Busan: Tradition trifft Gangnam-Style

Die Emotionen sind an diesem Tag etwas höher als sonst. Vielleicht, weil es unser erster Schritt auf koreanischen Boden ist. Vielleicht, weil es überhaupt unser erster in Asien ist. Oder vielleicht, weil elf Seetage genug Zeit geben, um sich auf einen richtigen Kulturschock vorzubereiten. Die letzten Tage sind wirklich verflogen. Mama hat sich in Bücher zurückgezogen, Shufflebord gespielt, hat Menschen mit tschechischer Muttersprache kennengelernt und sich treiben lassen. Ich bin meinen eigenen Wegen gefolgt. Die Reisedokumentationen schlucken natürlich entsprechend Zeit, aber auch Bewegung und Sport. Seit kurzem hat mich das Cycling gepackt. Eigentlich dürfte das keine Überraschung sein. Das Sportteam an Bord ist super nett und man geht hier nicht nur zumTraining, man geht fast zu Freunden und radelt dabei irgendwie gemeinsam um die Welt. Besonders genossen haben wir auch die Vorträge unseres Lektors Ingo Bauernfeind. Wie man Geschichte so lebendig, humorvoll und gleichzeitig präzise und frei erzählen kann, bleibt uns ein Rätsel. Wir werde ihn sehr vermissen. Er steigt in Tokio leider ab. Zuvor hat er uns natürlich in seinen Vorträgen auch auf Korea eingestimmt.

Es ist kurz vor Sonnenaufgang, als wir Busan erreichen. Die Temeraturen haben sich von sommerlich warm zu winderlich kalt entwickelt. Auf dem Deck fröstelt es alle bei rund 0 Grad. Ein klirrend kalter Tag kündigt sich an. Schön! Die Skyline glimmert bereits in der Morgenröte und viele Hochhäuser staffeln sich vor den Hügeln der Stadt. Wir sind jetzt wirklich ganz woanders. Busan ist die zweitgrößte Stadt Südkoreas und besitzt einen der bedeutendsten Häfen der Welt. Dass dieses kleine Land einmal eine einflussreiche Wirtschafts- und Kulturnation werden würde, war vor der Jahrtausendwende noch gar nicht abzusehen. Nach Jahrzehnten als japanische Kolonie, dem Koreakrieg und wechselnden Militärregierungen, kam es erst 1987 zu echten demokratischen Reformen. Seitdem hat sich Südkorea, das einst "Land der Morgenstille" genannt wurde, mit Weltmarken wie Samsung, Hyundai und LG in Windeseile zu einem wichtigen wirtschaftlichen Player entwickelt. Auf kultureller Ebene ist das Land mittlerweile ebenfalls international aufgestellt. Die Musikrichtung K-Pop hat seinen Siegeszug um die Welt schon längst angetreten und auch koreanische Filme und Serien sind in aller Munde und zum Mainstream geworden. Die Welt schaut nach Südkorea und wir sind tatsächlich heute hier. Live vor Ort. Wie verrückt ist das bitte?

Heute gehen Mama und ich getrennte Wege. Während Mama die moderne Seite der Stadt, den Skywalk und die Seilbahn besuchen wird, fahre ich hinaus hinein in die Berge. Mit etwas Glück treffen wir uns später auf dem größten Fischmarkt Südkoreas wieder. Mein Guide an diesem Tag heißt Haley. Sie ist 32 Jahre alt und in Busan geboren. Heute lebt sie in in der Hauptstadt Seoul, die man nín weniger als 3h mit dem Schnellzug erreicht. Ihr Englisch ist makellos und es ist eine Freude ihr zuzuhören. Haley gibt uns auf der Fahrt bereits einen Crashkurs in koreanischer Kultur und erklärt uns, wie tief diese in ihren jahrhundertealten Traditionen und Werten verwurzelt ist und wie sich dies auf die Mentalität der Menschen auswirkt. Respekt, Gemeinschaftsdenken und Fleiß prägen das Leben von Japanerinnen und Japanern. Gleichzeitig hat die rasante Modernisierung des Landes dazu geführt, dass traditionelle und moderne Werte nebeneinander existieren müssen.

