Kapstadt: Das schönste Ende der Welt
Mit Kapstadt erreichen wir ein weiteres Highlights unserer Weltreise. Die sogenannte „Mother City“ empfängt uns an diesem Morgen mit einem ziemlich spektakulären Sonnenaufgang. Die Spitzen von Table Mountain und dem gegenüberliegenden Lion's Head leuchten im warmen Märzlicht, und die von den AIDA-Gästen hochgepriesene Waterfront liegt verheißungsvoll vor uns. Wir stehen mit einem Kaffee an Deck, bestaunen dieses Panorama und wissen ziemlich schnell: Das wird ein guter Tag. Vielleicht sogar ein sehr guter. Zumal Papa damals bei seinem ersten Besuch schon ins Schwärmen geraten ist. Und wer ihn kennt, weiß, dass solche Begeisterung eher selten vorkommt. In diesem Moment ahne ich selbst noch nicht, dass Kapstadt am Ende auch auf meiner persönlichen Highlight-Liste fast ganz oben landen wird.
Wir entscheiden, uns Kapstadt auf dem silbernen Tablett servieren zu lassen und steigen in den City Sightseeing Cape Town Hop-On Hop-Off Bus. Der wurde uns von anderen Gästen mehrfach empfohlen, vor allem wegen der zwei Routen, die Stadt, den Tafelberg und die Küste perfekt miteinander verbinden. Touristischer geht es kaum, praktischer aber eben auch nicht. Es ist windig, aber ziemlich sonnig und somit geht ab aufs offene Oberdeck. Eine gute Entscheidung. Ganz entspannt können wir jetzt Stück für Stück alle Seiten dieser faszinierenden Stadt entdecken. Hinter der aufgeräumten Waterfront, wechseln die Gebäude schon bald ihr Erscheinungsbild. Wir sehen alte Fassaden mit Verzierungen, dazwischen aber auch funktionale Bauten und immer wieder etwas Moderneres. Ein wirklich spannender Mix. Im Ohr läuft parallel der Audioguide. Mit den kleinen Kopfhörern, die man einfach an den Sitzen einstecken kann, bekommt man die Geschichte der Stadt gleich mit dazu. Kapstadt wurde 1652 als Versorgungsstation gegründet und wurde schnell zum Knotenpunkt für Händler und Siedler aus Europa, Asien und Afrika. Viele Niederländer, Deutsche, Franzosen und Briten brachten ihre Einflüsse mit und formten die Stadt an der Südspitze Afrikas. Gleichzeitig bekommt man auch ein Gefühl für die Gegensätze, die diese Stadt prägen. Im Audioguide geht es um Kolonialzeit, Apartheid und die Entstehung der Townships. Orte wie Langa oder Khayelitsha liegen nicht auf unserer Route, dort wo fast 1 Millionen Menschen ohne Arbeit und in Hütten aus Wellblech und Holzresten leben.
Auf Empfehlung von unserer Mitreisenden Marion steigen wir am Greenmarket Square aus. Der wunderschöne Platz liegt mitten in der Stadt, eingerahmt von alten Gebäuden und kleinen Straßencafés. An diesem Platz wird nicht erst seit heute gehandelt. Hier befand sich früher ein Gemüsemarkt, woraus auch der Name „Green Market“ entstand. Heute ist es Markt hauptsächlich für Touristen mit Ständen aus ganz Afrika. Wohin man blickt gibt es Stoffe, Holzarbeiten, Schmuck und Bilder. Fast alle Händler sprechen uns aktiv, zeigen ihre Waren und wir lächeln nur verstohlen und murmeln freundlich, aber bestimmt “Thank you”. In Ruhe etwas betrachten ist unmöglich. Aber die Strategie geht auf, wenn man die einzelnen Geschichten oder in die warmherzigen Gesichter der Menschen blickt, schmilzt schon mal die ein oder andere Kaufresistenz dahin. Aus dem „nur mal schauen“ wird schlussendlich doch ein Kauf. Für Mama gibt es ein Gemälde auf Leinen, für mich eine geschnitzte Maske. Sie ist rund, fast wie ein kleines Schild, mit einem Gesicht in der Mitte und Mustern, die an Sonnenstrahlen erinnern. Der Händler erklärt uns, dass es sich um eine Willkommensmaske handelt und die Farben jeweils ihre eigene Bedeutung tragen. Viele dieser Masken, sagt er, stammen aus Burkina Faso. Auf seinem Handy zeigt er mir Fotos, auf denen er selbst mit dem Motorrad durchs Land fährt, um sie einzusammeln. Überzeugen muss er mich da längst nicht mehr. Ich habe schon entschieden, dass die Maske meinen Wohnung in Berlin schmücken wird. Mama macht noch schnell ein Erinnerungsfoto von mir und dem Verkäufer, bevor wir weiterziehen. Die Maske passt natürlich nicht in den Rucksack und wird damit schon zu Beginn des Tages zu einem zusätzlichen Gepäckstück. Ziemlich unhandlich, aber so ist das eben mit Dingen, die unbedingt mit nach Hause müssen. Ich hoffe nur, dass mein Talent, Dinge irgendwo liegen zu lassen, heute nicht wieder zuschlägt.
