Busan: Zwischen Megacity und Gangnam-Style
Die Emotionen sind an diesem Tag etwas höher als sonst. Vielleicht, weil es unser erster Schritt auf koreanischen Boden ist. Vielleicht, weil es überhaupt unser erster in Asien ist. Oder vielleicht, weil elf Seetage genug Zeit geben, um wieder mit voller Wucht im Hier und Jetzt zu landen. Diese elf Tage sind verflogen. Mama hat sich in Bücher zurückgezogen, Shufflebord gespielt, hat Menschen mit tschechischer Muttersprache kennengelernt und sich treiben lassen. Ich bin meinen eigenen Wegen gefolgt. Die Reisedokumentationen schlucken natürlich entsprechend Zeit, aber auch Bewegung und Sport. Seit kurzem hat mich das Cycling gepackt. Eigentlich dürfte das keine Überraschung sein. Das Sportteam an Bord ist außergewöhnlich nett und man geht nicht nur zumTraining, man geht fast zu Freunden und radelt dabei irgendwie gemeinsam um die Welt. Besonders genossen haben wir die Vorträge unseres Lektors Ingo. Wie man Geschichte so lebendig, humorvoll und gleichzeitig präzise und frei erzählen kann, bleibt uns ein Rätsel. Wir werde ihn sehr vermissen. Natürlich hat er uns auch auf Korea eingestimmt. Ein Land, das Technik liebt und gleichzeitigTradition bewahrt, in dem man schnelleres Internet hat als irgendwo sonst, in dem Mahlzeiten geteilt werden und Verbeugungen mehr sagen als Worte. Ein aufstrebendes Land zwischen Bergen, Stränden und Megastädten.
Es ist kurz vor Sonnenaufgang, als wir Busan erreichen. Die Skyline glimmert in der Dämmerung und die glänzenden Hochhäuser staffeln sich vor den Hügeln. Man spürt sofort: Wir sind jetz wirklich ganz woanders. Busan ist die zweitgrößte Stadt des Landes und besitzt einen der bedeutendsten Häfen der Welt.
Heute gehen Mama und ich getrennte Wege. Während Mama die moderne Seite der Stadt, den Skywalk und die Seilbahn besuchen wird, fahre ich hinaus hinein in die Berge. Mit etwas Glück treffen wir uns später auf einem der größten Fischmärkte der Welt wieder. Mein Guide an diesem Tag heißt Haley. Sie ist 32 Jahre alt und in Busan geboren. Heute lebt sie in in der Hauptstadt Seoul, die man nín weniger als 3h mit dem Schnellzug erreicht. Ihr Englisch ist makellos und es ist eine Freude ihr zuzuhören.
Unser erster Stop der Beomeosa Tempel liegt am Fuß des Berges Geumjeongsan, eingebettet in schönste Natur. Der Tempel wurde vor rund 1.300 Jahren gegründet und ist ein Ort, der mehrmals neu beginnen musste. Der koreanische Buddhismus, Seon genannt, lebt von Reduktion und Präsenz. Einer Legende nach befand sich auf dem Bergrücken des Geumjeongsan ein goldener Brunnen, in dem goldene Fische auf fünffarbigen Wolken vom Himmel herabstiegen, um zu spielen. Daher der Name Geumjeongsan und Beomeosa-Tempel. Haley erklärt uns die Bedeutung der Tore, die zur Anlage führen. Das erste Ein-Säulen-Tor, das den einen Weg symbolisiert. Dann die vier Himmelskönige, die über der Anlage wachen und schließlich das Tor der Nicht-Dualität. Nicht-Dualität ist ein spirituelles Konzept, das besagt, dass alle scheinbaren Gegensätze und Trennungen – wie Subjekt und Objekt, Ich und Welt – Illusionen sind und dass auf einer tieferen Ebene alles eine unteilbare, einheitliche Wirklichkeit ist, die nur durch den Verstand getrennt wahrgenommen wird. Ganz einfach oder? ;) Die Anlage zieht sich weit den Hang hinauf. Einheimische ziehen an den Gebäuden die Schuhe aus und betreten danach die kleinen Gebetsräume. Heute ist eine besondere Festlichkeit und es wird Reiskuchen ausgegeben. Von überall tönen die Gesänge der Mönche, deren Stimmen dem Besuch eine ganz besondere Atmosphäre verleihen. Besonders auffällig sind die flatternden Zettel an den Laternen. Die Zettel heißen Balwonmun und wörtlich bedeutet das so viel wie „Gelöbnis“ oder „Herzenswunsch“. Darauf schreiben Menschen ihre Anliegen: Gesundheit für die Familie, Schutz für Kinder, Klarheit in einer Entscheidung. Die Zettel werden, meist an Buddhas Geburtstag im April/Mai an Lotuslaternen in der Nähe von Gebetshallen gehängt. Der Lotus steht im Buddhismus für Reinheit und Erwachen: Er wächst aus dem Schlamm, ohne schmutzig zu werden. In der Seon-Tradition gilt: Nicht der Wunsch selbst steht im Mittelpunkt, sondern die Haltung, aus der er entsteht. Viele Mönche sagen sinngemäß: Wenn du deinen Wunsch klar aufschreiben kannst, hast du den ersten Schritt bereits getan. Ein wenig fließen bei mir schon die Tränen. Nicht nur das schwere Wissen, das das hier Papas Traum war und dass er hier stehen wollte. Aber auch durch die spürbare Kraft, die man hier an diesem Ort empfängt. Es muss ein ganz besonderes Erlebnis sein, hier eine gewisse Zeit unterhalb der Mönche zu leben und die eigene Haltung zum Leben zu reflektieren.