Unser erster Stop der Beomeosa Tempel liegt am Fuß des Berges Geumjeongsan, eingebettet in schönste Natur. Der Tempel wurde vor rund 1.300 Jahren gegründet und ist ein Ort, der mehrmals neu beginnen musste. Einer Legende nach befand sich auf dem Bergrücken des Geumjeongsan ein goldener Brunnen, in dem goldene Fische auf fünffarbigen Wolken vom Himmel herabstiegen, um zu spielen. Daher der Name Geumjeongsan und Beomeosa-Tempel. Der koreanische Buddhismus wir übrigens Seon genannt. Haley erklärt uns die Bedeutung der drei Tore, die zur Anlage führen. Das erste Ein-Säulen-Tor symbolisiert denWeg. Dann erscheinen die vier Himmelskönige, die über der Anlage wachen und schließlich durchlaufen wir das Tor der Nicht-Dualität. Nicht-Dualität ist ein spirituelles Konzept, das besagt, dass alle scheinbaren Gegensätze und Trennungen – wie Subjekt und Objekt, Ich und Welt – Illusionen sind und dass auf einer tieferen Ebene alles eine unteilbare, einheitliche Wirklichkeit ist, die nur durch den Verstand getrennt wahrgenommen wird. Klingt doch einfach oder? ;) Die Anlage zieht sich weit den Hang hinauf. Einheimische ziehen an den Gebäuden die Schuhe aus und betreten danach die kleinen Gebetsräume. Heute ist eine besondere Festlichkeit und es wird Reiskuchen ausgegeben. Von überall tönen die Gesänge der Mönche, deren Stimmen dem Besuch eine ganz besondere Atmosphäre verleihen. Besonders auffällig sind die flatternden Zettel an Lotuslaternen. Die Zettel heißen Balwonmun und wörtlich bedeutet das so viel wie „Gelöbnis“ oder „Herzenswunsch“. Darauf schreiben Menschen ihre Anliegen: Gesundheit für die Familie, Schutz für Kinder, Klarheit in einer Entscheidung. Die Zettel werden, meist an Buddhas Geburtstag im April oder Mai in der Nähe der Gebetshallen gehängt. In der Seon-Tradition gilt: Nicht der Wunsch selbst steht im Mittelpunkt, sondern die Haltung, aus der er entsteht. Viele Mönche sagen sinngemäß: Wenn du deinen Wunsch klar aufschreiben kannst, hast du den ersten Schritt bereits getan. Ein wenig fließen bei mir schon die Tränen. Nicht nur das schwere Wissen, das das hier Papas Traum war und dass er hier stehen wollte. Aber auch durch die spürbare Kraft, die man hier an diesem Ort empfängt. Es muss ein ganz besonderes Erlebnis sein, hier eine gewisse Zeit unterhalb der Mönche zu leben und die eigene Haltung zum Leben zu reflektieren.