Anschließend bringt uns unser “Hoppie”, wie wir unseren Bus getauft haben, zum Botanischer Garten Kirstenbosch. Die Maske vom Markt darf ich zum Glück an der Rezeption abgeben und kann den Garten ohne störendes Gepäck genießen. Schon nach den ersten Metern sind wir begeistert. Hier gibt es keine exotische Sammlung aus aller Welt, sondern fast ausschließlich Pflanzen, die genau hierher gehören. Kirstenbosch wurde bereits 1913 gegründet und war einer der ersten botanischen Gärten überhaupt, der sich bewusst nur der einheimischen Flora gewidmet hat. Heute gehört er, wie auch schon der Garten in Singapur, zum UNESCO-Weltnaturerbes.
Schon die Lage ist einmalig. Unzählige Wege führen uns durch eine Landschaft, die sich harmonisch an den Hang des Tafelbergs schmiegt. Alles wirkt natürlich, als hätte man der Natur hier einfach ihren freien Lauf gelassen und nur ein paar Pfade hinzugefügt. Immer wieder stoßen wir auf kleine Tafeln, die erklären, was hier eigentlich wächst. Darauf ist zu lesen, dass die Cape Floral Region zu den artenreichsten Gebieten der Welt gehört. Auf weniger als einem halben Prozent der Fläche Afrikas wachsen hier rund 20 Prozent aller Pflanzenarten des Kontinents. Ein Großteil davon ist Fynbos, eine Vegetation, die es so nur hier gibt. Die Hartlaubgewächse benötigen nur wenige Nährstoffe und gedeihen auch ohne viel Wasser. Fun Fact: Gewächshäuser sucht man in Kirstenbosch vergeblich. Während man in Deutschland und anderswo an Glasbauten gewöhnt ist, in denen Pflanzen künstlich gehalten werden, wächst hier alles unter freiem Himmel. Durch die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen Südafrikas können mehrere Vegetationszonen hier ganz natürlich vorkommen. Wir sind im März hier, also am Ende des Sommers. Es ist nicht dieses überwältigende Blütenmeer was man zb. im afrikanischen Frühjahr sieht, aber es macht unseren Besuch nicht weniger spannend. Mein Fotoapparat bekommt auf jeden Fall einiges zu tun.
Plötzlich stehen wir vor dem sogenannten Boomslang. Dies ist eine geschwungene Konstruktion aus Holz und Stahl, die sich wie ein Skelett durch die Bäume zieht. Auf rund 130 Metern Länge können wir in bis zu elf Metern Höhe durch die Baumkronen wandern. Hier bekommen wir einen Blick, der normalerweise nur Vögeln und Affen vergönnt ist. Besonders schön ist aber der spektakuläre Panoramablick auf die umliegenden Berge. Hätten wir mehr Zeit, könnten wir von hier sogar auf den Tafelberg wandern. Leider ist es gar nicht so einfach, diese Konstruktion in ihrer ganzen Wirkung und im Zusammenspiel mit der Landschaft und dem Gelände darunter mit der Kamera einzufangen. Besser klappt es später mit der lebensgroßen Fischotter-Figur am sogenannten „Otter Pond“. In den Wasserläufen des Gartens leben tatsächlich Kap-Fingerotter, die vor allem in der Morgen- oder Abenddämmerung auf die Jagd nach Krabben oder Fischen gehen. Für uns bleibt es allerdings bei der Skulptur, denn die Tiere sind wahnsinnig scheu. Dafür bekommen wir andere Tiere zu Gesicht, zum Beispiel ein Kapfrankolin, so etwas wie die südafrikanische Version eines Rebhuhns.