Vom Tempel geht es zurück in die Stadt in das Künstlerviertel Gamcheon. Und der Bruch könnte größer kaum sein. Nach der stillen Ordnung des Tempels kippt die Welt hier in Farbe, Enge und Bewegung. Häuser kleben wie Bauklötze am Hang, Treppen winden sich durch Gassen, Wäsche flattert zwischen Mauern, Katzen dösen auf Fensterbänken. Gamcheon war einmal ein Ort der Not. Entstanden in den 1950er-Jahren, als Flüchtlinge des Koreakriegs hier oben siedelten, weil es unten in Busan keinen Platz mehr gab. Sie bauten mit dem, was da war und das Ergebnis war provisorisch und eng. Jahrzehntelang galt das Viertel als Armutsgebiet. Erst ab 2009 begann ein Wandel, als Künstlerinnen und Künstler eingeladen wurden, die Häuser zu gestalten, ohne die Geschichte zu übertünchen. Gamcheon ist zum Gkück kein Freilichtmuseum geworden. Noch immer leben Menschen hier und Touristen werden behutsam durch das Viertel anhand einer Wegbeschreibung geleitet. Es gibt viele kleine Läden und wer möchte, kann hier auch selbst kreativ werden. Was mir sofort auffällt: Die weltberühmte Figur des Kleinen Prinzen ist hier allgegenwärtig. Er sitzt auf Mauern, blickt über die Stadt, steht an Aussichtspunkten, oft mit dem Fuchs an seiner Seite. Keine Figur ist hier so präsent wie er. Und das ist kein Zufall. Der Kleine Prinz steht in Korea für etwas sehr Grundsätzliches: für das Kind im Erwachsenen, für Verlust und Sehnsucht, für die Fähigkeit, mit dem Herzen zu sehen. In einem Viertel, das aus Entwurzelung entstanden ist, passt diese Figur erschreckend gut. Viele sehen im Kleinen Prinzen auch ein Spiegelbild der Menschen von Gamcheon selbst. Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren hatten, in einer fremden Umgebung landeten und dennoch versuchten, etwas Eigenes aufzubauen. Sein Blick über Busan wirkt deshalb mehr als nur dekorativ. Er steht für Verlust, Hoffnung und Neuanfang. Kein Wunder, dass sich hier eine kleine, geduldige Schlange bildet. Jede und jeder möchte diesen einen Moment festhalten, still, konzentriert, fast ehrfürchtig.
Gamcheon selbst ist dabei alles andere als still. Die Stimmung ist lebendig, bunt und überraschend leicht. Farbige Fassaden, Wandmalereien, kleine Galerien und Cafés mit Dachterrassen wechseln sich ab. Dazwischen ungewöhnliche Läden, etwa ein 1-Minuten-Karikaturgeschäft oder das Gamcheon Post Office. Hier wird Zeit gedehnt. Man kauft spezielle Postkarten und Briefmarken, schreibt ein paar Zeilen und wirft sie in einen der roten Slow-Mail-Briefkästen. Die Karten werden erst Monate oder sogar ein Jahr später zugestellt, auch international. Diese roten Briefkästen gehören längst zum Charme des Viertels. Oft stehen sie in unmittelbarer Nähe der Kleiner-Prinz-Fotospots und laden dazu ein, innezuhalten. Schreiben wird hier wieder zu einem bewussten Akt, zu einem kleinen Ritual. Das gefällt mir wirklich gut, auch wenn ich es nicht mehr schaffe an diesem Ritual teilzunehmen.
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