Vom Tempel geht es zurück in die Stadt in das Künstlerviertel Gamcheon. Und der Bruch könnte größer kaum sein. Nach der stillen Ordnung des Tempels ist man hier wieder Trubel und Bewegung ausgesetzt. Bunte Häuser kleben wie Bauklötze am Hang, Treppen winden sich durch Gassen und Katzen dösen auf Fensterbänken. Die Stimmung ist lebendig und überraschend leicht. Farbige Fassaden mit Wandmalereien, dazwischen wechseln sich kleine Galerien und Cafés mit Dachterassen ab. Gamcheon war einmal ein Ort der Not. Entstanden ist er in den 1950er-Jahren, als Flüchtlinge des Koreakriegs hier oben siedelten, weil es unten in Busan keinen Platz mehr gab. Sie bauten mit dem, was da war und das Ergebnis war provisorisch und eng. Jahrzehntelang galt das Viertel als Armutsgebiet. Erst ab 2009 begann ein Wandel, als Künstlerinnen und Künstler eingeladen wurden, die Häuser zu gestalten, ohne die Geschichte zu übertünchen. Gamcheon ist zum Glück kein Freilichtmuseum geworden. Noch immer leben Menschen hier und Touristen werden behutsam durch das Viertel anhand einer Wegbeschreibung geleitet. Viele Touristen, die das Gamcheon Culture Village besuchen, probieren den traditionellen Hanbok aus. Eine traditionelle koreanische Kleidung der Aufklärungszeit, die hier gemietet werden kann. Es gibt viele kleine Läden und wer möchte, kann hier auch selbst kreativ werden. Was mir sofort auffällt: Die weltberühmte Figur des Kleinen Prinzen ist hier allgegenwärtig. Er sitzt auf Mauern, blickt über die Stadt, steht an Aussichtspunkten, oft mit dem Fuchs an seiner Seite. Keine Figur ist hier so präsent wie er. Und das ist kein Zufall. Der Kleine Prinz steht in Korea für etwas sehr Grundsätzliches: für das Kind im Erwachsenen, für Verlust und Sehnsucht, für die Fähigkeit, mit dem Herzen zu sehen. In einem Viertel, das aus Entwurzelung entstanden ist, passt diese Figur erschreckend gut. Viele sehen im Kleinen Prinzen auch ein Spiegelbild der Menschen von Gamcheon selbst. Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren hatten, in einer fremden Umgebung landeten und dennoch versuchten, etwas Eigenes aufzubauen. Er steht für Verlust, Hoffnung und Neuanfang und fast jeder lässt sich hier mit der symbolträchtigen Figur fotografieren.

Ich entdecke auf dem Spaziergang auch etwas ungewöhnlichere Läden, etwa ein 1-Minuten-Karikaturgeschäft oder das Gamcheon Post Office. In diesem wird die Zeit bewußt gedehnt. Man kauft spezielle Postkarten und Briefmarken, schreibt ein paar Zeilen und wirft sie in einen der roten Slow-Mail-Briefkästen. Die Karten werden erst Monate oder sogar ein Jahr später zugestellt, auch international. Diese roten Briefkästen gehören längst zum Charme des Viertels. Schreiben wird hier wieder zu einem bewussten Akt, zu einem kleinen Ritual. Das gefällt mir wirklich gut, auch wenn ich es nicht mehr schaffe an diesem Ritual teilzunehmen. Ach, diese Aida Reiseplanung. Ein kleines Zeitkorsett, dass man immer öfter mal ablegen möchte.

So langsam knurrt der Gruppe der Magen und was wäre ein Tag in Korea ohne das landestypische Essen. In Berlin gehe ich viel zu selten koreanisch essen, obwohl ich Bibimbap liebe. Umso größer die Freude, dass auf meinem Ausflug ein koreanisches BBQ auf dem Programm steht. Nach dem Künstlerdorf ist es Zeit für eine Mittagspause und wir finden Platz in einem typisch koreanischen Lokal, das sich ganz auf BBQ spezialisiert hat. Wir sitzen an einem kleinen Tisch, in dessen Mitte der Grill eingelassen ist. Daneben köchelt unter einer integrierten Tischflamme eine Misosuppe mit Tofu vor sich hin. Kaum haben wir uns gesetzt, brutzelt dick geschnittener Schweinebauch auf dem Rost, Samgyeopsal, genau so, wie man ihn hier isst. Koreanisches BBQ ist kein passives Essen. Jeder Bissen wird selbst gebaut. Ein Salatblatt in die Hand, etwas Reis hinein, Fleisch vom Grill, ein bisschen Soße, zusammenklappen und ab in den Mund. Unsere Wraps sind regelmäßig zu groß geraten und passen kaum zwischen die Backen, aber wir üben auch noch. Geschmacklich ist es eine kleine Explosion. Fettig, würzig, säuerlich, scharf und absolut lecker. Vorallem das gemahlene Bohnenpulver hat es mir angetan. Darin hatten wir das Fleisch gedippt. Dazu kommen die vielen Banchan, das sind eingelegte und fermentierte Beilagen wie Kimchi oder Rettich. Sie füllen den Tisch und werden untereinander geteilt. Alles wandert immer wieder, alles wird probiert und kommentiert. Während die einen skeptisch auf fermentiertes Gemüse blicken und andere Tofu lieber liegen lassen, greife ich begeistert bei allem zu. Was ich besonders mag: Koreanisches BBQ ist ein sehr gemeinschaftliches Essen. Man sitzt nicht nur zusammen, sondern teilt, redet und lacht viel. Am Ende sind wir proppesatt und zumindest ein Teil der Gruppe absolut beseelt. Was für ein toller Vorgeschmack auf die asiatsche Küche. Bitte mehr davon!