Nach 2 Stunden merken wir langsam, wie groß dieses Gelände eigentlich ist. Ein halber Tag reicht längst nicht aus, um einen Eindruck zu bekommen. Am Ende unseres Spaziergangs finden wir dann doch noch ein Gewächshaus. Hier drin finden wir die Welwitschia aus Namibia, eine der bemerkenswertesten Pflanzen der Welt. Sie stammt aus der Namib-Wüste und gilt als lebendes Fossil, das sich seit Millionen Jahren kaum verändert hat. Trotz ihres unscheinbaren Aussehens kann sie über 1.000 Jahre alt werden und ist perfekt an extreme Bedingungen wie Hitze, Trockenheit und Sandstürme angepasst. Ein tolles Teil.
Wir lassen den Botanischen Garten hinter uns und nehmen mit dem Bus Kurs auf die Küste. Auf dem Weg nach Hout Bay fahren wir an einer dicht bebauten Siedlung vorbei, eng aneinandergeschobene Wellblechdächer ziehen sich den Hang hinauf. Im Audioguide wird das Township Imizamo Yethu vorgestellt. Es liegt auf der touristischen Route und wird bewusst nicht ausgeblendet. Das finde ich überraschend, aber absolut richtig, dass hier darüber gesprochen wird. In solchen Momenten wird mir meine eigene Perspektive wieder sehr bewusst. Wie priviligiert ich hier im Bus sitze, den Luxus habe, mir die Welt anzuschauen und in ein sicheres und komfortables Leben in Berlin zurückkehren darf. Während die Menschen hier in absoluter Armut, in diesen spärlichen Behausungen leben, ohne Möglichkeiten daran viel zu ändern. Zwei so unterschiedliche Lebensrealitäten. All das existiert ja nicht, weil ich etwas anders gemacht habe, sondern weil ich zufällig in einem anderen Teil der Welt geboren wurde. Das sollte man niemals vergessen.
Unser nächster Halt Hout Bay liegt geschützt zwischen dem markanten Chapman's Peak auf der einen Seite und Bergen wie dem Karbonkelberg und dem auffälligen Sentinel auf der anderen. Eine Lage, die nicht nur schön, sondern auch schon früh strategisch interessant war. Bereits im 17. Jahrhundert erkannte Jan van Riebeeck das Potenzial dieser Bucht. Damals ging es weniger um Tourismus, sondern um Holz und Landwirtschaft. Später kamen die Europäer nicht nur zum Wirtschaften, sondern auch zum Sichern. Franzosen bauten hier im 18. Jahrhundert erste Forts, die später von den Briten übernommen wurden. Richtig geprägt hat den Ort aber die Fischerei. Über viele Jahre war Hout Bay ein wichtiger Standort für die südafrikanische Fischindustrie. Noch heute sieht und riecht man das am Hafen. Erst in den 1970er Jahren begann man, den Ort stärker touristisch zu erschließen. Mit dem Mariner’s Wharf entstand ein Zentrum aus Restaurants, kleinen Läden und allem, was dazugehört.
Wir steigen aus, laufen ein Stück durch den Hafen und schauen auf diese unglaublich schöne Bucht mit den Bergen dahinter. Am Strand spielen ein paar Kinder Fußball, oberflächlich sieht es fast idyllisch aus. Viel zu schnell geht es wieder zurück in den Bus. Von der imposanten Küstenstraße M6 sehen wir auf dieser Runde leider nicht allzu viel. Der Bus ist rappelvoll, die guten Plätze längst vergeben. Also fassen wir einen Plan: Wenn wir schon hier sind, dann machen wir es richtig. Wir nehmen statt der blauen jetzt die rote Linie des Hop on Hop Off Busses und drehen die Runde einfach nochmal. Zurück an der Waterfront steigen wir in den letzten Bus des Tages und sichern uns diesmal die besten Plätze auf dem Oberdeck. Manchmal muss ein Tourist eben tun, was ein Tourist tun muss.
Ein weiterer Vorteil unserer Entscheidung zeigt sich wenig später. Die rote Route führt nicht nur an der Küste entlang, sondern auch direkt zur Seilbahnstation des Table Mountain. Es ist schön, dieses Wahrzeichen noch einmal aus nächster Nähe zu sehen, auch wenn wir uns das „ganz nach oben“ für ein anderes Mal aufheben. Der Tafelberg steht dabei nicht allein. Zum Massiv gehören auch der Devil’s Peak, der Lion's Head, der Signal Hill und die sogenannte Bergkette der Zwölf Apostel. Der Name ist dabei etwas großzügig gewählt, tatsächlich sind es deutlich mehr Gipfel, die sich entlang der Küste ziehen. Der Berg selbst wurde bereits 1951 zum Natur- und historischen Denkmal erklärt und umfasst ein großes Gebiet mit Fynbosvegetation, Felsen und einheimischem Wald. Zahlreiche Wanderwege führen durch die Landschaft, zusätzlich bringt eine Seilbahn Besucher nach oben. Die oft erwähnte „Tischdecke“, eine Wolkendecke über dem Plateau, lässt heute auf sich warten. Stattdessen klare Sicht. Was sind wir wieder für Glückspilze.
