreifen mit mehreren tausend Steinkiefern. Ihre dunklen Stämme und grünen Kronen stehen im starken Kontrast zum hellen Sand und dem tiefblauen Meer. Der Ort ist seit Jahrhunderten Teil der japanischen Landschaftsmalerei und gehört ebenfalls zum UNESCO-Welterbe rund um den Fuji. Die Kombination aus Steinstrand, den Kiefern und der Bergkulisse wirkt besonders magisch. Die Kiefern sind aber nicht nur ein landschaftliches Element, sondern sie dienen auch als Windschutz gegen die Seeluft. Der Kiefernhain erstreckt sich über fast fünf Kilometer entlang einer Sandbank auf der Miho-Halbinsel. Die Bäume wurden in der Edo-Zeit gepflanzt und standen damals unter dem Schutz des Shogunats. Da sie zum nahegelegenen Miho-Schrein gehörten, galten sie als heilig und durften nicht gefällt werden. Erst während des Zweiten Weltkriegs verschwanden viele der Kiefern, als Holz dringend benötigt wurde. In den Jahren danach wurde der Hain durch die lokale Bevölkerung wieder aufgeforstet.
Bei einem Spaziergang erfahren wir, dass der Kiefernhain auch Schauplatz der bekannten japanischen Hagoromo-Sage ist. Der Legende nach legte ein himmlisches Wesen hier sein Federkleid ab, um im Meer zu baden. Ein Fischer entdeckte das Gewand und gab es erst zurück, nachdem die Himmelsfrau für ihn getanzt hatte. An diese Geschichte erinnert bis heute eine Statue im Hain. Jedes Jahr im Oktober wird hier außerdem das Hagoromo-Fest gefeiert, nahe jenem alten Pinienbaum, an dem das Federkleid der Sage nach gelegen haben soll.
Letzter Halt unserer Tour ist der Fischmarkt von Shimizu. Anders als die klassischen Vorstellungen eines japanischen Fischmarkts ist hier der Fisch bereits sauber verarbeitet, portioniert und verpackt und die Stände wirken eher wie eine Einkaufshalle als wie ein Marktplatz. In den Auslagen liegen unter anderem die berühmten Kirschgarnelen, die ausschließlich hier in der Suruga-Bucht gefangen werden. Die Bucht sorgt durch ihre besonderen Strömungen für einen außergewöhnlich artenreichen Lebensraum. Es macht Spaß durch die Markthalle zu bummeln und sich die vielen Pordukte genauer anzusehen. Unsere Reiseleiterin empfiehlt mir als Mitbringsel Wasabi-Salz, was ich dankend annehme.
So langsam drängt für mich aber die Zeit. Ich habe beschlossen, die AIDA für 2 Tage zu verlassen und stattdessen alleine in Japan weiterzureisen. Mein Ziel ist die ehemalige Hauptstadt Kyoto, die von Shimizu aus bequem mit dem Schnellzug erreichbar ist. Aber das ist ein Abenteuer, welches an anderer Stelle erzählt wird.