Zum Abschluss führt uns Busan wieder zurück ans Meer. Wir fahren nochmal nach Downtown und steuern als ersten Stopp den Jagalchi-Fischmarkt an, Koreas größtem Fischmarkt. Schon im Untergeschoss reiht sich Stand an Stand, die meisten davon sind von Frauen betrieben. In den Becken leben Seescheiden, Aale, Abalone, unzählige Fischarten, dazu Austern und Muscheln in Größenordnungen, wie wir sie noch nie gesehen haben. Daneben stapeln sich frisch oder getrockner Seetag oder Algen. Die Becken werden mit fließendem Wasser gespeist, alles lebt noch, auch wenn manches leider nur noch knapp. Die Fülle des Meeres und das was aus ihm herausgeholt wird, ist überwältigend in jeder Hinsicht. Draußen rund um den Markt setzt sich das Bild fort. Auch hier reihen sich Stände an Stände. Aufgespießte Rochen, riesige Oktopusse, roh oder bereits gegart, Barrakudas, Plattfische und der sorgfältig verpackte Seetang. Wir staunen über die schiere Menge und fragen uns unweigerlich, wie hoch der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch von Meeresfrüchten hier wohl sein muss. Das alles passiert ja nicht ausnahmsweise, sondern jeden Tag.

Zwischen den Marktgassen landen wir kurz darauf in einem riesigen überdachten Areal mit sich kreuzenden Wegen und noch mehr Essensständen. Koreanisches Streetfood ist weltberühmt und wir haben erstmal Mühe uns einen Überblick zu verschaffen, was es alles gibt. Überall zischt und brutzelt es, die Stände befinden sich auch in den schmalsten Gassen. Es gibt vorallem frittierte Teigwaren, süß und herzhaft, große Töpfe mit Bohnen und Suppen, dazu noch mehr Frittiertes. Busan ist berühmt für seine Fischkuchen, Eomuk, die hier überall am Spieß verkauft werden. Wir beobachten erstmal die Szene mit etwas Abstand, bevor wir erkennen, wie es funktioniert. Man wählt einen Spieß, entweder aus klarem köchelndem Wasser oder aus einer schärferen Chili-Basis, tunkt ihn kurz in Sesamöl und isst direkt vom Spieß. Während mein Magen nach dem koreanischen BBQ noch streikt, springt mein Blick weg vom Essen zum nächsten typisch koreanischen Phänomen: Skincare, also koreanische Hautpflege. Die Produkte gelten als besonders innovativ, vor allem wegen ihrer Inhaltsstoffe wie Snail Mucin, einem Sekret von Schnecken, oder Centella Asiatica, einer Art Tigergras, welches die Kollagenproduktion unterstützt. Während es bei mir oft gerade zum Abschminken und einer Nachtcreme reicht, umfassen die koreanische Routinen gerne 3 bis 10 Schritte. Der überzeugendste Beweis steht direkt vor mir hinter der Ladentheke: Verkäuferinnen, die aussehen wie Anfang vierzig und beiläufig erwähnen, dass sie Mitte sechzig sind. Es fällt nicht allzu schwer, sich davon beeindrucken zu lassen und die Kreditkarte zum Glühen zu bringen. Was für ein Einstieg in die asiatische Welt!

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