Kurz darauf erreichen wir die M6, eine der spektakulärsten Küstenstraße der Welt. Natürlich wird sie ihrem Ruf mehr als gerecht, auch wenn wir nur einen Teil von ihr sehen. Ein besonders schöner Abschnitt liegt weiter südlich Richtung Kap der guten Hoffnung, den wir uns ebenfalls für ein anderes Mal aufheben müssen. Bei Camps Bay erfolgt dann glücklicherweise über den Audioguide ein entscheidender Hinweis: „Bitte drehen Sie sich jetzt um.“ Gesagt, getan und sofort wird klar warum. Hinter uns schmiegt sich sich die wunderschöne Bergkette der Zwölf Apostel malerisch an die Küste. Ohne diesen Hinweis hätten wir diesen Blick vermutlich einfach verpasst. Die Küste ist absolut atemberaubend. Trotz der Nähe zum Zentrum von Kapstadt strahlt Camps Bay das beschwingte Flair eines mondänen Urlaubsorts aus. Die Promenade an der Küstenlinie ist nicht nur von Palmen, sondern auch von zahlreichen Hotels, Restaurants und Cafés gesäumt, in denen sich Menschen aus der ganzen Welt treffen. Es gibt allerhand prunkvolle Villen und der Audioguide berichtet von diversen Prominentensichtungen. Wir beaobachten Menschen beim Spazierengehen, beim Sport machen oder wandern. Badende sieht man hingegen kaum. Mit 13 bis 15 Grad Wassertemperatur ist ein Bad im Atlantik ganzjährig aber eher etwas hartgesottene Schwimmer. Aber das Wasser hat auch so seinen Reiz. Viele Strände im Raum Kapstadt eignen sich zum Surfen, zum Relaxen oder um Pinguine, Delfine oder Wale zu sehen. Ich freue mich hingegen jetzt über das traumhafte Licht. Das Fotografieren macht dann immer am meisten Spaß.
Unser letzter Stopp an diesem Tag ist natürlich die Victoria & Alfred Waterfront. Hier wird sichtbar, wie sehr sich Kapstadt auch auf Besucher eingestellt hat. Die Wege gehören zu einer entspannten Fußgängerzone, die Gebäude sind aufwendig restauriert und wunderschöne Restaurants und Geschäfte reihen sich aneinander. Das ehemalige sehr düstere Hafenviertel wurde seit den späten 1980er Jahren komplett neu gedacht und gilt heute als eines der gelungensten Beispiele für die Umwandlung eines alten Industriehafens. Noch heute erinnern historische Gebäude wie der Clock Tower an die maritime Vergangenheit, während gleichzeitig Straßenmusiker spielen und sich Menschen aus aller Welt zwischen den Cafés und Läden bewegen.
Als wir an einer Figur von Nelson Mandela vorbeikommen, möchte ich unbedingt ein Foto machen. Die etwa 3 Meter hohe Skulptur besteht aus unzähligen kleinen Glasperlen und zeigt ihn in einem seiner typischen Madiba-Hemden. Ich stelle mich neben ihn und nehme seine Hand. Man kann nichts anderes als Optimismus in seiner Präsenz verspüren. Mandela steht für den Kampf gegen die Apartheid, für 27 Jahre Haft und für die Entscheidung, danach nicht auf Vergeltung zu setzen, sondern auf Versöhnung. Als erster demokratisch gewählter Präsident hat er den Übergang in ein neues Südafrika geprägt.
Wir flanieren weiter und bleiben noch einen Moment bei einer afrikanischen Tanzgruppe stehen. Wunderschön sehen die Menschen in ihren farbenfrohen Kostümen und ihrem Perlenschmuck aus. Die Performance ist Lebensfreude und Rhythmus pur, ansteckend und voller Energie. Wie man dabei nicht wenigstens mit dem Fuß mitwippt oder in die Hände klatscht, ist mir ein Rätsel. Es ist der perfekte Abschluss für diesen Tag. Am liebsten würde ich hier noch zwei Wochen dranhängen. In die Berge wandern, das Kap der Guten Hoffnung sehen, die Pinguine besuchen oder einfach diese Küstenstraße entlangfahren. Sehnsucht macht sich breit, die Stadt will wirklich jeden zum Wiederkehren verführen. Kapstadt hat gehalten, was es uns am Morgen versprochen hat: das schönste Ende der Welt zu sein.